Statt Impfpflicht: sieben Gründe, die für eine Corona-Impfung sprechen

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dazu aufgerufen, für die Impfung gegen Covid-19 zu werben.
  • Auch eine Impfpflicht wird in Deutschland diskutiert – in Frankreich ist sie für bestimmte Berufsgruppen bereits durchgesetzt.
  • Aber welche Argumente sprechen abseits von Gebot und Zwang für die Impfung?
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Zu Beginn hieß es noch, es brauche rund 60 bis 70 Prozent vollständig Geimpfte, um die sogenannte Herdenimmunität zu erreichen. Inzwischen gehen Corona-Expertinnen und -Experten vom Robert Koch-Institut (RKI) aber davon aus, dass es notwendig und auch erreichbar ist, 85 Prozent der Zwölf- bis 59-Jährigen sowie 90 Prozent der über 60-Jährigen vollständig durchzuimpfen. Nur so könne eine vierte Welle mit erneut vielen Erkrankten vermieden und die Pandemie weitreichend gestoppt werden.

Das ist eine Ansage. Zwar sind in Deutschland bereits 43 Prozent der Gesamtbevölkerung geimpft, 58,7 Prozent haben mindestens eine Impfdosis erhalten (Stand 13. Juli). Aber nach dem großen Run lässt das Interesse an der Impfung bei den Erwachsenen spürbar nach. Soll das Impfziel erreicht werden, geht es also darum, Menschen zu überzeugen. Aber wie?

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Eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen ist dieser Tage bereits im Gespräch – wenngleich sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Montag dagegen aussprachen.

Um Skepsis, Ängsten oder Desinteresse zu begegnen, helfen aber auch Argumente. Und da ist die Liste durchaus lang. Die Gründe, die bei jedem und jeder ganz persönlich für eine Impfung sprechen können, gehen deutlich über die Herdenimmunität hinaus. Ein paar Beispiele:

1) Keine Angst mehr vor Geschmacksverlust, Intensivstation und Tod

Das Risiko für eine Covid-19-Erkrankung ist in pandemischen Zeiten stark erhöht. Wirklich zuverlässig schützen kann davor nur eine Impfung. Auch wenn die Daten zu neuen Virusvarianten wie Delta und Alpha zeigen, dass die Impfstoffwirksamkeit geringer ausfällt als noch bei der Zulassung vor einigen Monaten, bleibt glücklicherweise eines garantiert: Alle Impfstoffe schützen weiterhin in hohem Maße vor einem schweren Covid-19-Verlauf. Also etwa vor einem schweren Lungenversagen, schwerwiegenden Entzündungen der Organe, vor Atemnot, vor einer wochenlangen Behandlung auf der Intensivstation – und nicht zuletzt vor dem Tod.

Was durch die Varianten wahrscheinlicher wird, ist das Risiko, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren – und mit milder Symptomatik zu erkranken oder einen asymptomatischen Verlauf zu haben. Trotzdem sinkt auch in diesem Fall das Infektionsrisiko durch die Impfung – und damit auch das Risiko, möglicherweise an für Long Covid typischer Symptomatik zu leiden. Geschmacksverlust, neurologische Probleme, Gedächtnisstörungen – all das könnte durch Covid-19 auf lange Sicht ausgelöst und durch die Impfung vermieden werden.

2) Die Impfung ist viel risikoärmer als die Gefahr durch Covid-19

Wer sich impfen lässt, geht kein größeres Risiko ein als nach der Einnahme anderer Medikamente oder Impfungen. Umfangreiche Zulassungs- und Beobachtungsstudien und die für die Impfstoffe zuständigen Behörden in der EU und Deutschland kommen allesamt zum Schluss: Alle hierzulande zugelassenen Impfstoffe – also von Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson – sind sicher und verträglich. Der Nutzen der Impfung überwiegt die Risiken bei Weitem. Wäre das anders, würden die Vakzine nicht zugelassen sein und auch nicht von der Ständigen Impfkommission empfohlen werden.

Wie bei jeder Impfung und bei jedem Medikament können auch bei den Covid-19-Impfstoffen Impfreaktionen und Nebenwirkungen auftreten. In der Regel sind aber nur für wenige Tage nach der Injektion Symptome zu erwarten – etwa Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, Fieber.

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Es kann in Einzelfällen auch schwere unerwünschte Ereignisse geben – das aber nur selten bis sehr selten. Je nach Impfstoff und je nach zu impfender Person mit individueller Risikoindikation kann etwa ein anaphylaktischer Schock, eine Herzentzündung, eine Sinusvenenthrombose auftreten. Dazu wird vor der Impfung aber im persönlichen Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin aufgeklärt und beraten. Die Europäische Arzneimittelbehörde sowie die Stiko kommen aber nach regelmäßiger Sichtung aller vorhandener Daten grundsätzlich zum Schluss, dass der Nutzen der Vakzine deutlich größer als das Risiko von Nebenwirkungen ist. Darauf kann man vertrauen.

3) Quarantäne und Schnelltests ade

Gerade im Herbst und Winter ist wieder vermehrt mit Ausbrüchen im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu rechnen. Es dürfte dann auch wieder häufiger passieren, dass es im Bekannten-, Familien- und Kollegenkreis oder unterwegs zu Infektionen kommt. Wer Kontakt zu einer infizierten Person hat, sich in Cluster-Situationen befindet oder sich selbst angesteckt hat, muss sich in Deutschland für bis zu 14 Tage in häusliche Isolation begeben. Aber: Wer vollständig geimpft ist, wird von Quarantänemaßnahmen ausgenommen. Wer geimpft ist, kann in vielen Situationen auch auf Antigenschnelltests verzichten. Denn von einem positiven Ergebnis ist nach vollständiger Impfung nicht mehr auszugehen.

4) Die Impfung schützt auch den Familien- und Freundeskreis

Das Risiko, sich als vollständig geimpfte Person mit Sars-CoV-2 zu infizieren und auch andere anzustecken, ist nicht um 100 Prozent reduziert. Aber in der Summe ist das Risiko einer Virusübertragung stark vermindert. Das heißt, je mehr Geimpfte aufeinandertreffen, umso besser sind auch die anderen noch nicht Geimpften, erst einfach Geimpften oder auch Geimpften, bei denen der Immunschutz nicht (mehr) ausreichend ausfällt, geschützt. Menschen, die uns nah sind, mit denen wir täglich im Kontakt sind, die womöglich vorerkrankt sind und das höchste Risiko für Covid-19 tragen (und denen man es auch nicht immer sofort ansieht), sind also geschützt. Es kann also auch ohne die Herdenimmunität auf der Ebene der Gesamtbevölkerung eine Art Herdenimmunität im eigenen Kontaktkreis entstehen.

5) Viele geimpfte Erwachsene erhöhen den Schutz für Kinder und Jugendliche

Vor allem Kinder und Jugendliche wird eine vierte Infektionswelle durch die ansteckendere Delta-Variante wahrscheinlich treffen. Von den über Zwölfjährigen ist bislang nur ein Bruchteil geimpft, für unter Zwölfjährige gibt es keinen zugelassenen Impfstoff. Es bleiben also nur die bekannten Schutzmaßnahmen als Option: Und neben Maske tragen, Abstand halten, Lüften und Wechselunterricht können Erwachsene einen großen Anteil daran haben, wie hoch das Ansteckungsrisiko für die Jüngsten sein wird.

„Eine generell niedrige Infektionslast hilft, dass die Schulen aufbleiben können“, betont etwa der Virologe Florian Klein von der Uniklinik Köln. „Und auch jeder Erwachsene, der sich impfen lässt, trägt dazu bei, das Infektions­geschehen zu verringern.“ Je mehr Geimpfte es gibt, umso niedriger ist also das Ansteckungsrisiko für Kinder und Jugendliche. Sie erkranken zwar weniger häufig an Covid-19. Unter pandemischen Bedingungen aber statistisch gesehen dann doch häufiger – und zu den Langzeitfolgen einer Infektion ist noch nicht viel bekannt.

6) Rückkehr zum normalen Leben wird durch die Impfung wahrscheinlich

Je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger Ansteckungen und Erkrankungen finden statt. Dadurch werden Lockerungen und Freiheiten für alle stückchenweise immer mehr möglich. Jede geimpfte Person ist also ein Schritt weiter hinaus aus der Pandemie, also der unkontrollierten Verbreitung und des exponentiellen Wachstums der Infektionen, welche die Einschränkungen ja erst erfordern. Und hierzulande haben wir das Privileg, ausreichend Impfstoff zur Verfügung zu haben. Ein Großteil der Welt wartet auf Lieferungen – und das wird Berechnungen von Forschenden auch noch bis 2023 andauern.

7) Risiko für weitere Virusvarianten mit Immun-Escape sinkt

Das Coronavirus wird ansteckender – und mancherorts auch tödlicher. Elf griechische Namen stehen inzwischen auf der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betriebenen Liste der besorgniserregenden und unter Beobachtung stehenden Virusvarianten. Die Bezeichnungen reichen von Alpha, Beta, Gamma und Delta bis hin zu Zeta, Eta, Kappa und Lambda. Eines demonstrieren diese Namen alle miteinander: Das Coronavirus Sars-CoV-2 verändert sich permanent, seit es in der Welt zirkuliert.

Und Corona-Expertinnen und -Experten rechnen damit, dass in Zukunft noch weitere Mutanten entstehen – oder bereits unentdeckt zirkulieren. Je eher eine Bevölkerung weitreichend durchgeimpft ist, umso geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Mutanten bei hoher Anzahl an Infektionen den Impfschutz noch gefährden könnten.

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