Studie: Gesundheitliche Risiken von Fleischverzehr gering

  • Bislang gilt die Empfehlung, rotes Fleisch und verarbeitete Fleischprodukte nur in Maßen zu essen.
  • Häufiger Verzehr galt als potenziell gesundheitsgefährdend.
  • Nun haben Forscher die Datenlage analysiert – und kommen zu einem anderen Schluss.
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Halifax/Potsdam. Der Verzehr von rotem Fleisch und verarbeiteten Fleischprodukten geht anscheinend bei den meisten Menschen nicht mit großen gesundheitlichen Risiken einher. Zu diesem Ergebnis, das der gängigen Einschätzung widerspricht, kommt eine internationale Gruppe von Medizinern nach der Prüfung etlicher Studien zu dem Thema. Zwar hätten die Untersuchungen einen geringen Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Krebs, Diabetes sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefunden, schreibt das Team um Bradley Johnston von der Dalhousie University in Halifax (Kanada) nach Analyse der Datenlage im Fachjournal “Annals of Internal Medicine”. Doch sei damit kein hinreichender Beweis für eine generelle Schädlichkeit geführt worden. Auf Basis der insgesamt fünf Überblicksstudien erstellt ein 14-köpfiges Team im gleichen Fachblatt neue Ernährungsempfehlungen.

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Risiko von Störfaktoren entwertet bisherige Studienergebnisse

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Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IACR) in Lyon hat den Verzehr von rotem Fleisch – also etwa Rind, Schwein, Schaf und Ziege – als “wahrscheinlich krebserregend” eingestuft. Verarbeitetes Fleisch gilt demnach sogar als “krebserregend”. Viele Ernährungsrichtlinien empfehlen daher einen geringen Fleischverzehr. “Diese Empfehlungen beruhen jedoch in erster Linie auf Beobachtungsstudien, bei denen ein hohes Risiko für Störfaktoren besteht”, schreiben Johnston und Kollegen. Daher seien Aussagen über einen kausalen Zusammenhang schwierig.

Die Gruppe sichtete in Datenbanken alle medizinischen Studien zum Thema, die bis Juli 2018 erschienen waren. Deren Ergebnisse bewerteten die Forscher mit einem Ansatz, der die Methoden, die Qualität der Daten und die Berücksichtigung von Einflussfaktoren einschloss und daraus ableitete, wie valide die jeweiligen Resultate sind. Einflussfaktoren können etwa Konservierungsmittel wie Natrium, Nitrate und Nitrite sein oder Stoffe, die beim Grillen entstehen.

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Ergebnisse der rigorosen Prüfung: Mäßigt man seinen Fleischkonsum um drei Portionen pro Woche – also etwa von sieben auf vier Portionen –, so sinkt das Erkrankungsrisiko nur leicht. Wenn 1000 Menschen entsprechend wenig verarbeitetes Fleisch essen, sinkt die berechnete Zahl der Diabetesfälle binnen elf Jahren demnach um zwölf. Wenn 1000 Menschen wenig unverarbeitetes rotes Fleisch verzehren, sinkt die Zahl der Todesfälle durch Krebs auf die Lebenszeit berechnet um acht, die Zahl der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen binnen elf Jahren um vier. In allen Szenarien war die Beleglage für diese Risikoverringerung schwach oder sehr schwach.

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Auch das Wohlempfinden spielt eine Rolle

Die Forscher bezogen in ihre Untersuchung auch das Wohlbefinden ein, das viele Menschen mit dem Verzehr von Fleisch empfinden. Nach dem Abwägen der Gesundheitsrisiken und dem Verlust an Wohlbefinden, das der Verzicht auf Fleisch bedeuten würde, empfehlen Johnston und Kollegen: Gesunde Menschen sollten weiterhin so viel Fleisch und Fleischprodukte essen, wie sie es aktuell tun.

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Die Wissenschaftler betonen jedoch, dass in dieser Empfehlung nicht berücksichtigt ist, dass Fleischverzicht aus anderen Gründen sinnvoll sein kann: etwa wegen des Tierwohls oder wegen der Auswirkungen der Tierhaltung auf Umwelt und Klima.

Stefan Kabisch vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke sieht die kritische Herangehensweise der Forscher als berechtigt an: “In der Ernährung hängt vieles mit vielem zusammen. Da ist es nicht leicht, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge herzustellen.” Allerdings plädiert er nicht dafür, die aktuellen Ernährungsempfehlungen zu ändern. Stattdessen sieht er in der nun vorgelegten Arbeit einen Impuls dafür, mehr hochwertige Studien zu den Zusammenhängen zwischen Ernährung und Gesundheit durchzuführen.

RND/dpa

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