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Angstforscher zum Corona-Lockdown: „Die Aussicht auf einen Impfstoff gibt ein Gefühl von Kontrolle“

  • Angst zählt zu den Grundemotionen des Menschen.
  • Was aber, wenn das Gefühl im Corona-Lockdown zum Dauerzustand wird?
  • Wer vermehrt auf soziale Medien zugreift, weist oft eine ausgeprägtere Corona-spezifische Angst auf als andere, sagt der Psychiater Jens Plag von der Berliner Charité.
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Mit Angst kennt sich Jens Plag aus – auch in der Pandemie. Der Psychiater leitet die Angstambulanz an der Berliner Charité und forscht zu coronaspezifischen Angstzuständen. Er sagt: „Jeder Mensch hat Angst – und das ist gut so.“ Krankhaft werde das Gefühl allerdings, wenn es den Alltag zunehmend dominiert. Wo die Grenze verläuft, wann psychologische Hilfe ratsam ist und was die Gefühlsspirale in Pandemiezeiten mit sozialen Medien zu tun hat, erklärt der Experte im RND-Interview.

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Herr Plag, Deutschland ist im zweiten Teillockdown, die Zukunft ist ungewiss. Verspüren Sie persönlich gerade Angst?

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Ich verspüre wenig Angst, sondern eher Respekt vor der Situation. Die getroffenen Maßnahmen empfinde ich als geeignet, um die Pandemie ein Stück weit kontrollieren zu können. Deshalb dominiert bei mir nicht das Gefühl des Kontrollverlusts, das Auslöser für die Angst sein kann. Es ist zu hoffen, dass, je mehr wir uns an die neue Situation mit dem Virus gewöhnen, auch die psychische Belastung in der Gesellschaft abnimmt. Die Aussicht auf einen Impfstoff und eine Therapie gegen Covid-19 gibt sicherlich vielen Menschen ein Gefühl von Kontrolle.

Sie schreiben in Ihrem Buch, „Keine Panik vor der Angst! Angsterkrankungen verstehen und besiegen“, Angst sei überlebenswichtig und eine Grundemotion des Körpers.

Genau, die Angst hilft dabei, neue Situationen einschätzen lernen zu können. Wer Angst verspürt, ist vorsichtig und tastet sich heran. Denn Unbekanntes kann potenziell gefährlich sein. So ist das jetzt auch in der Pandemie. Angst und Respekt vor dieser Situation, die es so noch nie gegeben hat, sind also völlig normal. Das Gefühl darf aber nicht handlungsleitend werden und den Alltag komplett beherrschen.

Kontrolle hilft, die Angst in Schach zu halten, sagt Jens Plag von der Angstambulanz an der Charité Berlin © Quelle: Charité Berlin
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Angst kann in Corona-Pandemie krankhaft werden

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Wo genau verläuft diese Grenze zwischen der Alltagsangst und einer Angststörung, die behandelt werden muss?

Behandlungswürdig wird Angst dann, wenn sie Betroffene im Alltag stark belastet und beeinträchtigt. Wenn ich Dinge eigentlich machen möchte und kann, aber die Emotionen mich nicht lassen, ist das der Schritt in Richtung Krankheit. Die Angst verliert in diesem Moment ihre Schutzfunktion. Vieles bis alles im Alltag orientiert sich dann an diesem Gefühl und entwickelt ein Eigenleben.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Jemand will gerne an die frische Luft und weiß genau, dass das Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus im Freien nicht hoch ist. Aus Angst geht die Person aber generell nicht mehr vor die Tür. Dann entwickelt diese Emotion eine sehr starke Eigendynamik und psychotherapeutische Hilfe ist ratsam. Das Gute bei Ängsten: In ihnen kann auch eine Ressource stecken, um eine gute Eigenwahrnehmung zu entwickeln. Der Austausch mit Freunden und der Familie hilft als Spiegel, um einordnen zu können, ob die eigenen Empfindungen verhältnismäßig sind.

Wer ist besonders anfällig für Angststörungen?

Das hängt stark von den Lebensumständen ab. Stress spielt eine große Rolle. Wer beispielsweise schon länger in einer finanziell oder familiär schwierigen Lage ist, erlebt permanent ein hohes Stresslevel. Kommt die Bedrohung durch Covid-19 dann noch dazu, ist es wahrscheinlicher, dass daraus eine Angsterkrankung resultiert. Wir beobachten auch, dass mehr Frauen als Männer einen Behandlungswunsch haben. Das muss aber nicht heißen, dass Frauen eher Angst verspüren. Die Forschung vermutet, dass sich Männer weniger oft trauen, zum Psychologen zu gehen.

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Konsum sozialer Medien verstärkt psychische Belastung

Machen sich Angststörungen seit Beginn der Corona-Pandemie verstärkt bemerkbar?

Im klinischen Bereich merken wir das im Moment nicht. Patienten, die schon vorher in Behandlung waren, zeigen nicht unbedingt eine Verschlechterung. Es wenden sich auch nicht sonderlich viele Menschen mit Corona-spezifischen Ängsten direkt an uns. Allerdings zeigen zwei von uns durchgeführte Studien mit einer stichprobenartigen Befragung in der Bevölkerung, dass sich die Nutzung von Medien auf die coronaspezifische Angst auswirkt.

Vor allem diejenigen, die vermehrt auf soziale Medien zugreifen, wiesen in unseren Studien eine stärkere psychische Belastung und eine ausgeprägtere Corona-spezifische Angst auf. Unsere Daten wiesen darauf hin, dass sich dies auch erst Monate nach dem eigentlichen Konsum äußern kann. Auslöser kann zum Beispiel plötzlich vermehrter Stress durch familiäre oder ökonomische Probleme sein.

Also lieber nicht jeden Morgen direkt Facebook, Instagram und Twitter checken?

Wir sollten tatsächlich vorsichtig sein. Nicht umsonst empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, sich höchstens zweimal am Tag medial mit dem Thema Corona-Pandemie auseinanderzusetzen. Überschreitet eine Person diese Grenze, kann die Belastung deutlich zunehmen. Das zeigen auch unsere Daten.

Können Familie und Freunde dabei helfen, die innere Corona-Angst zu lösen?

Die sozialen Begrenzungen, die wir jetzt erleben, sind total ungewohnt. Das ist für Menschen, die sowieso schon anfällig für Ängste sind, besonders schwierig. Sie können sich nur noch erschwert mit anderen austauschen – obwohl gerade das gegen die Angst hilft. Es ist deshalb ganz wichtig, dass das soziale Umfeld, also Freunde, Partner, Familie, Kollegen, bewusst den Dialog sucht. Es reicht oft schon, mit simplen Fragen aktiv zur Seite zu stehen: Also, wie geht es dir? Kann ich dir irgendwie helfen?

Freunde und Familie können auch eine Stütze bei der Suche nach psychologischer oder psychiatrischer Hilfe sein. Sie können Adressen raussuchen, Anrufe tätigen, Termine vereinbaren. Eine Therapeutenrolle sollten sie aber nicht übernehmen, weil es keinen emotionalen Abstand gibt – wie bei einem Psychologen oder Psychiater.

Kann eine Angsterkrankung geheilt werden?

Als Psychotherapieform ist die kognitive Verhaltenstherapie das Mittel der Wahl bei Angsterkrankungen und gut wirksam. Aber auch eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva kann bei Angsterkrankungen gut helfen. Wird eine erstmals aufgetretene Angsterkrankung allerdings nicht zeitnah behandelt, verläuft sie meistens chronisch. Die Wahrscheinlichkeit ist dann hoch, dass die Ängste immer weiter zunehmen oder es regelmäßig zu Rückfällen kommt.

Und wenn ich lange warten muss, bis ein Termin beim Psychologen frei wird?

Es ist keine Seltenheit, dass es bis zu einigen Monaten dauert, bis ein Therapieplatz frei wird. Neben der Psychotherapie gibt es aber für die meisten Angsterkrankungen wie gesagt auch die Möglichkeit der medikamentösen Therapie vor allem mit Antidepressiva, die überbrückend helfen kann. Diese Medikamente können auch von Hausärzten verschrieben werden.

Interesse an einem vertieften Einblick in den aktuellen Forschungsstand zu Ängsten? Am 9. November veröffentlicht Jens Plag ein Buch zum Thema, das er mit seinem Kollegen Andreas Ströhle geschrieben hat: „Keine Panik vor der Angst! Angsterkrankungen verstehen und besiegen“ (Kailash Verlag).

RND

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