Impfstoffexpertin: „Zu denken, nächstes Weihnachten sei alles wieder wie früher, halte ich für zu optimistisch“

Prof. Eva Hummers ist Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen.

Prof. Eva Hummers ist Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen.

Die Allgemeinmedizinerin Prof. Eva Hummers ist seit 2011 Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko). Bis Juni 2020 war sie eine Amtsperiode lang stellvertretende Vorsitzende des 18-köpfigen Expertengremiums. Ähnlich wie bei anderen Infektionskrankheiten, beispielsweise Masern, Pneumokokken und Grippe, entwickelt die Stiko derzeit eine konkrete Empfehlung zur Impfstrategie gegen Covid-19. Sie prüft, wie sicher die Impfstoffe sind – und wer in Deutschland zuerst Anspruch auf Impfung haben sollte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Der Corona Newsletter "Die Pandemie und wir" vom RND.

Die Pandemie und wir

Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Frau Hummers, überrascht es Sie, dass die Zulassung eines Impfstoffs in der EU wahrscheinlich noch im Jahr 2020 kommt?

Es ist eine gute Nachricht, dass es letztlich doch so schnell ging. Das hing unter anderem davon ab, wie schnell Menschen in den Impfstoffstudien rekrutiert werden konnten und wie schnell darin Covid-19-Fälle aufgetreten sind. Schon Anfang Oktober wurde von der Europäischen Arzneimittelagentur ein sogenannter Rolling Review für einige Impfstoffkandidaten akzeptiert.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das heißt, schon seit diesem Zeitpunkt dürfen Daten der Impfstoffhersteller während der noch laufenden Studien eingereicht werden. Diese werden bereits bewertet und parallel weiter gesammelt, bis genügend Informationen für eine Nutzen-Risiko-Bewertung vorliegen. Dies beschleunigt dann das eigentliche Zulassungsverfahren. Das bedeutet natürlich nicht, dass weniger geprüft wird als sonst. Es wird einfach schneller gearbeitet, die Anforderungen an Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit bleiben unverändert.

Prof. Eva Hummers ist Mitglied der Ständigen Impfkomission (Stiko) und Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen.

Prof. Eva Hummers ist Mitglied der Ständigen Impfkomission (Stiko) und Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen.

Der Biontech-Impfstoff ist am weitesten. Er wird bereits in Großbritannien verimpft, auch in der EU könnte es das erste zugelassene Mittel sein. Ist Skepsis berechtigt, ob so schnell entwickelte Vakzine wirklich sicher sind?

Die einer Zulassung am nächsten stehenden Impfstoffe von Biontech und Moderna beruhen auf einer neuartigen Messenger-RNA-Technologie. Das sind aber nicht völlig neue Verfahren, weil sie bereits für andere Impfstoffe und zur Entwicklung von Tumortherapeutika in der Entwicklung waren. Kritisch anzumerken ist aber in der Tat: Es gibt zu diesen Impfstoffen noch keine Langzeitdaten – auch wenn die Studien nach den Zwischenergebnissen weiterlaufen. Das ist ja auch logisch. Das Virus gibt es erst seit einem, die Impfstoffe rund ein halbes Jahr.

Noch keine Nebenwirkung: Der schmerzende Arm nach der Impfung

Ich erachte für mich persönlich das Risiko, an Covid-19 zu erkranken und dadurch Folgeschäden zu erleiden, als deutlich höher, als dass bei der Impfung etwas passieren könnte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ab wann ist bei Impfungen eigentlich von Nebenwirkungen die Rede?

Schmerzt nach einer Impfung für kurze Zeit der Arm oder gibt es Gliederschmerzen, ist von einer Impfreaktion die Rede. Die Covid-19-Impfstoffe, von denen wir wissen, dass sie vor der Zulassung stehen, lösen so etwas häufig aus. Es ist also damit zu rechnen, dass ein hoher Anteil der Geimpften von solchen Begleiterscheinungen berichten wird. Das ist auch nicht verwunderlich – der Impfstoff soll ja eine Reaktion auf Sars-CoV-2 im Körper provozieren. Die Impfreaktion zeigt also auch, dass sich der Körper mit dem Impfstoff auseinandersetzt.

Nebenwirkungen im Sinne von Folgeerkrankungen sind damit aber nicht gemeint. Beim Biontech-Impfstoff sind bislang keine schweren Nebenwirkungen berichtet worden. Aber der Nachbeobachtungszeitraum ist eben auch noch recht kurz. Es bleibt also eine gewisse Unsicherheit.

Wie entsteht ein Impfstoff?

Nach einem Impfstoff gegen Covid-19 wird unnachgiebig geforscht. Innerhalb von nur einem Jahr war bereits der erste Kandidat in der Zulassungsphase.

Würden Sie sich denn jetzt schon gegen Covid-19 impfen lassen?

Ja sicher. Es ist ein Abwägen von Risiken. Ich erachte für mich persönlich das Risiko, an Covid-19 zu erkranken und dadurch Folgeschäden zu erleiden, als deutlich höher, als dass bei der Impfung etwas passieren könnte. Und ich arbeite als Hausärztin und habe dabei mit Patienten zu tun, die möglicherweise mit dem Virus infiziert sind.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Noch unklar, ob Impfstoff Weitergabe von Sars-CoV-2 stoppt

Gibt es abseits von Nebenwirkungen noch Unklarheiten, die für das Entwickeln einer Impfstrategie wichtig sind?

Am entscheidendsten ist die Frage: Schützt der Impfstoff auch davor, Sars-CoV-2 an andere Menschen weiterzugeben? Oder verhindert er nur, dass die geimpfte Person krank wird? Es muss offen darüber gesprochen werden, dass wir das über die Impfstoffe noch nicht wissen. Wir wissen nur, dass sie vor symptomatischen Erkrankungen schützen.

Es kann also sein, dass gegen Covid-19 Geimpfte trotzdem infektiös sind?

Ja. Es ist nicht so, dass ein Impfstoff im Menschen einen „äußeren“ Schutz aufbaut. Das Virus kann weiterhin in den Körper hineingelangen. Die schützenden Antikörper werden erst danach aktiv und fangen an, den Erreger abzuwehren. Es ist quasi ein Wettlauf mit der Zeit: Wie schnell kann sich das Virus im Organismus replizieren? Und wie schnell können Antikörper und weitere Immunreaktionen – etwa über T-Zellen – hochgefahren werden, um eine stärkere Erkrankung zu verhindern? Gerade, wenn das etwas länger dauert, können zwischenzeitlich womöglich noch Viren ausgeschieden beziehungsweise ausgehustet werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Niemand kann absolut sicher sein, nach einer Impfung nicht doch an Covid-19 zu erkranken oder das Virus weiterzugeben. Das Erlauben bestimmter Aktivitäten nur für Geimpfte ist damit nicht sinnvoll.

Bleiben also bis zum Vorliegen weiterer Daten der Impfstoffhersteller auch für Geimpfte weiterhin Schutzmaßnahmen notwendig – wie Abstand halten und Maske tragen?

Genau, die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln bleiben notwendig. Wir müssen uns klar machen: Es wird auf recht lange Sicht mehr ungeimpfte als geimpfte Menschen geben. Es wird auch Personengruppen geben, die man vorerst nicht impfen kann: zum Beispiel Kinder oder Schwangere. Und nicht alle, die geimpft sind, haben einen vollkommen sicheren Schutz vor Erkrankung.

Auf Basis der kurzzeitigen Datenbasis mit rund 20.000 geimpften Studienteilnehmern lässt sich zwar schon ableiten, dass der Biontech-Impfstoff erfreulich gut wirkt – viel besser als etwa Grippeimpfstoffe. Aber auch dieses Vakzin ist nicht zu 100 Prozent effektiv. Niemand kann absolut sicher sein, nach einer Impfung nicht doch an Covid-19 zu erkranken oder das Virus weiterzugeben. Das Erlauben bestimmter Aktivitäten nur für Geimpfte ist damit nicht sinnvoll.

Impfstrategie in Deutschland: Zuerst die Älteren vor schwerem Verlauf schützen

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat die Aufgabe, eine Impfempfehlung zu erarbeiten, in der festgelegt wird, wer den Impfstoff in Deutschland zuerst bekommt. Wann wird die Strategie final festgelegt?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Stiko darf Impfempfehlungen grundsätzlich erst veröffentlichen, wenn ein Impfstoff zugelassen ist. Wir haben aber bereits einen konkreten Empfehlungsentwurf an die beteiligten wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Behörden und Regierungsorganisationen in den Bundesländern geschickt. Sie können dazu Stellung beziehen, bevor eine endgültige Fassung entsteht. Aber auch danach kann sich durchaus noch etwas ändern. Die Stiko empfiehlt ja nur, die Politik setzt das final in einer Rechtsverordnung um.

Der konkrete Stiko-Entwurf sieht bislang vor: Ältere über 80, Pflegeheimbewohner und Personal mit höchstem Infektionsrisiko in Kliniken und Altenheimen sollen in Deutschland zuerst Anspruch auf Impfung haben. Wieso haben Sie sich auf diesen Fokus festgelegt?

Zum Beispiel die Fachinformation des Impfstoffs für Großbritannien zeigt, dass der Biontech-Impfstoff auch bei alten Menschen erfreulich zufriedenstellend wirkt. Es bringt also etwas, sich bei der Impfstoffverteilung zuerst auf die Älteren zu konzentrieren, um Todesfälle und schwere Erkrankungen zu verhindern. Auf Grundlage der Beobachtungs- und Meldedaten besteht kein Zweifel mehr: Die Sterblichkeit und die besonders schweren Covid-19-Verläufe nehmen signifikant mit dem Alter zu.

Zwar erhöht sich das Risiko auch bei bestimmten Vorerkrankungen – aber längst nicht so sehr wie der Faktor, alt zu sein. Und jüngere Menschen stecken sich zwar deutlich häufiger untereinander mit Sars-CoV-2 an – erkranken aber weit weniger häufig ernsthaft. Und wie gesagt, wir wissen noch gar nicht, ob die Impfung auch die Weitergabe des Erregers verhindert. Deshalb wäre eine Strategie mit einer Impfung der Jüngeren vielleicht gar nicht zielführend.

2021 starten wahrscheinlich die Impfungen gegen Covid-19

Es ist zu hoffen, dass sich die Lage im Sommer wieder etwas entspannt. Aber was im nächsten Winter passiert und wie viele Menschen bis dahin wirklich geimpft sind, bleibt abzuwarten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wie lassen sich die Menschen finden, die als erstes Anspruch auf eine Impfung haben?

Das ist die Aufgabe der Bundesländer, und es wird gerade unter Hochdruck daran gearbeitet. Immerhin ist das Alter ohne besondere Fachkenntnis zu ermitteln. Aber wir haben das Problem, dass ein großer Anteil der Hochbetagten nicht eigenständig ins Impfzentrum kommen kann. Deshalb soll es auch mobile Teams geben, die in Pflegeheime kommen oder zu den Menschen nach Hause.

Wenn dann irgendwann Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen an der Reihe sind, führt bei der Priorisierung aber sicherlich der Weg zu den Hausärzten, die dann Atteste ausstellen sollen. Wie man das organisiert, ist sicherlich ein Knackpunkt. Mir ist auch noch nicht ganz klar, wie das im Einzelnen ablaufen wird.

Wenn Anfang des kommenden Jahres erste Impfungen starten, kann dann noch 2021 die „alte Normalität“ hergestellt werden?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Es ist zu hoffen, dass sich die Lage im Sommer wieder etwas entspannt. Aber was im nächsten Winter passiert und wie viele Menschen bis dahin wirklich geimpft sind, bleibt abzuwarten. Die Hygiene- und Abstandsregeln beiseitezuschieben, halte ich in jedem Fall für riskant. Und zu denken, nächstes Jahr Weihnachten sei alles wieder wie früher, halte ich für zu optimistisch.

Ob sich eine künstliche Herdenimmunität bildet, hängt am Ende auch davon ab, wie viele Menschen sich impfen lassen wollen, oder?

Das könnte zum Problem werden. Deutschland ist immer schon ein Land der Impfskeptiker gewesen. Das zeigt sich auch jetzt wieder. Trotzdem: Selbst wenn sich nur die Hälfte der Menschen impfen lassen will, sind das weitaus mehr, als Deutschland am Anfang Impfstoff haben wird. Das wird zunächst eher ein Verteilungskampf.

Mehr aus Gesundheit

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen