Stille Corona-Ansteckung: Wie viele Menschen haben keine Symptome?

  • Maske tragen, Abstand halten: Bei solchen Maßnahmen geht es vor allem darum, das Ansteckungsrisiko durch nicht erkannte Infektionen zu senken.
  • Beispielsweise erkranken Kinder und Jugendliche weniger stark, sind dann aber trotzdem infektiös.
  • Der Infektionsverlauf ohne Symptome hat ersten Studien zufolge auch andere Auswirkungen auf die Bildung einer Immunität.
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Mit Sorge blicken Gesundheitsbehörden auf die steigenden Infektionszahlen in Deutschland: Ganze Schulklassen wandern plötzlich in Quarantäne, bei Feiern im Familien- und Freundeskreis stecken sich mit einem Schlag viele Menschen an, das Virus macht sich wieder unter älteren und damit vulnerablen Menschen breit. Wird ein größerer Ausbruch bemerkt, versuchen die Gesundheitsämter so schnell wie möglich, alle möglichen Kontaktpersonen zu isolieren. Denn das Virus wandert gerne im Verborgenen. Auch wer keine Symptome verspürt, kann ansteckend sein.

Schon zu Beginn der Pandemie hat sich dieser besondere Knackpunkt bei Sars-CoV-2 herauskristallisiert. Ein Teil der Infektionen verläuft asymptomatisch oder sehr mild. Sprich: Es gibt eine Reihe von Menschen, die womöglich infektiös sind, das aber gar nicht bemerken. Das fällt vor allem bei Kindern und Jugendlichen ins Gewicht, die seltener Symptome wie Husten und Fieber entwickeln als andere Altersgruppen.

Infektionsverlauf und Infektiosität hängen zusammen

Wer sich wie angesteckt hat, ist gar nicht so einfach zu rekonstruieren. Das Robert-Koch Institut, Deutschlands oberste Gesundheitsbehörde, unterscheidet mit Blick auf übermittelte Daten zu Infektionen zwischen drei relevanten Personengruppen:

  • Symptomatisch: Eine Person erkrankt nach der Ansteckung und spürt auch Krankheitszeichen unterschiedlicher Stärke. Diese Gruppe überträgt am häufigsten das Virus auf andere.
  • Präsymptomatisch: Eine Person ist bereits ein, zwei Tage vor Symptombeginn ansteckend. Das sei laut RKI mit Blick auf das Infektionsgeschehen “ein relevanter Anteil von Personen”. Symptome können auch relativ subtil sein, etwa Kopf- und Halsschmerzen. Eine solche Phase mit leichteren Symptomen kann einer späteren Phase mit “typischeren” Symptomen wie Fieber oder Husten um ein oder zwei Tage vorausgehen.
  • Asymptomatisch: Personen, die infiziert und infektiös sind, es aber gar nicht bemerken. Diese Ansteckungen spielen bisherigen Studien zufolge eine untergeordnete Rolle.
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Wie viele Menschen zeigen keine Corona-Symptome?

Fieber, Husten, Schnupfen und eine Störung des Geruchs- und Geschmackssinns zählen zu häufig beobachteten Symptomen bei einer Corona-Infektion. © Quelle: Mohamed Hassan/Pixabay
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Bislang besteht in der Forschung Uneinigkeit darüber, welchen Anteil asymptomatisch Infizierte am Pandemieverlauf haben. Den aktuellsten Stand haben Forschende des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern in der Schweiz Mitte September in einer systematischen Übersichtsstudie zusammengefasst.

Dabei haben sie die bisherigen Ergebnisse aus der Fachliteratur zusammengetragen. Auf der Grundlage von 79 Studien, in denen Daten von 6616 mit Sars-CoV-2 Infizierten eingeflossen sind, schätzen sie: Rund 20 Prozent der Infektionen verlaufen asymptomatisch. Es könnten noch mehr sein, räumen die Wissenschaftler in einer auf der Homepage der Universität Bern veröffentlichten Mitteilung ein: “Die Studie war nur begrenzt in der Lage, die Auswirkungen falsch negativer Testergebnisse zu ermitteln, wodurch der Anteil der asymptomatischen Infektionen unterschätzt werden könnte.”

Milde bis keine Symptome – wo ist das Problem?

Geht man davon aus, dass rund ein Viertel der Infektionen ohne große Komplikationen verlaufen, ist das eigentlich eine gute Nachricht. “Eine asymptomatische Infektion ist ja zunächst einmal nichts Schlimmes”, betonte zuletzt der Virologe Hendrik Streeck in einem Interview. Die Person könne sich danach vermutlich erst mal nicht mehr infizieren und auch nicht mehr zum Infektionsgeschehen beitragen.

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Spielt sich ein großer Teil der Infektionen im Verborgenen ab, wird es allerdings schwieriger mit der Kontaktnachverfolgung und einer Einschätzung der Ansteckungsgefahr für Risikogruppen. So weisen die Berner Studienautoren darauf hin, dass genaue Schätzungen der tatsächlichen asymptomatischen und präsymptomatischen Infektionen entscheidend für die Entwicklung von Strategien zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung seien.

Einige dieser Strategien sind inzwischen bereits Alltag: Das Abstandhalten zu anderen Personen, das Einhalten von Hygieneregeln und das Tragen von Masken seien Maßnahmen, die vor allem die Übertragung von nicht erkannten Infektionen verhindern, schreibt das Robert-Koch-Institut in seinem Steckbrief zu Sars-CoV-2.

Kinder und Jugendliche in Schulen: Die stillen Überträger?

In den ersten Pandemiemonaten hat sich gezeigt, dass sich auch Kinder und Jugendliche mit dem Coronavirus anstecken. Es gibt aber Unterschiede. Kinder im Kindergartenalter sind Studien zufolge weniger empfänglich für eine Infektion als Kinder im Schulalter. Im Vergleich zu Erwachsenen sind Kinder insgesamt weniger empfänglich für das Virus. Das zeigen auch die offiziellen Meldezahlen: Nur 4 Prozent der in den europäischen Ländern registrierten Fälle mittels PCR-Testung betrafen Kinder bis 18 Jahren. 44 Prozent davon waren zwischen 12 und 18 Jahre alt.

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Kinder haben besonders oft einen asymptomatischen Infektionsverlauf, erleben seltener Symptome als Erwachsene. “Kinder haben mit größerer Wahrscheinlichkeit eine leichte oder asymptomatische Infektion”, sagt Jonathan Suk vom Europäischen Zentrum für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten (ECDC). Die Krankheit verlaufe bei ihnen in der Regel sehr mild oder breche gar nicht erst aus. Wie ansteckend infizierte Kinder sind, kann laut RKI noch nicht abschließend bewertet werden. Die Ansteckungsrate durch Kinder sei in Studien aber ähnlich hoch oder sogar höher als bei Erwachsenen. “Studien zur Viruslast bei Kindern zeigen keinen wesentlichen Unterschied zu Erwachsenen”, resümiert das RKI.

Asymptomatische Corona-Infektion: Danach immun?

Der Schweregrad der Erkrankung hat wahrscheinlich einen Einfluss auf den Immunstatus einer infizierten Person. Bei mehreren Studien hat sich herausgestellt, dass asymptomatische Patienten eine geringere Konzentration bestimmter Antikörper gegen das Coronavirus im Blut gebildet hatten. Was das für eine mögliche dauerhafte Immunität und damit einem robusten Schutz vor erneuter Ansteckung bedeutet, ist bislang noch unklar.

Neutralisierende Antikörper sind in der Regel am Ende der zweiten Woche nach Symptombeginn nachweisbar, jedoch vermutlich nicht bei allen Infizierten, fasst auch das RKI zusammen. Allerdings wurden bei asymptomatisch Infizierten sogenannte T-Zellen nachgewiesen, die keine Antikörpertiter aufwiesen. Auch sie könnten womöglich einen erneuten Infektionsverlauf abmildern. Ob diese Zellen auch vor einer Reinfektion schützen, bleibt fraglich.

mit dpa





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