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Studie bei “The Lancet” zurückgezogen – was läuft bei Peer-Reviews falsch?

Bevor wissenschaftliche Artikel veröffentlicht werden, müssen Experten aus demselben Fachgebiet die Arbeit überprüfen.

Bevor wissenschaftliche Artikel veröffentlicht werden, müssen Experten aus demselben Fachgebiet die Arbeit überprüfen.

Hannover. In der derzeitigen Corona-Pandemie muss es schnell gehen: Impfstoffe oder wirksame Medikamente müssen her, um der Krise Herr zu werden. Doch in der Eile passieren Fehler – auch Wissenschaftlern. Die renommierten Fachzeitschriften “The Lancet” und “New England Journal of Medicine” mussten zuletzt zwei Studien zurückziehen, da es Zweifel an der Richtigkeit der Daten gab. Diese Rückzüge lassen die Kritik an sogenannten Peer-Reviews erneut entfachen und Experten bezweifeln, dass der “Goldstandard” der Wissenschaft Qualitätsmaßstäbe überhaupt einhalten kann.

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Was ist ein Peer Review?

Ein Peer-Review (englisch: Peer: Gleichrangiger; Review: Begutachtung) ist ein Verfahren zur Qualitätssicherung einer wissenschaftlichen Arbeit. Beispielsweise wird vor der Veröffentlichung in Fachzeitschriften ein Peer-Review durchgeführt, indem unabhängige Gutachter aus dem gleichen Fachgebiet die Arbeit überprüfen und bewerten. Fehler, Fragen oder Kritik müssen die Autoren beheben. Ohne Peer-Review erfolgt keine Veröffentlichung.

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Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie für Innere Medizin an der Uniklinik Köln, erklärt, dass der Erfolg eines Review-Prozesses von verschiedenen Faktoren abhängt: “Wie viele Experten werden involviert? Haben die Experten ausreichende Erfahrung mit den verschiedenen Aspekten der Veröffentlichung? Haben die Experten eigene Interessen im Zusammenhang mit der Veröffentlichung? Ist genug Zeit für ein kritisches Review?”

Zeitdruck als Fehlerquelle

Doch wegen der Corona-Krise ist der Zeitdruck gerade groß: Wie unter einem Vergrößerungsglas und zeitlich komprimiert zeige die Corona-Krise gerade, wie wichtig Qualitätssicherung in der Wissenschaft ist. “Weil wissenschaftliche Erkenntnis zur Pandemie gerade so wahnsinnig wichtig ist und unter hohem Zeitdruck steht, meinen wohl manche Wissenschaftler, dass man es mit den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis derzeit nicht ganz so genau nehmen muss”, sagt Ulrich Dirnagel, Direktor für experimentelle Neurologie an der Charité Berlin.

Er bemängelt aber, dass es bereits vor Corona Probleme gab: “Reviewer haben gar nicht die Zeit – es handelt sich um ein unbezahltes ‘Ehrenamt’ –, sich so intensiv mit den Arbeiten auseinanderzusetzen. Häufig bleibe es bei einem oberflächlichen Check der wissenschaftlichen Frage, der verwendeten Methodik und der Resultate. “Nur wirklich grobe Verstöße fallen da mit großer Wahrscheinlichkeit auf.”

Fätkenhauer macht das Sorgen.“Die negativen Folgen für die medizinische Versorgung der Bevölkerung können enorm sein. Selbstverständlich schadet das auch der Wissenschaft insgesamt erheblich.” Denn am Ende der teilweise “schlampigen Arbeit” stehe die Verbreitung von fehlerhaften Daten und Ergebnissen.

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Besserungen vorgenommen

Was aber tun, um falsche Ergebnisse, die wiederum der Bevölkerung schaden können, zu vermeiden? Laut Serge Horbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institute for Science in Society in den Niederlanden, wurde in der Vergangenheit auf die Kritik an Peer Reviews zum Teil eingegangen. “In den vergangenen Jahren hat es redaktionelle Neuerungen gegeben, die darauf abzielen, das System immer besser in die Lage zu versetzen, Fehler zu erkennen und Betrug zu filtern.” Neue Formate, unter anderem (halb)automatisierter Scanner für Statistiken, Plagiate und Bildmanipulationen, würden Gutachter bei der Überprüfung helfen.

Doch Horbach weiß: “Dennoch sind ihre Möglichkeiten begrenzt, und wir sollten definitiv nicht erwarten, dass das System undurchlässig für Fehler, schlampige Wissenschaft oder Betrug ist.”

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Zeitdruck darf niemals Vorrang haben

Für Fätkenhauer steht fest, dass Standards eingehalten werden müssen: “Die Diskussion um möglicherweise gravierende Fehler in hochrangigen Veröffentlichungen zeigt, dass auch im Rahmen der Covid-19-Pandemie übliche Standards der Wissenschaft nicht außer Kraft gesetzt werden sollten.” Mehr Transparenz, höhere Studienqualität und auch die Veröffentlichung von Negativresultaten müssen auf den Plan gerufen werden.

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Auch Dirnagl beobachtet in der Corona-Krise ein gefährliches Motto: “Leider gilt derzeit wohl das Motto ‘Schlechte Daten sind besser als keine Daten’, wo es doch im Gegenteil heißen müsste ‘Schlechte Daten sind nicht besser als keine Daten!’” Das Beispiel aus dem Fachjournal “Lancet” sei ein hervorragendes Beispiel für den Schaden, den überschnelle Wissenschaftler verursachen können.

Das Problem der Preprint-Server

Daneben haben Wissenschaftler aber ein weiteres Problem: Neben Fachjournalen werden Artikel auch auf sogenannten Preprint-Servern veröffentlicht – allerdings ohne dass ein Peer-Review erfolgt ist. Das ist ein an sich normaler Bestandteil des wissenschaftlichen Publikationsprozesses, bei dem Forscher ihre Ergebnisse vorab zur Verfügung stellen. Wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse sollen so zeitnah und frei zugänglich der weiteren Forschung, Politik oder anderen Interessengruppen zugänglich gemacht werden.

Doch Preprint-Server genießen nicht immer einen guten Ruf. Der Virologe Christian Schmidt-Chanasit verdeutlicht im Interview mit N-TV die Problematik: “Das (Hochladen auf Preprint-Servern) ist das Twitter der Wissenschaft. Da werden falsche Ergebnisse hochgeladen, und die werden dann diskutiert. Jeder kann auf diesen Servern etwas hochladen, ohne jede Expertise.”

Als Schuldigen für die Eile macht Schmidt-Chanasit die Weltgesundheitsorganisation WHO aus. “Die WHO sagt: Der normale Prozess dauert zu lange, wir können nicht drei Monate warten, bis eine Studie durch ein Peer-Review gegangen ist und dann ein Journal das Ergebnis veröffentlicht. Wir brauchen diese Daten schneller, um reagieren zu können.” Diese Strategie habe dazu geführt, dass viele Daten ohne Qualitätskontrolle und ungefiltert als Pre-Publikation erscheinen.

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RND



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