Studie: Patienten werden viel zu häufig unnötig operiert

  • Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass viele Operationen nicht nötig sind.
  • Durch diese Operationen werden Menschen geschädigt und Ressourcen verschwendet.
  • Patienten sollten sich immer über Risiken und Nutzen einer Behandlung informieren.
Heidi Becker
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Hannover. Ob beim Zahnarzt oder beim Allgemeinmediziner: Die individuellen Gesundheitsleistungen, die vom Patienten selbst zu zahlen sind, werden in vielen Praxen angeboten. Ob sie wirklich nötig sind, hat sich sicher schon mal der ein oder andere Patient gefragt.

Operationen sind bei vielen Menschen nicht nötig

Die Bertelsmann Stiftung hat sich nun in einer Studie mit der Problematik der Überversorgung beschäftigt. Das Berliner IGES Institut hat in diesem Zusammenhang herausgefunden, dass von den jährlich rund 70.000 Schilddrüsenoperationen bei 90 Prozent der Eingriffe keine bösartigen Veränderungen vorliegen. Auch bei den Operationen am Eierstock wird bei nur jeder zehnten Frau eine bösartige Erkrankung festgestellt.

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„Choosing Wisely“ arbeitet gegen die Überversorgung

In Amerika und Kanada hat sich eine Bewegung gebildet, die gegen diese Überversorgung angeht und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient anstrebt.

„Choosing Wisely“ (deutsch: Gemeinsam klug entscheiden) arbeitet mittlerweile in über 20 Ländern – die Gründerin und Leiterin von „Choosing Wisely International“, Wendy Levinson, sagt, dass schätzungsweise 30 Prozent der medizinischen Leistungen in westlichen Industrieländern auf Überversorgung entfallen.

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Eckhard Volbracht, Gesundheitswissenschaftler und Projektmanager der Bertelsmann Stiftung und Co-Autor der Studie, erklärt die Problematik dahinter.

Herr Volbracht, wie finde ich als Patient heraus, ob meine Behandlung wirklich notwendig ist?

Letztlich ist das eine Frage an Arzt und Patient. Die Ärzte müssen unbedingt mehr ihrer Pflicht nachkommen, über Behandlungsalternativen zu informieren, dazu sind sie schließlich gesetzlich verpflichtet. Nutzen und Risiken müssen klarer aufgezeigt werden – in der Regel werden gerade die Risiken nicht ausreichend kommuniziert.

Die Erfahrung zeigt, wenn man Nutzen und Risiken von allen Behandlungsalternativen gut kommuniziert und mit dem Patienten bespricht, wird der Patient in der Regel auch zurückhaltender. Als Patient sollte man auch mal offener für abwartende Strategien sein. Sowohl die Ärzte als auch die Patienten neigen oft eher zum Handeln, sind aktivitätsgetrieben, als auch mal eine sinnvolle abwartende Strategie zu fahren. Dadurch wird die Überversorgung natürlich auch gefördert.

Wie können Patienten eine Überversorgung noch verhindern?

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In Deutschland ist es schwer, den Patienten zu erreichen. Empfehlungen oder Maßnahmen, die eine Überversorgung verhindern könnten, werden in Ärzteblättern veröffentlicht und erreichen damit selten die Patienten. Dabei ist gerade wichtig, die Patienten miteinzubeziehen. Das Entscheidende ist eine bessere Arzt-Patienten-Kommunikation. Die Patienten müssen spezifisch nach Informationen fragen, wenn sie diese nicht von ihrem Arzt erhalten.

Eckhard Volbracht ist Gesundheitsmanager und Projektleiter bei der Bertelsmann Stiftung. © Quelle: Steffen Krinke

Könnte da nicht das Prinzip der zweiten Meinung helfen?

Theoretisch ist dieses Prinzip ein sinnvoller Ansatz, aber in der Praxis ist es doch oft nach einer zweiten Meinung eher so, dass man dann zwei verschiedene Meinungen hat und immer noch nicht weiter ist. Wir brauchen also eine qualifizierte Erstmeinung.

Das Problem scheint oft die Diagnostik zu sein, woran liegt das?

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An den Beispielen Schilddrüsenkrebs und Eierstockkrebs kann man es sehr gut erklären. Nach dem Ultraschallbefund einer vergrößerten Schilddrüse etwa wird immer noch viel zu schnell operiert. Diese Tendenz nimmt zwar ab, wird aber noch sehr viel praktiziert.

Es gibt aber die Möglichkeit, nach einem Befund die Bösartigkeit oder Gutartigkeit abklären zu lassen – und zwar mit einer Feinnadelbiopsie. Experten gehen davon aus, dass man mit dieser Methode einen Großteil der Operationen verhindern kann.

In der Gynäkologie gibt es eine Menge Selbstzahlerleistungen, die nun mal genau so heißen, weil Nutzen und Risiken sehr umstritten oder nicht nachgewiesen sind. Bei den Ultraschalluntersuchungen im Rahmen der Früherkennung, den sogenannten IGeL (Individuelle Gesundheitsleistungen), werden eben auch Befunde entdeckt, die völlig unnötig sind.

Das ist auch der Grund, warum die Leitlinien empfehlen, keine Früherkennung vornehmen zu lassen, wenn keine Symptome da sind, keine spezifischen Risikofaktoren vorliegen oder man genetisch nicht stark vorbelastet ist. Die Menschen werden dadurch verunsichert und es kommt zu unnötigen Operationen.

Also findet man bei Screenings zur Früherkennung öfter Auffälligkeiten, die aber eigentlich positiv sind?

Genau das ist das große Problem an Screenings – etwa auch beim PSA Screening, der Früherkennung bei Prostatakrebs. Man findet sehr oft falsche positive Befunde, die dann einen Rattenschwanz an Folgemaßnahmen nach sich ziehen.

Mit Früherkennung sollte man besser kritischer umgehen. Es ist allerdings schwer, den Menschen klarzumachen, dass die ganzen Früherkennungsmaßnahmen nicht immer gut sind, da der Mensch darauf gepolt ist, dass es immer gut ist, wenn etwas früh gefunden wird.

Fakt ist: Von 100 Frauen, bei denen der Ultraschall etwas findet, hat eine Frau Eierstockkrebs – alle anderen 99 Befunde sind Fehlannahmen. Viele Menschen werden also unnötig verunsichert und müssen Folgemaßnahmen erleiden.

Was kann man über die Kosten sagen, die für unnötige Operationen anfallen?

Die Kosten wurden von uns nicht ermittelt. Wir stellen in unserer Studie die Kosten ganz bewusst nicht nach vorne, weil es keine Kostensparthematik sein soll. Die Studie soll deutlich machen, dass Menschen geschädigt werden können und durch unnötige Operationen Ressourcen für andere wichtige Behandlungen nicht zur Verfügung stehen.