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Betroffene über Schulstreit in Dortmund: „Das ist reines politisches Theater“

  • Machen die Schulen auf, müssen sie schließen?
  • Über mögliche Schulöffnungen und Schulschließungen ist in Dortmund und Duisburg gerade ein politischer Streit ausgebrochen.
  • Betroffene Schüler, Lehrer und Eltern berichten, wie es ihnen damit geht.
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Angesichts der steigenden Zahl der Corona-Neuinfektionen und dem Stopp der Impfungen mit Astrazeneca hatten die Ruhrgebietsstädte Dortmund und Duisburg geplant, ihre Schulen wieder zu schließen. Das lehnte die Landesregierung am Dienstag ab. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sagte dazu am Mittwoch im „WDR-Morgenecho“, viele Kinder und Jugendliche seien seit Dezember nicht mehr in den Schulen gewesen. Die zumindest tageweise Rückkehr in den Präsenzunterricht für alle Jahrgänge seit diesem Montag im Wechselmodus bleibe richtig. Dortmunds Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) kritisierte das Festhalten an der Schulrückkehr als zu riskant. Die Stadt will einen neuen Anlauf beim Land nehmen, um die Schulen spätestens am Montag zu schließen. Der Bürgermeister hatte zuvor erklärt, die Astrazeneca-Impfstoffausgabe zu stoppen und gleichzeitig die Klassenräume wieder für alle Schüler im Wechselmodus tageweise zu öffnen, sei „nicht nachvollziehbar“.

Wie empfinden Betroffene den Streit um die Schulöffnungen? Lehrer, Schüler und Eltern berichten:

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Schulleiter: „Von möglichen Schulschließungen aus den Medien erfahren“

Markus Katthagen, Schulleiter des Immanuel-Kant-Gymnasiums und Sprecher der Dortmunder Gymnasien:

„Welchen Beitrag die Schulen zum Ausbruchsgeschehen tragen, kann ich natürlich nicht beurteilen. Auch wir sind besorgt aufgrund der steigenden Zahlen und der sich ausbreitenden Virusvariante. Aber für die Schülerinnen und Schüler, die ja gerade erst an die Schule zurückgekehrt sind, würde ich mir wünschen, wir könnten an den Plänen festhalten und zwei Wochen halbe Normalität durch Wechselunterricht anbieten.

Dass Schulschließungen überhaupt zur Diskussion stehen, haben wir als Schulleitungen auch erst aus den Medien erfahren. Und das hat natürlich zu Problemen geführt: Viele Anrufe verunsicherter Eltern etwa oder Schülerinnen und Schüler, die jetzt ihre Vor-Abi-Klausur schreiben und gestern plötzlich dachten, sie könnten heute nicht in die Schule kommen. Natürlich gibt es extreme Notlagen, in denen nicht jeder sofort gefragt werden kann. Aber der Ablauf jetzt ist für uns schon sehr ungünstig. Ich wünsche mir, dass die Osterferien dazu genutzt werden, in Düsseldorf die Lage neu zu bewerten und wirklich auf die Fakten zu gucken. Kein blindes ‚Weiter so!‘, sondern eine Analyse der Situation und ein Plan, wie es weitergeht.

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Für uns als Schulleitung kann ich sagen: Wir sind mit wachem Auge dabei, aber ständig in Angst sind wir nicht. Unsere Schülerinnen und Schüler sind sehr einsichtig, ich sehe keine großen Verstöße gegen die Hygienevorschriften. Sie gehen auf Distanz, und das in einer Zeit in ihrem Leben, in der eigentlich Nähe und Konflikte so wesentlich sind. Davor habe ich großen Respekt.“

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Stadteltern Dortmund: „Es gab nie ein Konzept“

Anke Staar, Vorsitzende der Stadteltern Dortmund:

„Das Ganze ist ein Versäumnis, das viel früher seinen Anfang genommen hat. Es gab nie ein Konzept, nie wurde Schule als das betrachtet, was sie ist: systemrelevant. Ich glaube aber, Herr Laschet hat den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen. Das Dortmunder Gesundheitsamt sagt, wir hätten einen hohen Infektionsgrad bei Schülern unter 18. Das beunruhigt Eltern.

Wir haben in NRW allein 26 Verbände, in denen Eltern organisiert sind. Nicht alle gehen immer in die gleiche Richtung, und doch eint alle Eltern der große Bedarf – nach Bildung, Betreuung, Verlässlichkeit. Was aber hat die Landesregierung getan, damit Schule sicher ist? Lehrkräfte bekommen inzwischen vom Land FFP2-Masken gestellt. Schülerinnen und Schüler immer noch nicht. Ich kann in den Landtag spazieren und komme alle paar Meter an einem Luftfilter vorbei. Warum gelingt es uns nach einem Jahr immer noch nicht, die Schulen damit auszustatten? Da müssen sich Land, aber auch die Kommunen an die eigene Nase fassen. Eltern und Kinder brauchen eine Perspektive und Kontinuität. Wir brauchen geöffnete Schulen – aber sicher. Will die Regierung unter den gegebenen Umständen an der Öffnung festhalten, muss sie auch die Verantwortung dafür übernehmen, wenn Kinder dabei schwer erkranken.“

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Mutter zweier Kinder: „Mir macht das Corona-Ansteckungsrisiko Angst“

Barbara*, Mutter zweier Grundschüler:

„Die Nachricht über die Schulschließung hat mich total überrascht und bis gestern Abend wusste ich nicht, ob unser Oberbürgermeister das wirklich durchzieht und die Kinder vor verschlossenen Türen stehen werden.

Ich bin zwiegespalten: Einerseits freue ich mich für meine Kinder über jeden Tag Schule. Auf der anderen Seite macht mir das Ansteckungsrisiko Angst. Und diese Angst wird immer schlimmer, gerade auch, wenn dann solche politischen Winkelzüge gemacht werden. Natürlich löst es dann bei mir Gedanken daran aus, dass die Lage vielleicht noch schlimmer ist als gedacht. Oder man fängt an zu spekulieren, was die Politiker vielleicht wissen könnten, was bislang noch nicht an die Öffentlichkeit gelangt ist. Ob die Schulschließungen dann tatsächlich in der Sache angemessen sind, kann ich dabei gar nicht beurteilen.

Unserem Oberbürgermeister unterstelle ich schon in gewissem Maß Kalkül, um sich als Retter in der Not hervorzutun. Dabei hätte er sich vorher überlegen können, was er bei Eltern damit auslöst. Denn was haben wir Eltern von dieser ganzen Debatte? Gar nichts! Außer noch mehr Verunsicherung.“

Berufskolleg-Schülerin: „Dieses Hin und Her ist nur noch nervig“

Marlene, 19, Abiturientin am Berufskolleg:

„Meine Mama hatte mir nur geschrieben: ‚Die machen die Schulen zu!‘ – da saß ich selbst gerade noch in der Schule. Das war gestern, einen Tag vor meiner Vor-Abi-Klausur. Heute hab ich sie nun geschrieben, aber bis gestern Abend war nicht klar, ob das gehen wird oder nicht. Dieses ganze Hin und Her ist einfach nur noch nervig. Fürs Lernen ist Präsenzunterricht natürlich besser, weil die Lehrer im Unterricht Input geben. Aber wenn klar wäre, dass die Schulen geschlossen bleiben, könnten sich die Schüler wenigstens noch Hilfe holen. Ich selbst bin noch verhältnismäßig gelassen und aber auch finde inzwischen: Es reicht! Entscheidet euch!„

Bereichsleiterin an einer Berufsschule: „Das ist reines politisches Theater“

Janina*, Bereichsleiterin an einer Berufsschule:

„Wie absurd ist es, die Schulen montags zu öffnen und dienstags die Schließungen anzukündigen? Das ist reines politisches Theater. Natürlich wäre ich froh, wenn ich auch geimpft werden würde. Aber wenn ich sehe, wie froh die Schülerinnen und Schüler darüber sind, wieder in die Schule kommen zu können, wie könnte ich sie wieder in den Lockdown schicken wollen? Natürlich wird es immer wieder auch Erkrankungsfälle geben, aber ich habe unsere Schule nie als großen Infektionsherd gesehen.

Ich selbst habe keine Angst mehr und finde auch, wir müssten die psychische Verfassung und den Lernfortschritt wieder mehr in den Vordergrund stellen. Aber ich habe auch Kollegen, die das ganz anders sehen, die Sorgen haben. Und für die ist es jetzt ja noch schlimmer: Sie sind von der Debatte total aufgeschreckt, fühlen sich noch mehr bedroht und müssen trotzdem zur Schule kommen. Denn es war ja klar, dass das Land NRW dem nicht stattgeben wird. Manche mögen die Aktion unseres Bürgermeisters vielleicht trotzdem als Rückenstärkung empfinden, mich aber macht dieses ganze Hickhack wütend. Ich würde gerne mal normalen Unterricht machen.“

Lehrer: „Das ist politischer Aktionismus und für die Kinder ist das eine Katastrophe“

Martin*, Hauptschullehrer:

„Da aus Düsseldorf null vernünftige Konzepte kommen, ist die Idee unseres Oberbürgermeisters vielleicht sogar richtig. Konsequent wäre es aber gewesen, hätte er auch den Hausmeistern gesagt, sie sollen die Schultüren am Morgen geschlossen halten. Denn es war ja klar, dass die Schulen wieder öffnen werden. Was ich grundsätzlich übrigens auch total richtig finde. Wir haben lange genug zu Hause gesessen und ich finde, ich kann mich als Lehrer nicht beschweren: Ich habe die ganze Zeit über mein Gehalt weiter bekommen, da kann ich jetzt auch wieder in die Schule gehen. Andere Berufsgruppen tragen auch Risiken.

Ob diese zwei Wochen vor den Osterferien allerdings so sinnvoll sind, mag ich mal bezweifeln. Den Stoff holen die Kinder in der Zeit sicher nicht nach. Unsere Kinder hier aus dem sozialen Brennpunkt sind alle durch die Bank verloren. Wir müssen uns als gesamte Schule überlegen, wie wir damit umgehen. Aber dass sie überhaupt wieder in die Schule kommen und so etwas wie Alltag haben, das ist für unsere Kinder total wichtig. Deswegen brauchen wir ja Konzepte, die tragfähig sind. Das Corona-Elterngeld zum Beispiel hätte man besser in Luftfilter investieren können. Und die Sache mit den Schnelltests ist ja auch nicht ganz zu Ende gedacht. Das ist politischer Aktionismus und für die Kinder ist das eine Katastrophe.“

*Name von der Redaktion geändert

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