Software: Bekommt „Sormas“ die Corona-Krise in den Griff?

  • Die Geschichte des IT-Programms „Sormas“ ist ungewöhnlich: Denn nur selten wird ein Projekt aus der Entwicklungshilfe zum Rettungsprogramm in einem Industrieland bestimmt.
  • „Sormas“ hat sich bei der digitalisierten Krankheitsüberwachung und dem Ausbruchmanagement in Afrika bewährt.
  • Als Corona-Software soll die Software den Informationsaustausch von Behörden und Gesundheitsdiensten beschleunigen – doch es gibt Kritik.
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Berlin. Fax-Maschinen und ein Flickenteppich der Systeme in der Corona-Krise: Geht es nach der Bundesregierung, soll das IT-System „Sormas“ den viel zu oft stockenden Informationsaustausch von Behörden und Gesundheitsdiensten in der Corona-Pandemie beschleunigen. „Sormas“ (Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System) hat sich bei der digitalisierten Krankheitsüberwachung und dem Ausbruchmanagement in Afrika bewährt. Als Projekt der Entwicklungshilfe gestartet, soll es bis Ende Februar bundesweit in den Gesundheitsämtern ausgerollt werden, um Infektionsketten besser nachzuvollziehen zu können.

„Sormas“ konnte bei Ausbruch der Affenpocken überzeugen

Damit nimmt das Entwicklungsprojekt einen ungewöhnlichen Weg, bei dem Europa von Afrika lernt: Erdacht wurde „Sormas“ in Nigeria als Antwort auf die Ebola-Epidemie in den Jahren 2014 bis 2016, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sabine Ablefoni, Ökonomin mit einer Spezialisierung für das öffentliche Gesundheitswesen, arbeitet seit Ende 1993 für die GIZ. Sie war mehr als 20 Jahre in Ländern Westafrikas. In den vergangenen vier Jahren arbeitete sie Projektleiterin für ein Vorhaben zur Unterstützung der Pandemieprävention in der Region der Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (Ecowas).

„Am Anfang gab es Zweifel bei den Verantwortlichen in Nigeria. „Sormas“ konnte dann überzeugen, als es beim Ausbruch der Affenpocken 2018 eingesetzt wurde und Echtzeitdaten liefern konnte. Da war der politische Wille geboren“, sagt sie. Das System gebe der Zusammenarbeit eine Struktur. „Fälle werden erkannt. Dann sind es erstmal Verdachtsfälle. Proben werden untersucht, ein Labor gibt Entwarnung oder der Fall wird als positiv bestätigt. Dann ermöglicht das System auch das weitere Zusammenspiel zwischen den einzelnen Akteuren. Es geht um den Austausch von Daten und Prozessanleitungen. Im Prinzip ist dann durch das System klar, welcher Akteur welche Aufgaben umsetzen muss.“

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System kann in Deutschland bei Covid-19 helfen

Entwickelt wurde „Sormas“ seit 2014 durch ein Konsortium aus dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), dem afrikanische Netzwerk für Feldepidemiologie (AFENET) und dem Nigerianischen Zentrum für Krankheitskontrolle. Mit Geld der Europäischen Union und der GIZ finanziert, ist ein Open-Source-Tool entstanden das als öffentliches Gut eingestuft ist und – so sagt es Ablefoni – auch die Daten der Patienten schützt. „Patientendaten sind immer sensibel, und die Problematik ist bekannt. Datenschutz ist berücksichtigt und in das System integriert“, sagt die GIZ-Expertin.

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Wo kann das System bei Covid-19 in Deutschland helfen? „Wir leben seit einem Jahr in der Pandemie und jeden Montag heißt es, dass die Daten noch unvollständig sind“, sagt sie und bremst Erwartungen an eine schnelle Lösung durch ein einheitliches System. „Das ist aber nichts, was von heute auf morgen geht“, sagt Ablefoni. „In Nigeria hat das Pilotsystem Ende 2017 begonnen und jetzt mit Covid-19 ist das Rollout von ‚Sormas‘ gelungen.“ Und: „Alle, die mit „Sormas“ arbeiten, sind begeistert von dem System.“

Kritik von Gesundheitsämtern und Bundestag

Allerdings scheinen viele Gesundheitsämter in Deutschland skeptisch. Nach Einschätzung des Deutschen Landkreistags ist mit „Sormas“ eine Entlastung der Gesundheitsämter „von unnötigem Aufwand“ nicht zu erreichen. Das betonte der kommunale Spitzenverband, der knapp 300 Landkreise bundesweit vertritt, in einem Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). „Wir halten das Ziel einer flächendeckenden Einführung deshalb weder für erstrebenswert, noch derzeit erreichbar“, heißt es in dem Schreiben von Ende Januar.

Der Verband betonte in dem Schreiben, die Gesundheitsämter nutzten digitale Instrumente zur Kontaktnachverfolgung und bräuchten keine zusätzlichen Anwendungen. Man sei aber gezwungen gewesen, etwa mit dem Robert Koch-Institut (RKI) via Fax zu kommunizieren, da es „am digitalen Meldeweg“ fehle. Ein Verbandssprecher sagte, man wolle die Vielfalt der Programme vor Ort erhalten. Auch sei es schwierig, inmitten der extremen Pandemie-Belastungssituation einen Umstieg zu vollziehen. Laut Landkreistag wird „Sormas“ bisher von rund 80 Gesundheitsämtern genutzt.

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Kritik kommt aus dem Bundestag. Mehrfach hätten Bund und Länder sich auf die Einführung der flächendeckenden Meldesoftware „Sormas“ für die Gesundheitsämter verständigt, doch nur ein Drittel nutze die Software, so die SPD-Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis. Sie beklagt „kleinstaaterisches Denken“. „Wir brauchen eine bundesweite einheitliche Vernetzung zur Kontaktnachverfolgung, damit die Gesundheitsämter auf ein globales Phänomen wie die Corona-Pandemie schnell reagieren können“, fordert sie. „Aber ausgerechnet im Entwicklerland Deutschland wird sich der Einführung verweigert, weil jeder auf einer eigenen Insellösung beharrt.“

RND/dpa

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