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Bundesweiter Versorgungsmangel

Krebsmedikament Tamoxifen bundesweit nicht lieferbar – Arzneimittelengpässe nehmen zu

Bei den beiden Männern wurde 20 Gramm Speed gefunden.

Die Lieferengpässe bei Medikamenten nehmen zu (Symbolbild).

Das Krebsmedikament Tamoxifen ist derzeit bundesweit von einem Versorgungsmangel betroffen. Das hat das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) am 11. Februar offiziell bekannt gegeben. Die Apothekerverbände der Länder bestätigen den Mangel auf Anfrage. „Der Engpass in der Versorgung mit dem Krebsmittel Tamoxifen beschäftigt die Apotheken vor Ort bereits seit Wochen bundesweit“, sagt Nina Grunsky vom Apothekerverband Westfalen-Lippe. „Über den normalen Großhandelsweg ist kaum mehr etwas zu bestellen.“

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Tamoxifen ist ein Medikament, das zur Behandlung von Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind oder waren, eingesetzt wird. Deutschlandweit sind rund 130.000 Bürgerinnen auf das Präparat angewiesen. Eine alternative gleichwertige Arzneimitteltherapie stehe nicht zur Verfügung, schreibt das BMG.

Importe aus Europa sollen helfen

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) prüft bereits seit Januar die Verfügbarkeiten für tamoxifenhaltige Arzneimittel und ermittelt Maßnahmen, um einem drohenden Versorgungsengpass entgegenzuwirken. Eine der Maßnahmen: die Feststellung des Versorgungsmangels durch das BMG. Denn das ist letztlich die Voraussetzung dafür, dass die Landesbehörden im Einzelfall und befristetet von bestehenden Vorgaben des Arzneimittelgesetzes abweichen dürfen.

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In diesem Fall heißt das, dass tamoxifenhaltige Arzneimittel auch aus anderen europäischen Ländern importiert werden können – zumindest wenn eine Allgemeinverfügung der Länder dazu vorliegt. „Diese Verfügungen ermöglichen es den Apotheken und dem Großhandel, unter bestimmten Auflagen auch in Deutschland nicht zugelassene tamoxifenhaltige Arzneimittel zu beschaffen und abzugeben“, erklärt Frank Eickmann, Pressesprecher des Apothekerverbands Baden-Württemberg.

Ob das das Problem löst, ist allerdings noch unklar: „Unserer Kenntnis nach ist aber auch der internationale Markt mindestens als ‚angespannt‘ zu beurteilen. Eine nennenswerte Verbesserung der Versorgungssituation in den vergangen Tagen konnten wir jedenfalls nicht beobachten“, so Eickmann. Und auch Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein, sagt: „Wir haben erste Rückmeldungen von Apotheken, die berichten, dass europäische Importe schon nicht mehr möglich sind. Mittlerweile werden die Tamoxifen-Produkte aus Übersee importiert, zum Beispiel aus Kanada.“

Neue Verfügbarkeiten Ende April

Wieso es zu dem Versorgungsmangel von Tamoxifen gekommen ist, ist derzeit ungeklärt. „Die Ursachen dieses Versorgungsmangels sind vielgestaltig und bedürfen der differenzierten Betrachtung“, heißt es vom BfArM. Es seien „Wechselwirkungen verschiedener Effekte“ eingetreten, die zu der vorliegenden kritischen Versorgungssituation geführt hätten. Unternehmerseitig seien aber bereits Produktionen weiterer Chargen initiiert worden und man könne etwa ab Ende April 2022 von neuen Verfügbarkeiten ausgehen, so das BfArM.

Für die meisten Apothekerverbände der Länder ist der Tamoxifen-Engpass die besondere Zuspitzung eines bereits bestehenden Problems. Die Lieferengpässe von Medikamenten seien schon seit Jahren ein zunehmendes Problem in Deutschland und Europa. „Lieferschwierigkeiten gibt es leider immer wieder und auch zunehmend, wobei die Ursachen unterschiedlich sein können“, sagt etwa Carsten Pelzer, Geschäftsführer des Apothekerverbands Mecklenburg-Vorpommern. „In vielen Fällen handelt es sich um die Folge des verständlichen Wunsches, den Patientinnen und Patienten in Deutschland möglichst günstige Arzneimittel zur Verfügung zu stellen.“

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Das könne dazu führen, dass Wirkstoffe nur noch von wenigen Herstellerinnen und Herstellern und außerhalb der EU produziert würden, weil es sich wirtschaftlich sonst nicht lohne. „Wenn es dann in diesen wenigen Produktionsstätten oder innerhalb der Lieferketten Ausfälle gibt, lässt sich das kurzfristig nur schwer ausgleichen“, so Pelzer.

Produktion in Fernost gefährdet Verfügbarkeit

„Für viele Wirkstoffe gibt es aufgrund des Preisdrucks nur noch wenige Produzenten, meist in Asien, manchmal sind es weltweit nur noch zwei. Wenn dann bei einem der Wirkstoffhersteller Produktionsprobleme entstehen, kommt es zu den Lieferengpässen, denn die wenigen verbleibenden Produzenten können die Nachfrage nicht decken“, erklärt Nina Grunsky. „Ohne die Wirkstoffe aber können die Hersteller in Europa keine Arzneimittel herstellen – und die Schubladen in der Apotheke bleiben leer.“

Das bestätigt auch Thomas Preis: „Früher galt Deutschland als die Apotheke der Welt, heute wird in China und Fernost produziert“, erklärt er. Wenn dort etwas ausfalle, habe das meist auch Folgen für die Arzneimittelversorgung in Deutschland. „Von 650 Millionen verordneten Packungen im Jahr 2017 waren etwa 4,7 Millionen nicht lieferbar, 2018 waren es schon 9,3 Millionen Packungen und 2019 waren sogar mehr als 18 Millionen nicht verfügbar“, so Preis.

Ein Ende bei den Steigerungen der Zahl der Lieferdefekte sei nicht absehbar. „Auf der offiziellen Informationsseite des BfArM waren 2017 noch etwa 100 Engpassmeldungen eingetragen, 2020 waren es bereits 543“, so Preis. Seiner Meinung nach solle die Arzneimittelproduktion mehr nach Deutschland und Europa verlagert werden. „Bis dahin brauchen wir mehr Transparenz über die Produktionsprozesse der Arzneimittel, um entstehende Lieferengpässe möglichst frühzeitig zu erkennen“, so Preis.

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Und Grunsky insistiert: „Dies zeigt unseres Erachtens, dass die Gesundheits- und Arzneimittelversorgung nicht den uneingeschränkten Kräften des freien Marktes und Preiswettbewerbes ausgesetzt werden darf, wenn die Versorgung der Patienten nicht gefährdet werden soll.“

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