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Studie zu Astrazeneca: Risiko für Hirnvenenthrombose auch bei Frauen über 60 Jahren erhöht

  • Den Corona-Impfstoff von Astrazeneca sollen in Deutschland vor allem Menschen über 60 Jahren erhalten.
  • Denn bei Jüngeren sind im Zusammenhang mit der Impfung mehrfach Hirnvenenthrombosen aufgetreten.
  • Eine Analyse der Deutschen Gesellschaft für Neurologie legt nun nahe, dass auch die über 60-Jährigen ein erhöhtes Thromboserisiko haben.
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Berlin. Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca soll in den Arztpraxen bald für alle Impfwilligen zur Verfügung stehen – ohne Priorisierung nach Alter, Vorerkrankung oder Berufsgruppe. Das gab Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstag nach Beratungen mit den Gesundheitsministern der Länder bekannt. Die Ständige Impfkommission empfiehlt das Vakzin primär für Menschen über 60 Jahren. Hintergrund sind mehrere Fälle von Hirnvenenthrombosen, die in zeitlichem Abstand zur Impfung mit dem Astrazeneca-Präparat aufgetreten sind – insbesondere bei jüngeren Frauen.

Eine Analyse der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) legt jetzt nahe, dass auch bei Frauen über 60 Jahren das Risiko für Hirnvenenthrombosen nach Impfung mit dem Vektorvakzin des britischen-schwedischen Pharmakonzerns erhöht sei. Die Ergebnisse hat das Forscherteam um Prof. Jörg Schulz, Professor für restaurative Neurobiologie an der Universitätsklinik Aachen, am Dienstag auf dem Preprint-Server medRxiv veröffentlicht. Die Ergebnisse müssen noch von unabhängigen Experten begutachtet werden.

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DGN verzeichnet 45 Fälle von Hirnvenenthrombosen

Die DGN hatte alle neurologischen Kliniken in Deutschland gebeten, Fälle von Hirnvenenthrombosen sowie ischämischen und hämorrhagischen Schlaganfällen, die innerhalb eines Monats nach einer Corona-Impfung aufgetreten sind, zu erfassen und mithilfe eines digitalen Fragebogens bis zum 14. April 2021 zu übermitteln.

Insgesamt 87 Meldungen über unerwünschte Ereignisse gingen bei der Fachgesellschaft ein, 62 von ihnen standen im Zusammenhang mit einer Corona-Impfung. Hirnvenenthrombosen traten in 45 Fällen auf – meist schon nach der ersten Impfdosis. Mehr als drei Viertel der Betroffenen (77,8 Prozent) waren Frauen, die mehrheitlich jünger als 60 Jahre waren. Bei 37 der insgesamt 45 gemeldeten Fälle wurde eine Hirnvenenthrombose nach Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin diagnostiziert. Die restlichen Meldungen standen im Zusammenhang mit dem Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer.

Inzidenzrate bei über 60-Jährigen genauso hoch wie bei jüngeren Frauen

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Die Forscher berechneten zudem die Ereignisrate pro 100.000 Personenjahre, indem sie die gemeldeten Fälle in Beziehung zur Gesamtzahl der in der jeweiligen Alters-, Geschlechts- und Impfstoffgruppe verabreichten ersten Dosen des jeweiligen Impfstoffs setzten.

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Damit Astrazeneca in Deutschland nicht einfach in den Regalen liegt, haben drei Bundesländer nun die Impfreihenfolge für dieses Mittel außer Kraft gesetzt.  © Reuters

„Die Inzidenzrate der Hirnvenenthrombosen bei Frauen unter 60 nach Gabe des Astrazeneca-Impfstoffs betrug 24,2/100.000 Personenjahre, die von Frauen über 60 nach Gabe des gleichen Impfstoffs 20,5/100.000 Personenjahre“, erläuterte Prof. Tobias Kurth, Direktor des Instituts für Public Health an der Charité-Universitätsmedizin, der für die statistische Auswertung der Daten zuständig war. „Unsere Daten zeigen also: Auch ältere Frauen haben ein erhöhtes Risiko, Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach Gabe des Astrazeneca-Vakzins zu erleiden.“

Autoimmunreaktion wohl verantwortlich für Hirnvenenthrombosen

Die DGN weist jedoch darauf hin, dass es sich bei den Hirnvenenthrombosen um sehr seltene Nebenwirkungen handelt. „Bei Frauen aller Altersklassen traten zwar mehr Fälle thrombotischer Ereignisse auf, die Rate war aber in Anbetracht der vielen Millionen verimpften Dosen insgesamt immer noch sehr gering“, sagte Prof. Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der Fachgesellschaft. „Bei der Abwägung muss auch berücksichtigt werden, dass das Risiko einer Sinusvenenthrombose bei einer Covid-19-Infektion um den Faktor 10 erhöht ist, die Erkrankung führt verhältnismäßig häufig zu thrombotischen Ereignissen mit Todesfolge, die Impfung nur extrem selten.“

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Doch warum kommt es überhaupt zu Hirnvenenthrombosen nach der Astrazeneca-Impfung? Forscher aus Greifswald vermuten dahinter eine Autoimmunreaktion. Sie untersuchten das Blut von Geimpften aus Deutschland und Österreich, die nach der Impfung mit dem Vektorvakzin eine Thrombose und einen Mangel an Blutplättchen entwickelt hatten. Dabei fanden sie spezielle Antikörper, die an die Blutplättchen binden und diese aktivieren. In der Folge verklumpt das Blut, es bildet sich ein Gerinnsel.

Ema empfiehlt Astrazeneca-Vakzin uneingeschränkt

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hatte Ende April noch einmal bekräftigt, dass der Nutzen des Astrazeneca-Vakzins größer sei als die damit verbundenen Risiken. Eine Hirnvenenthrombose käme bei durchschnittlich einer von 100.000 geimpften Personen vor, hatte eine Analyse der Behörde ergeben. Dem gegenüber stehe das Potenzial des Vektorimpfstoffs, das Risiko für schwere Covid-19-Erkrankungen in der Pandemie zu reduzieren. Die EMA kam schließlich zu dem Ergebnis, dass das Vakzin weiterhin uneingeschränkt genutzt werden könne.

In Deutschland ist man dagegen vorsichtiger: Das Astrazeneca-Präparat kommt zunächst in erster Linie bei Menschen über 60 Jahren zum Einsatz. Jüngere können auf eigenen Wunsch und nach ausführlicher, ärztlicher Aufklärung geimpft werden. Der Einsatz des Vakzins liege im ärztlichen Ermessen, schreibt hierzu das Bundesgesundheitsministerium für Gesundheit auf seiner Internetseite.

DGN fordert Nutzen-Risiko-Abwägung durch Behörden

In seinem letzten Sicherheitsbericht von Anfang April hatte das Paul-Ehrlich-Institut über 42 Fälle einer Hirnvenenthrombose berichtet, die nach Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff gemeldet wurden. In 23 Fällen konnte ein Mangel an Blutplättchen nachgewiesen werden. Betroffen waren mehrheitlich Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren.

Die Ergebnisse der DGN-Studie werfen nun neue Fragen auf. Zum Beispiel: Muss der Einsatz des Astrazeneca-Vakzins auch für über 60-Jährige eingeschränkt werden? Prof. Christian Gerloff, Präsident der DGN, machte deutlich: „Wir stellen damit nicht die Impfung in Frage, auch nicht das Astrazeneca-Vakzin, denken aber, dass alle Personen, vor allem Frauen, vor der Impfung über dieses Risiko aufgeklärt werden sollten, gerade auch im Hinblick darauf, auf welche Symptome sie im Nachgang zu achten haben. Außerdem sollte sehr zeitnah eine neue Risiko-Nutzen-Bewertung durch die zuständigen Behörden erfolgen.“

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