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Die Gefahr der Superspreader: Warum ein Einzelner Pandemien auslösen kann

  • Einzelne Personen können als Superspreader eine Epidemie unwissend rasant beschleunigen.
  • Superspreader sind Personen, die mehr Menschen mit einem Virus anstecken können als statistisch üblich.
  • Die unerkannte Gefahr könnte auch die Corona-Epidemie befeuert haben, wie Beispiele von Fußballspielen und aus Ischgl zeigen.
Alice Mecke
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Hannover. In der aktuellen Corona-Epidemie wird davon ausgegangen, dass ein Covid-19-Infizierter im Schnitt zwei bis drei weitere Menschen anstecken kann. Doch es gibt auch sogenannte Superspreader, also Extremverbreiter. Das sind Menschen, die überdurchschnittlich viele Infektionen auslösen. Schon einer von ihnen beschleunigt eine Pandemie extrem. Im Zusammenhang mit der aktuellen Corona-Epidemie stehen einige Superspreading-Ereignisse im Fokus, wie Fußballspiele, Privatpartys oder die verspätete Quarantäne im Skiort Ischgl.

Es sind bislang zwar keine präzisen Ansteckungsketten dokumentiert, doch es ist wahrscheinlich, dass einzelne Superspreader die regionalen Covid-19-Ausbrüche beschleunigt haben.

Warum wird man zum Superspreader?

Laut Wissensmagazin “Spektrum” ist bislang unklar, warum Menschen zu Superspreadern werden. Es könnte an ihrer Biologie liegen, dass sie aus genetischen Gründen mehr Viruspartikel in sich tragen beispielsweise. Ein anderer Erklärungsansatz ist, dass das Verhalten der jeweiligen Menschen den Ausschlag gibt. Wenn Personen viele Sozialkontakte haben, eine große Familie oder von Berufswegen Menschen recht nahe kommen, gehören sie eher zu den Extremverteilern. So könnte auch ein Arzt, der selbst über seine eigene Infektion gar nichts weiß, aber mit vielen Patienten zusammenkommt und deswegen viele andere ansteckt, ein Superspreader sein. Wie viele Personen mehr als die bekannten zwei bis drei Personen ein Superspreader infizieren kann, ist ebenfalls nicht bekannt.

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Die Angst vor dem Coronavirus steigt vielen zu Kopf. Fake News, irreführende Gerüchte und viel Panikmache helfen da nicht.  © Alice Mecke/Marc Mensing/RND
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Ischgl als Verbreitungsort für ganz Europa

Tirol gilt inzwischen als Hochrisikogebiet für die Ausbreitung des Coronavirus in Europa. Wie das Virus nach Ischgl gelang, ist bislang unklar. Bis Freitag, 27. März, sind in Tirol sechs Menschen am Coronavirus verstorben, über 1600 sind infiziert. Am 29. Februar teilten isländische Behörden erstmals Corona-Infektionen aus Ischgl mit – bei einer zurückgekehrten Reisegruppe wurden 15 Corona-Fälle entdeckt. Island ernannte Ischgl daraufhin am 5. März zum Risikogebiet.

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Doch in Ischgl wurde weitergefeiert, auch als am 8. März bekannt wurde, dass ein Barkeeper in der Ischgler Après-Ski-Bar Kitzloch mit dem Coronavirus infiziert war. Auch 15 Personen aus dem Umfeld des Barkeepers in Ischgl wurden positiv getestet. Zwei Tage später, am 10. März, wurde zumindest die Bar geschlossen, erst am 14. März wurde die Skisaison in Ischgl beendet. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft, ob in Ischgl Ende Februar ein Corona-Fall bei einer Mitarbeiterin eines Gastronomiebetriebs vertuscht wurde.

Fälle wie dieser, in denen ein Mensch binnen zwei Tagen mindestens 15 Personen infiziert, zeigen, wie gefährlich unentdeckte Superspreader sind. So können sie in kurzer Zeit viele Menschen infizieren, und die nehmen die Viren anschließend in ihre Heimatregionen mit und stecken dort weitere Personen an.

Fußballspiele als Beschleuniger?

Italien und Spanien sind europaweit am meisten von Corona-Infektionen betroffen. Nun gibt es Überlegungen, ob Fußballspiele den Ausbruch beschleunigt haben. Denn am 19. Februar und 10. März trafen im Achtelfinale der Champions League der italienische Verein Atalanta Bergamo und der spanische FC Valencia aufeinander. Das Hinspiel fand vor 44.000 Zuschauern im Giuseppe-Meazza-Stadion (ehemals San Siro) in Mailand statt und wird inzwischen als “Spiel null” bezeichnet

Viele der etwa 120.000 Einwohner Bergamos sind an jenem 19. Februar unterwegs zur Begegnung nach Mailand. Unzählige verfolgen zudem das Hinspiel mit Freunden, in Bars dicht gedrängt, wie Bergamos Bürgermeister Giorgio Gori sagt. Nach dem 4:1-Sieg liegen sich die Fans jubelnd in den Armen. Mittlerweile gibt es in der Region Bergamo mehr als 7000 Infizierte und mehr als 1000 Tote, mit einer extrem hohen Dunkelziffer.

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Auf die Frage, ob die rasante Coronavirus-Ausbreitung mit dem Fußballspiel zusammenhängt, teilte der Zivilschutz mit: “Wir haben keinerlei gesicherte Daten, die solch eine These unterstützen.” Allerdings spricht der Chef der Behörde, Angelo Borrelli, von einem “potenziellen Detonator”. Der Chef des nationalen Gesundheitsbehörde ISS, Silvio Brusaferro, sagt, es sei eine Annahme, die in Betracht gezogen werde. Es sei aber derzeit schwer, sie zu überprüfen.

Geburtstagsparty mit Folgen

Doch es müssen nicht die ausverkauften Stadien oder Touristen-Hotspots sein. Eine private Geburtstagsparty mit rund 50 Gästen in Westport im US-Bundesstaat Connecticut gilt inzwischen als “Party null” der Region. Die “New York Times” berichtet, dass vor der Party am 5. März keine Corona-Fälle aus der Region gemeldet wurden. Der 40. Geburtstag änderte die Statistik: 38 Personen ließen sich nach der Feier testen, die Hälfte der Tests war positiv. Zuvor war ein Gast auf dem Rückflug nach Johannesburg erkrankt und positiv auf Corona getestet. Drei Tage nach der Party zeigte auch eine Frau in Westport Symptome.

Welchen Einfluss die Party im Detail hatte, ist unklar, die Wahrscheinlichkeit ist aber hoch, dass sie zumindest zur schnellen Ausbreitung des Virus beigetragen hat. Westport gilt inzwischen als “Corona-Hochburg” in Connecticut, so der Bericht der “New York Times”.

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Spring Break in den USA: Infektionen steigen noch an

Generell sind die USA schwer von der Corona-Epidemie betroffen. Am Donnerstagabend (26. März) meldete Amerika mit über 85.000 Fällen mehr Corona-Infizierte als China. Und in den nächsten Wochen könnten die Zahlen noch mal ansteigen. Dann sind nämlich die Frühlingsferien, besser bekannt als Spring Break, im Land vorbei. Trotz zahlreicher Warnungen verbrachten Tausende junge Menschen ihre Ferien im Süden, etwa in Florida. Vom Spring Break könnten sie das Virus in den nächsten Wochen verstärkt in den USA verteilen.

Junge Menschen befeuern Corona-Pandemie

Junge Menschen stehen insgesamt im Verdacht, die Corona-Pandemie unfreiwillig zu befeuern. Denn sie haben verhältnismäßig mehr Sozialkontakte, auch durch die Schule, Uni oder Arbeit. In Südkorea wurden Corona-Infizierte sehr umfassend getestet. Daten zeigen: Fast 30 Prozent der Corona-Infizierten waren zwischen 20 und 29 Jahre alt. So viele Infizierte gab es in keiner anderen Altersspanne. Noch mal zur Verdeutlichung: Infizierte Menschen, auch wenn sie keine Symptome spüren, stecken im Schnitt zwei bis drei Personen an. Davon sind auch junge Leute nicht ausgenommen.

Auch in Deutschland gibt es Corona-Hotspots

Auch in Deutschland konnten mittlerweile Superspreading-Ereignisse ausgemacht werden. Ein Infektionsherd war offenbar ein Konzert mit mehreren Posaunenchören am 1. März in einer kleinen Kirche in Kupferzell, in Hohenlohekreis in Baden-Württemberg. Dort gibt es derzeit 74 Fälle. In Pfedelbach gibt es 92 Infizierte. Aus der Gemeinde kommt einer der Chöre. In einem Video bezeichnete die Leiterin des Kreis-Gesundheitsamts, Antje Haack-Erdmann, die beiden Orte als “Hotspots”. Die Fallzahlen in den 14 anderen Kommunen sind weit niedriger, größtenteils einstellig. Die Zahl der Neuinfektionen steige nicht mehr exponentiell, teilte der Kreis mit.

Infizierte seien außerdem beim “Rebenglühen” (6. bis 8. März) gewesen, einem Fest mit mehr als 10.000 Teilnehmern in Bretzfeld. Wie viele Personen sich möglicherweise angesteckt haben, sei nicht ermittelbar, teilte der Kreis mit. Das Landratsamt habe Gemeinde und Veranstalter noch von der Durchführung abgeraten.

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Das neuartige Coronavirus hat Deutschland erreicht, doch es gibt viele Möglichkeiten, um sich vor dem Anstecken zu schützen.  © Alice Mecke/RND

Maßnahmen befolgen

Da nicht getestet werden kann, ob ein Mensch Superspreader ist, ist die wirksamste Methode nach wie vor: Soziale Kontakte minimieren und zu Hause zu bleiben. Wie lange das Kontaktverbot noch anhalten wird, kann derzeit niemand genau sagen. Am Donnerstag sagte Kanzlerin Angela Merkel allerdings, dass sie es für viel zu früh hält, über eine Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu sprechen.

RND/Alice Mecke/dpa

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