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Maskenpflicht, Schnelltests, Booster-Impfung: Wie sinnvoll sind Spahns Corona-Pläne für den Herbst?

  • Das Bundesgesundheitsministerium hat einen Bericht mit Vorschlägen für Corona-Maßnahmen im Herbst erstellt.
  • Darin geht es unter anderem um die Maskenpflicht, Schnelltests und Freiheiten für Geimpfte, Genesene und Getestete.
  • Expertinnen und Experten erklären, wie hilfreich diese Pläne im Kampf gegen eine vierte Welle sind.
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Bald hält der Herbst Einzug in Deutschland, und damit dürfte sich das Infektionsgeschehen noch einmal zuspitzen. Zumindest deuten darauf Modellierungen des Robert Koch-Instituts (RKI) hin. Das Bundesgesundheitsministerium hat nun ein Strategiepapier erarbeitet, in dem Maßnahmen für die kommenden Monate beschrieben werden, die die Ausbreitung der Delta-Variante eindämmen sollen. Die Vorschläge sind Grundlage für die Beratungen der Bund-Länder-Runde, die am kommenden Dienstag stattfinden soll. Das sind die zentralen Punkte des Strategiepapiers:

Maskenpflicht bleibt bis Frühjahr 2022 – auch für Geimpfte

In einem Leitfaden des RKI, den die Behörde vor zwei Wochen veröffentlicht hat, heißt es, dass die AHA+A+L-Regel (also Abstand, Hygiene, Alltag mit Maske, Corona-Warn App, Lüften) auch im Herbst ein wichtiger Bestandteil der Corona-Prävention bleiben werde. Sie solle bis zum Frühjahr kommenden Jahres weiter eingehalten werden. Dieser Forderung kommt das Bundesgesundheitsministerium nach. Das Strategiepapier sieht ebenfalls eine Verlängerung der Maskenpflicht bis zum Frühjahr 2022 vor – und zwar auch für Geimpfte und Genesene. Sie sollen – genauso wie alle Ungeimpften – weiterhin im öffentlichen Personennahverkehr und Personenfernverkehr sowie im Einzelhandel einen Mund-Nasen-Schutz tragen.

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Weil die Impfquote noch immer nicht hoch genug sei, auch nicht in den Risikogruppen wie etwa bei den über 60-Jährigen, sei die AHA+A+L-Regel weiterhin sinnvoll, „wenn nicht sogar notwendig”, sagt Prof. Bernd Salzberger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Dem pflichtete Virologe Prof. Stephan Ludwig vom Universitätsklinikum Münster bei: „Verschiedene aktuelle Studien zeigen, dass auch Geimpfte immer noch infiziert werden und damit das Virus in sich tragen und weitergeben können, auch wenn sie selbst nicht schwer krank werden”, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Daher ist bei den derzeit noch niedrigen Impfquoten, insbesondere in Situationen, wo viele Menschen zusammenkommen, eine Maskenpflicht weiterhin sinnvoll, um Nichtgeimpfte vor Infektionen und schweren Verläufen zu schützen.”

Auch Martin Stürmer, Virologe und Laborleiter am IMD-Labor für interdisziplinäre Medizin und Diagnostik in Frankfurt, rät dazu, die Maskenpflicht für alle beizubehalten. Geimpfte von dieser Pflicht zu befreien, käme einer Spaltung der Gesellschaft gleich – in Maskenträger und nicht Maskenträger. „Wie soll eine sinnhafte Kontrolle dieser Differenzierung im Alltag umgesetzt werden?”, sagte er im Gespräch mit dem RND. Nach Ansicht des Virologen ist die Maskenpflicht eine der „am wenigsten einschneidenden Maßnahmen von allen”. Über eine Rückkehr zur Normalität könne man erst diskutieren, sobald allen Bürgerinnen und Bürgern ein Corona-Impfstoff angeboten wurde.

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Ab Oktober werden Schnelltests kostenpflichtig

Bisher sind die Corona-Schnelltests, mit denen sich Ungeimpfte „freitesten” können, um etwa in den Urlaub zu fahren oder an Veranstaltungen teilnehmen zu können, kostenlos. Das will das Bundesgesundheitsministerium ab Oktober ändern. Dann sollen die Tests nur noch für Menschen kostenlos sein, die sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen können oder für die keine Impfempfehlung vorliegt – zum Beispiel für Schwangere oder Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Corona-Schnelltests sollen bald kostenpflichtig werden. © Quelle: Peter Kneffel/dpa

Infektiologe Salzberger befürwortet dieses Vorgehen: „Wenn jemand ein Impfangebot erhalten hat und dies nicht wahrnimmt, ist schwer zu verstehen und zu vermitteln, dass die Allgemeinheit für die Kosten von Tests aufkommen soll”, sagte er dem RND. „Tests für Menschen, die sich nicht impfen lassen können, sollen aber weiterhin kostenlos sein. Wenn das dann noch die Impfquoten steigen lässt, umso besser.”

Virologe Stürmer gibt jedoch zu bedenken: „Wir sind darauf angewiesen, Infektionsketten zu unterbrechen. Wenn wir jetzt anfangen, dieses niedrigschwellige Testangebot abzuschaffen, besteht die Gefahr, dass weniger Infektionen detektiert werden als tatsächlich vorhanden sind.” Das heißt, die Dunkelziffer könnte steigen.

Kitas und Schulen mit Test-, Lüftungs- und Hygienekonzepten absichern

Um den Schul- und Kitabetrieb im Herbst aufrechtzuerhalten, setzt das Bundesgesundheitsministerium auf entsprechende Test-, Lüftungs- und Hygienekonzepte. Insbesondere Lolli-Pool-PCR-Testungen sollen in den Bildungseinrichtungen Anwendung finden. Bei dieser Testmethode werden mehrere Proben einer Kohorte, zum Beispiel einer Klasse, im Labor gemeinsam ausgewertet. Fällt die Pooltestung negativ aus, werden alle Getesteten als nicht infiziert eingestuft. Wird das Coronavirus nachgewiesen, müssen die Kinder und Jugendlichen am nächsten Tag neue Lollitests durchführen, die dann einzeln mithilfe der PCR-Methode analysiert werden, um die oder den Infizierten zu identifizieren.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hatte sich schon Ende März in einer Stellungnahme für PCR-Pooltestungen in Schulen und Kitas ausgesprochen. Die Antigenschnelltests, die dort zurzeit im Einsatz sind, seien nicht zu 100 Prozent zuverlässig, teilte der Verband mit. Damit ein Schnelltest in Deutschland zugelassen wird, muss er nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts bei symptomatisch Erkrankten eine Sensitivität von mindestens 80 Prozent und eine Spezifität von 97 Prozent aufweisen. Das heißt: 20 Prozent der Infizierten erkennt der Schnelltest nicht. Ein Antigenschnelltest könne also eine falsche Sicherheit vermitteln, schrieb die DGKJ.

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Das RKI befürchtet derweil, dass es im Herbst und Winter wieder vermehrt zu Infektionen in den Schulen und Kitas kommen könnte. „Leider sind die Schulen immer noch nicht auf die nächsten Wellen vorbereitet”, monierte etwa Reiner Schladweiler, Landeselternsprecher in Rheinland-Pfalz. „Weder die zuschussfähigen raumlufttechnischen Anlagen wurden vermehrt eingebaut – was zeitlich und bautechnisch nicht so einfach ist –, noch sind die einfach aufzustellenden mobilen Raumluftreiniger flächendeckend vorhanden.” Ähnliche Kritik äußerten auch andere Elternverbände.

Hochbetagte erhalten Boosterimpfung

Corona-Risikopatientinnen und -patienten wie Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sollen im Herbst eine dritte Corona-Impfdosis erhalten, um sich vor der ansteckenden Delta-Variante zu schützen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass unter den Hochbetagten oder unter Patienten mit Immunsuppression Menschen sind, die weniger gut gegen Delta geschützt sind, ist relativ groß”, hatte Prof. Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, bereits Mitte Juli im Gespräch mit dem RND gesagt. „Deshalb würde ich persönlich sagen: Gehen wir lieber auf Nummer sicher und impfen diese Gruppe noch ein drittes Mal”.

Weil Ältere zu Beginn der Impfkampagne primär den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer erhalten haben, rät die Immunologin, „die dritte Impfung auch mit einem mRNA-Impfstoff durchzuführen”. Genau so will das Bundesgesundheitsministerium nun vorgehen. Zum Einsatz kommen soll neben dem Biontech-Pfizer-Vakzin auch der Impfstoff von Moderna.

Infektionsgeschehen mit weiteren Indikatoren beurteilen

Neben der Sieben-Tage-Inzidenz will das Bundesgesundheitsministerium nun Kennzahlen wie die Impfquote, die Inzidenz nach Altersgruppen und die Hospitalisierungsrate nach Altersgruppen zur Beurteilung der Corona-Lage heranziehen. Gerade Letztere ist unter Expertinnen und Experten allerdings umstritten. Prof. Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin und Co-Direktor des European Observatory on Health Systems and Policies, bemängelte, dass für diesen Parameter die Datenlage nicht ausreiche. Mit der neuen Verordnung, die Kliniken verpflichtet, mehr Daten zu melden, zum Beispiel zum Alter, zur Art der Behandlung und zum Impfstatus der Patientinnen und Patienten, sei man nur „einen halben Schritt” gegangen.

„Wir wissen zwar in Zukunft potenziell besser und schneller, welche Personen überhaupt ins Krankenhaus kommen, aber ob sie dann einen Tag oder 20 Tage dort sind, ob sie zwischendurch auf die Intensivstation kommen und beatmet werden, das wird nicht erfasst”, sagte Busse in der vergangenen Woche bei einer Veranstaltung des Science Media Centers. Er selbst hält die Positivenrate bei der Bewertung des Infektions­geschehens für einen wichtigen Faktor.

Ungeimpfte müssen mit Einschränkungen rechnen

Ab Anfang oder Mitte September soll in Deutschland die sogenannte „3G-Regel” gelten. Das bedeutet: Nur noch Geimpfte, Genesene oder Getestete dürfen beispielsweise in Hotels übernachten, Sport im Innenbereich betreiben oder an Großveranstaltungen teilnehmen. Steigen die Fallzahlen jedoch weiter an, so dass Grenzwerte bei den Corona-Indikatoren überschritten werden, könnten für Ungeimpfte Einschränkungen drohen. Zum Beispiel könnten für sie wieder Kontaktbeschränkungen gelten oder sie müssten damit rechnen, von Veranstaltungen ausgeschlossen zu werden.

Virologe Stürmer sieht in dieser Maßnahme „einen unnötigen Druck, der auf Ungeimpfte aufgebaut wird”. „Die ganze Diskussion lenkt meines Erachtens auch ein bisschen davon ab, dass Dinge verschlafen und nicht vernünftig durchdacht wurden”, sagte er dem RND. Als Beispiel nannte er die Impfstrategie. Es müsse jetzt mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden, um die Impfmüden zu erreichen. Auch müssten seiner Meinung nach andere Impfanreize geschaffen werden. „Es werden Geimpfte beispielsweise damit belohnt, dass sie bei der Einreise aus einem Hochrisikogebiet nach Deutschland keinen Test machen müssen. Das ist für mich der falsche Ansatz.”

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