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Spanien: Viel Impfen hilft viel – bringt aber noch keine Herdenimmunität

  • Rund 80 Prozent der Spanier sind gegen Covid-19 geimpft und stecken sich deswegen eher selten an.
  • Die medizi­nische Fach­zeit­schrift „The Lancet“ schreibt, dass Spanien damit an „an der Schwelle zur Herden­immunität“ stehe.
  • Warum das trotz niedriger Infek­tions­zahlen und hoher Impf­quote im Land nicht der Fall ist.
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Spanien. „Hat Spanien die Herden­immunität erreicht?“ betitelt die medizi­nische Fach­zeit­schrift „The Lancet“ am Dienstag einen Artikel über die Corona-Epidemie in Europa. Wie meis­tens, wenn ein Frage­zeichen in einer Überschrift auftaucht, ist die Antwort: nein.

Der „Lancet“-Autor schreibt, dass in Spanien „mehr als 80 Prozent der Bevöl­kerung jetzt voll­ständig gegen Covid-19 geimpft“ seien (korrekt sind 78,8 Prozent), und „Experten beginnen zu glauben, dass das Land an der Schwelle zur Herden­immunität steht“. Aller­dings benennt der Artikel keinen dieser Experten und keine Exper­tin. Der einzige Fach­mann, der zu Wort kommt, Jesús Rodrí­guez Baño vom Maca­rena-Hospital in Sevilla, bemerkt statt­dessen, dass sich die derzeitigen niedrigen Infek­tions­raten in Spanien „plausibel nur durch die hohe Impf­rate“ erklären lassen. Das ist wahr, aber nicht dasselbe wie die Behaup­tung, dass Spanien die Schwelle zur Herden­immunität erreicht hat.

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Infektionsgeschehen der Länder immer auch vom Rest der Welt abhängig

Spanien ist nach Portugal und Malta das europä­ische Land mit der dritt­höchsten Impfrate und nach Malta das Land mit der zweit­niedrigsten Infek­tions­rate: Die spanische 14-Tage-Inzidenz liegt bei 49, deut­lich unter der deut­schen von rund 277. Der Zusammen­hang zwischen vielen Geimpften und wenigen Kranken scheint also recht offen­sicht­lich zu sein, auch wenn er sich nicht auf eine einfache mathe­matische Formel bringen lässt – Impf­europa­meister Portugal über­trifft Spanien mit einer Inzi­denz von gut 107 deut­lich. Bei der Ausbrei­tung des Virus spielen also auch noch andere Faktoren eine Rolle. Aber Impfen hilft.

Was wahr­schein­lich eher wenig hilft, sind die Spekula­tionen über die Herden­immunität. Ein Menschen­­volk ist keine Kuh­herde, die sich nicht mit anderen Herden mischt, sondern ein ziemlich mobiler Orga­nismus in stän­digem Kontakt mit anderen Menschen jenseits der Grenzen. Was in Spanien (und jedem anderen Land) geschieht, hängt also auch davon ab, wie sich die Pandemie „auf Welt­ebene entwickelt“, sagt José Martínez Olmos, Fach­mann für öffent­liche Gesund­heit aus Granada, im Gespräch mit der Netz­zeitung „eldiario.es“. Sein Madrider Kollege, der Immuno­loge Alfredo Corell, lobt die Impf­­fort­­schritte in Spanien, die das Gesund­­heits­­system vor „einem größeren Kollaps“ bewahrt hätten, „aber sie sind nicht groß genug, um eine Herden­­immunität zu erreichen.“ „Man darf nicht falsche Hoff­­nungen wecken, dass es keine weiteren Fälle geben wird“, bittet der Epidemio­­loge Pedro Gullón.

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Nach fünf Corona-Wellen: Kaum belastete Krankenhäuser in Spanien

Spanien hat fünf Infek­­tions­­wellen hinter sich, von denen die erste beson­ders töd­lich war. Die fünfte Welle ist gerade ausgelaufen, und die Inzi­­denz steigt seit einigen Tagen wieder leicht an. Die Spanie­rinnen und Spanier sind grund­sätz­lich recht impf­willig, was aus deut­scher Sicht erklä­rungs­bedürftig zu sein scheint, wobei die Spanie­rinnen und Spanier eher ratlos auf Länder wie Deutsch­­land schauen. Aber auch in Spanien gibt es eine kleine Gruppe von Impf­gegne­rn und Impfgegnerinnen sowie Impfskeptikern und -skeptikerinnen, nach Umfragen sind das zurzeit etwa 7 Prozent der Bevöl­kerung.

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Dazu kommen noch vor allem junge Leute, denen es mit der Impfung nicht so dringend ist. Gut 95 Prozent aller über 40-Jährigen sind komplett geimpft; in der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen sind es weniger als 79 Prozent. Die beste Nach­richt ist, dass die Kranken­häuser mit zurzeit gut 1700 Covid-Patientinnen und -Patienten – 400 davon auf der Intensiv­station – durch die Pandemie kaum noch belastet sind. Doch solange die 14-Tage-Inzidenz nicht auf unter 25 gefallen ist, will die Regie­rung noch keinesfalls von „Norma­lität“ reden. Und von Herden­immunität schon gar nicht.

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