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Warum die Stiko die Corona-Impfung wohl nicht für alle Kinder empfehlen wird

  • Die Ständige Impfkommission (Stiko) wird die Corona-Impfung wahrscheinlich nicht für alle Kinder empfehlen.
  • Nur Kindern und Jugendlichen mit Vorerkrankungen dürfte die Impfung empfohlen werden.
  • Der Grund: Die Risiken durch Corona sind für Kinder gering, die Risiken der Impfung hingegen schwer einzuschätzen.
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Noch wurde keine Entscheidung getroffen, aber es deutet sich bereits an: Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko) wird die Corona-Impfung wohl nicht für alle Kinder empfehlen. Zu erwarten ist nur eine Empfehlung für Kinder mit Vorerkrankungen. Bei gesunden Kindern ist die Stiko nicht überzeugt, dass der Nutzen der Impfung deren Risiken überwiegt. Im NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“ hatte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens betont, es sei „eine ausgesprochene Rarität“, dass Kinder schwer an Covid-19 erkranken.

Tatsächlich verlaufen Infektionen mit dem Coronavirus bei Kindern in den allermeisten Fällen mild oder sogar symptomlos. In Deutschland leben etwa 13,5 Millionen Kinder und Jugendliche: Bisher wurden dem Robert-Koch-Institut aber nur 16 Todesfälle bei unter 18-Jährigen in Zusammenhang mit dem Coronavirus gemeldet, im Vergleich zu rund 88.760 Todesfällen bei Erwachsenen.

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Corona-Impfung von Kindern: Stiko gibt wohl keine Empfehlung ab
1:00 min
Ein Beschluss der Stiko und eine offizielle Bekanntgabe der Empfehlung mit wissenschaftlicher Begründung ist Mertens zufolge kommende Woche zu erwarten.  © dpa
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Vor allem Kinder mit Vorerkrankungen betroffen

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Bei zwölf der an oder mit dem Coronavirus verstorbenen Minderjährigen waren Vorerkrankungen bekannt, bei den restlichen vier Fällen wurden keine Angaben dazu gemacht. Ob in Deutschland überhaupt Kinder ohne Vorerkrankungen in Folge einer Covid-19-Erkrankung gestorben sind, ist daher unklar.

Bei den Vorerkrankungen der an und mit Corona verstorbenen Kinder handelte es sich laut Robert-Koch-Institut unter anderem um Krankheiten, die das Immunsystem oder das Gefäßsystem betrafen, um rheumatische oder neurologische Erkrankungen sowie nicht näher genannte angeborene Erkrankungen.

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PIMS kein Grund für Impfung

Auch das multisystemische Entzündungssyndrom (PIMS), das in seltenen Fällen nach einer Corona-Infektion beobachtet wurde, ist für Mertens kein ausreichender Grund für eine Impfung aller Kindern und Jugendlichen: „Das Risiko für PIMS ist gering, die Prognose gut“, sagte der Stiko-Vorsitzende im Podcast.

Die typischen Symptome des PIMS sind Fieber, Hautausschlag, Augenentzündung und Magen-Darm-Entzündungen. Das Syndrom kommt tatsächlich nur sehr selten vor und lässt sich gut behandeln. Der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) wurden seit Beginn der Pandemie 335 Verdachtsfälle von PIMS bei Kindern und Jugendlichen gemeldet, darunter kein einziger tödlicher Verlauf. Zudem ist nicht bei allen Fällen klar, ob sie wirklich durch das Coronavirus verursacht wurden, denn ein Nachweis des Erregers war für eine Meldung nicht erforderlich.

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Impfrisiken lassen sich durch Studien nicht ausschließen

Sogenannte „Long Covid Symptome“, länger anhaltende oder wiederkehrende Beschwerden nach einer durchgemachten Infektion, scheinen bei Kindern und Jugendlichen ebenfalls seltener vorzukommen als zunächst angekommen, so das Fazit einer aktuellen Studie. Bei den eher unspezifischen Symptomen wie Abgeschlagenheit oder Antriebsarmut sind sich Experten ohnehin oft nicht sicher, ob es sich nicht auch um Auswirkungen von Lockdowns und Schulschließungen handelt.

Die Gefährdung für Kinder und Jugendliche durch das Coronavirus ist der Datenlage zufolge also nur äußerst gering und nicht annähernd mit der für ältere Personen zu vergleichen. Die Aufgabe der Stiko ist es nun, dies gegen die möglichen Gefahren einer Impfung abzuwägen. Schon bei der Impfung der Erwachsenen hatte sich gezeigt, dass allein durch Zulassungsstudien nicht alle Gefahren ausgeschlossen werden können. Obwohl die Impfstoffe an mehreren 10.000 Probandinnen und Probanden getestet worden waren, zeigte sich erst bei der Anwendung, dass diese in einigen seltenen Fällen lebensbedrohliche oder sogar tödliche Nebenwirkungen haben können.

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Über 400 Todesfälle nach der Corona-Impfung wurden bisher an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gemeldet, das für die Überwachung der Sicherheit der Impfstoffe zuständig ist. Bei den meisten dieser Fälle geht das Institut zwar davon aus, dass Vorerkrankungen die Ursache waren – jedoch nicht bei allen. So sind nach der Impfung mit Astrazeneca bisher 17 Menschen an einer Hirnvenenthrombose verstorben, darunter junge, zuvor gesunde Frauen.

Nebenwirkungen, die jüngere Menschen betreffen

Auch bei der Impfung von Biontech/Pfizer gibt es den Verdacht auf Nebenwirkungen, die vor allem jüngere Menschen betreffen könnten. In Israel sind mindestens 62 Geimpfte nach der Impfung mit der Vakzine von Biontech/ Pfizer an einer Herz­mus­kel­entzündung (Myokarditis) erkrankt und zwar überwiegend junge Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren. Eine 22-jährige Frau und ein 35-jähriger Mann waren aufgrund der Symptome verstorben, einen Zusammenhang mit der Impfung halten die israelischen Behörden für wahrscheinlich. Auch in Deutschland wird das Auftreten von Herzmuskelentzündungen nach der Impfung derzeit untersucht.

Bei den klinischen Studien mit Kindern war die Zahl der Teilnehmer noch dazu viel geringer als bei den Studien mit Erwachsenen. Gerade einmal 1100 Kinder waren geimpft worden, von diesen hatten laut Stiko-Chef Mertens bereits 1,3 Prozent schwere Reaktionen gezeigt. Würden mehrere Millionen Kinder geimpft, wären also mehrere Tausend von solchen Nebenwirkungen betroffen. Und möglicherweise gefährliche Nebenwirkungen, die nur bei einem von 2000 Kindern oder seltener auftreten, hätte man in den Studien gar nicht erkennen können. Mertens reicht die Zahl der Studienteilnehmenden in jedem Fall nicht aus, um die Sicherheit der Impfungen bei Kindern und Jugendlichen zuverlässig beurteilen zu können.

Zu erwarten ist daher, dass die Stiko den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer nicht für alle Kinder empfiehlt, sondern nur für solche, bei denen aufgrund von bestimmten Vorerkrankungen von einem höheren Risiko für schwere Verläufe auszugehen ist.

Unter anderem hatte der Ärztepräsident Klaus Reinhardt das Vorgehen der Stiko gelobt und vor wachsendem politischem und gesellschaftlichem Druck auf Eltern gewarnt, ihre Kinder gegen Covid-19 impfen zu lassen. Es sei richtig, dass die Ständige Impfkommission „mit Bedacht“ analysiere, wie groß die Gefährdung der Kinder durch Sars-CoV-2 tatsächlich sei, sagte Reinhardt gegenüber der „Rheinischen Post“.

Gesundheitsminister Jens Spahn hatte hingegen angekündigt, den Impfstoff allen 12 bis 18-Jährigen ab dem 7. Juni anbieten zu wollen, obwohl die Stiko bisher keine solche Empfehlung ausgesprochen hat. Dabei hatte auch Spahn selbst sich nicht direkt für eine Impfung aller Kinder ausgesprochen, sondern gesagt, es handele sich um eine individuelle Entscheidung, bei der die Stiko-Empfehlung mit einbezogen werden solle.

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