Studie: Corona-Lockdown hat 3,1 Millionen Todesfälle in Europa verhindert

  • Neuere Daten zeigen, dass der Lockdown in mehreren europäischen Ländern, den USA und China die Übertragung des Coronavirus Sars-CoV-2 erfolgreich verlangsamt hat.
  • Das geht aus zwei Modell-Studien hervor, die am Montag in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht wurden.
  • Allein in Europa seien durch strikte Maßnahmen Millionen Corona-Infektionen und Todesfälle verhindert worden.
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Die Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung könnten womöglich allein in elf europäischen Ländern bis Anfang Mai etwa 3,1 Millionen Todesfälle durch das Coronavirus verhindert haben. Das geht aus einer Modell-Studie des Imperial College in London hervor, die am Montag in der Fachzeitschrift „Nature” veröffentlicht wurde.

Der großangelegte Lockdown samt Grenzschließungen, Kontaktsperren und Schulschließungen habe eine Kontrolle des Pandemie-Verlaufs ermöglicht, berichtet ein britisches Forscherteam um Seth Flaxman vom Imperial College London (Großbritannien) nach der Analyse von Todesfallzahlen. Wenn der gegenwärtige Trend anhalte, bestehe Anlass zu Hoffnung. Man könne aber nicht mit Sicherheit sagen, dass die derzeitigen Maßnahmen die Epidemie in Europa weiterhin unter Kontrolle behalten, räumen die Studienurheber ein.

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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND
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Modelldaten zeigen: Sinkende Reproduktionszahl, geringere Zahl der Neuinfektionen

Mit Blick auf die Analyse-Ergebnisse sollte den Studien-Urhebern zufolge sorgfältig zu weiterführenden Maßnahmen beraten werden, die nötig seien, um Sars-CoV-2 unter Kontrolle zu bekommen. „Diese Daten deuten darauf hin, dass es ohne Interventionen wie Lockdown und Schulschließungen noch viel mehr Todesfälle durch Covid-19 gegeben haben könnte”, wird Dr. Samir Bhatt, einer der Studienautoren, auf der Homepage des London Imperial College zitiert. Die Übertragungsrate sei in allen untersuchten europäischen Ländern von einem hohen Level auf ein kontrolliertes Niveau gesunken. „Unsere Analyse legt auch nahe, dass in diesen europäischen Ländern weit mehr Infektionen auftreten als bisher geschätzt.”

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Ähnlich sieht das Mitautor Dr. Seth Flaxman: „Unser Modell legt nahe, dass die im März 2020 in diesen Ländern ergriffenen Maßnahmen die Epidemie erfolgreich bekämpften, indem sie die Reproduktionszahl senkten und die Zahl der Menschen, die mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert worden wären, erheblich verringerten", wird er zitiert. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass der Lockdown einen wesentlichen Effekt auf die Senkung der Reproduktionszahl unter den kritischen Wert von 1 gehabt und dabei geholfen habe, die Ausbreitung des Virus ab Anfang Mai einzudämmen.

Methode: Sterbedaten aus elf Ländern analysiert

Die Forscher verwendeten für ihre Modellanalyse die erfassten Covid-19-Todesdaten der EU-Gesundheitsbehörde ECDC aus elf verschiedenen Ländern, darunter Großbritannien, Spanien, Italien, Deutschland und Belgien. Berücksichtigt wurden Daten bis zum 4. Mai 2020. Die Wissenschaftler schätzten, dass bis zu diesem Zeitpunkt zwischen zwölf und fünfzehn Millionen Menschen in den untersuchten Ländern mit Sars-CoV-2 infiziert waren. Sie kalkulierten zudem, dass die Reproduktionszahl im Schnitt um durchschnittlich 82 Prozent gesunken ist.

Die Werte variierten allerdings im Detail von Land zu Land, räumen die Studienurheber ein. Es sei schwierig, die Auswirkungen einzelner Maßnahmen auf die Unterdrückung der Covid-19-Epidemie zu bestimmen. Todesfälle könnten zudem zu Beginn der Pandemie übersehen worden sein. Zudem gebe es bei der Meldung von Todesfällen Unterschiede zwischen Ländern und im Verlauf der Zeit. Schließlich könne es zu Verzögerungen bei der Meldung von Todesfällen kommen. Die Forscher versuchten dies so gut wie möglich in ihrer Auswertung zu berücksichtigen, etwa indem sie Daten mehrerer Ländern zusammen analysierten.

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Statistiker: Modellzahlen und Analysen vorsichtig interpretieren

Experten in Deutschland raten zu einer vorsichtigen Interpretation der Zahlen. „Das ist ein erster Aufschlag, der wichtig auch in der politischen Debatte um künftige Maßnahmen und deren Lockerungen ist“, sagte der Statistiker Gerd Antes von der Universität Freiburg in einer ersten Stellungnahme zu der Studie. „Schaut man sich die Zahlen an, sieht man, dass sie eine enorme Schwankungsbreite haben - das verdeutlicht die Unsicherheiten, die mit solchen Analysen einhergehen.“

Grundsätzlich sei es vernünftig, zur Analyse des Pandemie-Verlaufs auf die Todeszahlen zu schauen, da die Infektionsraten zu sehr davon abhängen, wie viel in einem Land getestet wird. Aber die Zahlen der Todesfälle brächten eigene Schwierigkeiten mit sich, zum Beispiel, weil nicht immer klar ist, ob jemand an oder mit Covid-19 gestorben ist.

Zweite Studie: Weltweit greift Corona-Lockdown

Ein zweites Forscherteam berichtete in einer Studie, ebenfalls am Montag in der Fachzeitschrift „Nature” erschienen, dass bis zum 6. April die Maßnahmen rund 530 Millionen Infektionen allein in sechs Ländern verhindert hätten. Sie hatten den Infektionsverlauf bis zu diesem Stichtag in China, Südkorea, Italien, Iran, Frankreich und den USA analysiert. „Ich denke, kein anderes menschliches Unterfangen hat jemals in so kurzer Zeit so viele Leben gerettet“, sagte Studienleiter Solomon Hsiang von der UC Berkeley (USA).

Auch die empirischen Ergebnisse der zweiten Studie deuteten laut der Studienautoren darauf hin, dass groß angelegte Einschränkungen zur Eindämmung des Virus seitens der Politik die Pandemie verlangsame. Gleichzeitig verweisen die Wissenschaftler aber auch auf die Grenzen der verfügbaren Daten für die Analyse hin. Sobald es mehr gebe, könnten auch die Ergebnisse präziser erfasst werden. „Trotzdem hoffen wir, dass diese Ergebnisse die kritische Entscheidungsfindung unterstützen können - sowohl in den untersuchten Ländern als auch in den über 180 Ländern, in denen Covid-19-Infektionen gemeldet wurden", resümieren die Autoren.

mit dpa

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