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Stagnierende Corona-Fallzahlen: Mutanten läuten schleichend die dritte Welle ein

  • Mehr Ausbrüche und steigende Infektionszahlen: RKI-Präsident Lothar Wieler sieht Deutschland erneut in einer kritischen Phase der Corona-Pandemie.
  • Simulationen zeigen bereits, dass der R-Wert in einigen Bundesländern nicht weiter fällt und die Fallzahlen nicht weiter sinken.
  • Die dritte Infektionswelle könnte sich im März und April bemerkbar machen – wenn zu unvorsichtig gelockert wird und das Verhalten der Menschen umschwingt.
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Der vorläufige Trend der letzten Wochen mit sinkenden Corona-Fallzahlen könnte erneut gebrochen sein. Das fürchten Virologen und Mathematiker, die anhand der erhobenen Daten zu Corona-Infektionen in der Bevölkerung Simulationen berechnen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) rechnet in den kommenden Wochen wieder mit mehr Corona-Ausbrüchen. „Wir stehen möglicherweise erneut an einem Wendepunkt“, betonte RKI-Präsident Lothar Wieler diese Woche in der Bundespressekonferenz. „Der rückläufige Trend der letzten Wochen setzt sich offenbar nicht mehr fort.“ Die Fallzahlen stagnierten, in vielen Bundesländern sei ein Plateau entstanden.

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Das beobachtet auch die Mathematikerin Anita Schöbel, die das Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik leitet. „Diese Woche sind die Infektionszahlen das erste Mal wieder etwas hochgegangen“, erklärte die Professorin dem RND. „Wir sehen in unseren Simulationen, dass der R-Wert in einigen Bundesländern nicht weiter fällt. Insbesondere da, wo die neue Variante schon mehr unterwegs ist.“ Das bedeute, Deutschland befinde sich jetzt wieder in einer kritischen Phase, „in der wir aufpassen müssen, nicht sofort wieder zu verlieren, was wir uns erkämpft haben“.

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Trotz Impfschutz für Ältere: Viele Erkrankte und Tote zu befürchten

Die Mutanten erschweren mitten im Lockdown die politischen Debatten zu möglichen Lockerungen ab März. Das Problem: Verlässliche Prognosen gibt es – wie seit Beginn der Pandemie – nicht. Wissenschaftler kalkulieren nur mit wahrscheinlichen Szenarien. „Wir wissen noch nicht genau, ob die besorgniserregenden Varianten dabei eine Rolle spielen“, räumte Wieler ein. Es sei aber zu beobachten, dass der Anteil der Ende 2020 zuerst in Großbritannien nachgewiesenen Variante B.1.1.7. auch in Deutschland rasant ansteige. Wieler erwartet deshalb in den kommenden Wochen mehr Ausbrüche. „Auch unter jüngeren Menschen. Es werden auch mehr junge Erwachsene, Jugendliche und auch Kinder erkranken.“

Wenn man den aktuellen Stand als Ausgangspunkt annimmt und sich der bisherige Trend fortsetzt, „werden wir Ende März deutlich höhere Fallzahlen sehen“, sagte Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln dem Science Media Center. „Dieses ist aber natürlich abhängig von unserem Verhalten und der Wirksamkeit, Infektionsketten zu unterbrechen.“ Natürlich sei es notwendig, weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. „Aber wir wissen genug, um zu sagen, dass wir ein großes Problem bekommen können.“

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Angst vor Mutationen: Wichtige Corona-Kennziffer gestiegen
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Das Robert Koch-Institut hat 9164 Corona-Neuinfektionen und 490 neue Todesfälle innerhalb eines Tages gemeldet.  © dpa

Es sei deshalb keine gute Lösung, das Gesundheitswesen durch unbedachtes Lockern bewusst dauerhaft an die Grenze des Belastbaren zu führen, sagt Mathematikerin Schöbel. Das würde viel zu viele Erkrankte und Tote einfordern, das Virus wäre nicht mehr zu kontrollieren. „Auch wenn die Älteren durch die Impfung geschützt sind, werden die Intensivstationen bei Lockerungen voll bleiben – nur dann mit jüngeren Patienten.“ Der Impfeffekt und auch der saisonale Effekt könnten die neue Dynamik durch die Virusmutation vorerst nicht ausgleichen. „B.1.1.7 wird sich weiter ausbreiten, insbesondere wenn wir ab März wieder lockern“, ist sich Schöbel sicher. „Wie immer bei Corona dauert es zwar noch ein bisschen, bis das sichtbar wird. Das Virus schleicht sich erst langsam an – und dann kommt es plötzlich dicke.“

Kipppunkt ist nicht exakt kalkulierbar: März, April, vielleicht Herbst

Nur wann genau ist die Wende wirklich spürbar? Also: Wann ist der Anstieg der Fälle mit den neuen Varianten so groß, dass der Rückgang der Fälle mit den bisherigen Varianten dadurch aufgewogen wird und die Fallzahlen wieder steigen?

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„Ich erwarte nach der momentanen Datenlage eine dritte Welle erst Mitte bis Ende März“, prognostiziert der Mathematiker Andreas Schuppert, der an der Technischen Hochschule Aachen (RWTH) Simulationen zum Pandemieverlauf berechnet. In seinen Modellierungen sei ein exponentielles Wachstum noch nicht sichtbar, eine sichtbare Trendwende erst im kommenden Monat zu erwarten. Aber: „In den Fallzahlen und R-Werten sind die Mutanten wegen der starken täglichen Schwankungen der Zahlen nur schwer zu erkennen“, erklärte der Experte gegenüber dem RND. Beim Vorliegen weiterer Daten zu B.1.1.7 könnten sich die Prognosen jederzeit sehr schnell ändern.

Dem Mathematiker Jan Fuhrmann zufolge, der am Forschungszentrum Jülich mögliche Szenarien zum Pandemieverlauf errechnet, gibt es unterschiedliche Schätzungen zur Wirksamkeit der Kontaktbeschränkungen und dem Ausbreitungsvorteil von B.1.1.7, „und bereits kleine Unterschiede haben hier eine große Wirkung“, erklärte der Wissenschaftler dem RND. „Es kann da schnell um den Unterschied zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten gehen, bis dieser Kipppunkt erreicht ist.“ Anders als Anita Schöbel hält Fuhrmann es durchaus für möglich, dass allein das im Frühjahr wegen der Witterung vermutlich nachlassende Infektionsgeschehen dazu führe, dass dieser Punkt nicht vor dem Herbst erreicht werde. „Und bis dahin wird dann die Frage der Impfungen deutlich relevanter“, so Fuhrmann.

Lockerungen nur mit Vorsicht

Es bleibt also schwierig, die Lage einzuschätzen – selbst für Datenkenner. In dieser Situation unbedacht lockern? Davon raten Wieler und viele weitere Wissenschaftler ab. „Modellierungen legen nahe, dass sich bei einem höheren R-Wert, wie wir ihn bei der B.1.1.7-Variante beobachten, im Hintergrund langsam eine dritte Welle aufbaut – das ist realistisch“, betonte auch Alexander Mellmann, Direktor des Instituts für Hygiene am Universitätsklinikum Münster, gegenüber dem Science Media Center. „Aus diesem Grund sollte jetzt klar kommuniziert werden, dass nur durch die Fortführung der Maßnahmen diese dritte Welle verhindert oder zumindest abgemildert werden kann. Das Entscheidende ist nicht, die Maßnahmen zu verschärfen oder weitere einzuleiten, sondern konsequent die alten zu befolgen.“ Die gute Nachricht ist also: Alle Maßnahmen – wie weniger Kontakte, Abstand, Maske tragen, Schließungen – wirken auch gegen die neuen Virusvarianten.

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