Gehen Deltasorgen und Fußballeuphorie zusammen?

  • Seit mehr als einem Jahr prägt die Corona-Pandemie unser Leben. Wie geht es nun weiter?
  • Das Autorenteam des RND-Newsletters „Die Pandemie und wir“ ordnet die Nachrichten der Woche ein, gibt Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und zeigt Wege in den postpandemischen Alltag.
  • In dieser Woche: Delta ist da, und die Fußball-EM läuft.
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Liebe Leserinnen und Leser,

die Mutante Delta erinnert dieser Tage daran, auf welch fragilem Boden unser Alltag gerade trotz Impfungen noch steht. Der Blick geht nach Großbritannien, wo inzwischen zwar mehr als 60 Prozent der Erwachsenen voll geimpft sind. Aber die rasante Ausbreitung der zuerst im indischen Bundesstaat Maharashtra registrierten Virusvariante lässt die Infektionszahlen und Krankenhauseinweisungen im Land plötzlich wieder nach oben schnellen. Mit der Konsequenz, dass die Politik die Corona-Maßnahmen nun doch um einen Monat verlängern musste.

Ein Szenario, das auch Deutschland ereilen könnte? Noch ist Delta hierzulande laut RKI-Bericht vom Mittwoch relativ selten, ihr Anteil an den Neuinfektionen betrug Anfang Juni 6,2 Prozent. Binnen einer Woche habe sich ihr Anteil aber deutlich gesteigert – ein Hinweis darauf, dass Delta sehr wahrscheinlich demnächst Alpha ablösen wird. Bei zu schnellen Öffnungsschritten müsse man sich hierzulande auf eine vierte Welle einstellen, mahnen bereits Corona-Expertinnen und -Experten.

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Gemischte Gefühle bei der Fußball-EM

Und gleichzeitig, parallel zur Variantendauerbesorgnis, ploppt in Europa das pralle Leben wieder auf, sichtbar für die ganze Welt. In den großen Fußballstadien sind wieder mitfiebernde und ausgelassene Fangemeinden zu sehen. Und auf dem Weg zu den EM-Sportstätten, wie am Dienstag eindrucksvoll auf der Fanmeile in der ungarischen Hauptstadt Budapest zu sehen, feiernde Menschenmengen. Teils mit Abstand, teils mit Maske, oft aber auch eilig unters Kinn verfrachtet oder in sportlicher Euphorie ganz ohne.

Kann das gut gehen? Wenn wir das nur vorher wüssten. Aber anders als 2020 ist das Wissen um Virus und Eindämmung präziser geworden. Solange Sars-CoV-2 weltweit kursiert, bleibt weiterhin der beste Rat: Wir haben es selbst in der Hand, mit unserem konkreten Verhalten im Alltag, durch Tests, Abstand, Maske und Frischluft. Durch die Entscheidung für eine Impfung, auch bei deutschlandweit niedriger Inzidenz – die im Übrigen laut erster Studien auch bei Delta vor einem schweren Covid-19-Verlauf in der Klinik bewahrt.

Bleiben Sie also zuversichtlich!

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Saskia Heinze

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
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Erkenntnis der Woche

Anders als seine Vorgänger Biontech, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson hat der Impfstoffkandidat des Tübinger Unternehmens Curevac nun weniger gute Nachrichten zu vermelden. Das Mittel verfehlt laut eigener Mitteilung das Wirksamkeitsziel. Das Vakzin soll nach eigener Zwischenanalyse aus der seit einem halben Jahr laufenden zulassungsrelevanten Phase-drei-Studienphase nur zu 47 Prozent wirksam gegen eine Covid-19-Erkrankung „jeglichen Schweregrades“ sein.

Damit erfüllt der Impfstoff nicht die vorgegebenen statistischen Erfolgskriterien, was auch Auswirkungen auf die Impfkampagne in Deutschland haben könnte. Ob Curevac nun überhaupt absehbar – und wenn ja, wann – liefern kann, bleibt noch unklar. Die Bundesregierung hatte den Curevac-Impfstoff Berichten zufolge lange für die zweite Jahreshälfte eingeplant, auf der jüngst vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichten Liste der Impfstofflieferplanungen fehlte das Unternehmen aber bereits.

Obwohl der Impfstoff von Curevac – wie auch Biontech und Moderna – auf die mRNA-Technologie setzt, unterscheidet er sich grundsätzlich von ihnen. Was es damit genau auf sich hat, können Sie hier nachlesen.

Pandemie in Zahlen

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Alltagswissen

Grillen mit Freunden, nebenher die Fußballspiele im Garten verfolgen? Das ist im Sommer bei Niedriginzidenz auch trotz Coronavirus wieder möglich. Einer Gartenparty an der frischen Luft steht eigentlich nichts im Wege. Aber sollten sich alle Gäste vorab per Schnelltest absichern? Expertinnen und Experten raten dazu, wenn Nichtgeimpfte oder noch nicht Genesene mit dabei sind.

Sind auch Gäste ohne vollständigen Impfschutz beim Grillfest dabei, sind Schnelltest für alle vorab ratsam. © Quelle: Christin Klose/dpa-tmn

Der Grund: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person trotz vollständiger Impfung PCR-positiv wird, ist sehr niedrig, aber eben auch nicht null. Es müsse laut Robert Koch-Institut (RKI) davon ausgegangen werden, dass „einige Menschen nach Kontakt mit Sars-CoV-2 trotz Impfung (asymptomatisch) PCR-positiv werden und dabei auch infektiöse Viren ausscheiden“. Dieses Restrisiko, vor allem für Menschen ohne Immunschutz relevant, kann laut RKI durch das Einhalten der Maßnahmen wie Abstand halten, Tests und Maske tragen reduziert werden.

Wenn aber alle Beteiligten vollständig geimpft oder genesen sind, braucht es den Schnelltest nicht. Das ist inzwischen auch gesetzlich geregelt. Das Infektionsschutzgesetz „gilt nicht für eine private Zusammenkunft, an der ausschließlich geimpfte Personen oder genesene Personen teilnehmen“, so Paragraf 4 der Covid-19-Schutzmaßnahmen-Ausnahmenverordnung.

Zitat der Woche

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Ich glaube, wir sollten auf den Herbst warten. Bis dahin werden hoffentlich die Infektionszahlen weiter zurückgehen – und wenn dann doch wider Erwarten eine vierte Welle ausbleiben sollte, kann man eine generelle Aufhebung der Maskenpflicht noch einmal neu bewerten.

Virologe Prof. Uwe G. Liebert zur Diskussion um die Aufhebung der Maskenpflicht

Forschungsfortschritt

Wie lange Geimpfte immun gegen das Coronavirus bleiben, ist noch unklar. Allerdings mehren sich die Hinweise, dass der Immunschutz länger als sechs Monate anhalten könnte. Positiv stimmen beispielsweise noch zu begutachtende Ergebnisse der Washington School of Medicine, die nach der Analyse der für die Immunantwort relevanten Gedächtniszellen zum Schluss kommt, dass einmal mit Sars-CoV-2 Infizierte wahrscheinlich den größten Teil ihres Lebens Antikörper gegen das Virus bilden könnten. Die Forschenden konnten langlebige antikörperproduzierende Zellen im Knochenmark von an Covid-19 Erkrankten identifizieren.

Die Ergebnisse beziehen sich zwar auf Genesene und nicht Geimpfte, implizierten aber, „dass Impfstoffe die gleiche dauerhafte Wirkung haben“, wird Menno van Zelm, Immunologe an der Monash University im australischen Melbourne in einem Artikel der Fachzeitschrift Nature zitiert. Was inzwischen noch zur langrfristigen Immunität bekannt ist und wieso eindeutige Ergebnisse noch nicht vorhanden sind, können Sie hier nachlesen.

Pandemie im Ausland

In Lateinamerika breitet sich eine weitere Corona-Variante aus. Sie wird Lambda genannt. Gesicherte Erkenntnisse zu der Mutante gibt es bisher noch nicht. Allerdings steht die Variante nun unter besonderer Beobachtung der Weltgesundheitsorganisation. Das heißt, die Mutante führt wahrscheinlich zu gehäuften Fällen und tritt in mehreren Ländern auf.

Aufgrund ihrer Mutationen könnte dieser Virustyp auch möglicherweise ansteckender sein oder vom menschlichen Immunsystem schlechter bekämpft werden. Die Lambdavariante wurde erstmals im August 2020 in Peru identifiziert. In dem Land wurden seit April 81 Prozent aller analysierten Corona-Fälle Lambda zugeordnet. In Argentinien und Chile waren es in den vergangenen Monaten rund ein Drittel.

Was kommt

Inzwischen ist klar, dass Corona auf Dauer zirkulieren wird, wenngleich weniger stark. Forschende gehen davon aus, dass das Virus auch nach weiteren Möglichkeiten suchen wird, das menschliche Immunsystem zu umgehen und auszutricksen. Sprich: Es werden sich nach Alpha und Delta weitere neue Varianten bilden, die das Ziel haben, trotz Impfungen weiterhin Menschen zu infizieren.

Zum Problem wird das vor allem dann, wenn dies unbeobachtet geschieht. Wenn dem Virus ein „immune escape“ gelingt, ohne dass die Menschen schnell darauf reagieren, zum Beispiel mit einem angepassten Impfstoff. Für eine gute Überwachung könnte deshalb das bereits existierende Influenza-Überwachungssystem ein Vorbild sein. Denn auch der Grippeimpfstoff muss jedes Jahr an die zirkulierenden Grippeviren angepasst werden. Die Weltgesundheitsorganisation sammelt dazu zahlreiche Daten und Virenproben von nationalen Behörden ein, um eine entsprechende Empfehlung abzugeben.

Was die Pandemie leichter macht

Einschlafprobleme bei Hitze und zu viel Corona-Themen im Kopf? Lesen im Bett kann helfen. © Quelle: Christin Klose/dpa-tmn

Ob wegen der Sommerhitze oder dem Corona-Blues oder gar beidem, viele Menschen haben mit Einschlafschwierigkeiten zu kämpfen und kommen nur schwer zur Ruhe. Was kann dagegen helfen? Hinweise und Tipps liefert eine aktuelle Umfrage. Die Tendenz ist eindeutig: Lieber noch ein paar Seiten analog lesen statt am Smartphone daddeln, Einschlafmusik hören, möglichst nicht mehr zu später Stunde auf koffeinhaltige oder alkoholische Getränke setzen oder schwere Kost zu sich nehmen. Nur 17 Prozent der Befragten gaben an, überhaupt keine Einschlafhilfe zu brauchen.

Was außer Corona noch wichtig ist

Nicht nur für ausbrechende Pandemien, sondern auch für vermehrt auftretende Hitze brauche es Notfallpläne, erklärte uns Wissenschaftsjournalistin Katja Trippel, die zu den Folgen des Klimawandels für unsere Gesundheit recherchiert und auch ein Buch darüber geschrieben hat. Die Kombination aus Überhitzung und Dehydrierung könne tödlich sein, besonders für Menschen, die sowieso schon anfällig sind. „Das gilt insbesondere für Kinder und Ältere, bei denen die Thermoregulierung noch nicht beziehungsweise nicht mehr richtig funktioniert“, so Trippel. „Wenn sie sich dann der Hitze aussetzen und nicht genügend trinken, dann wärmt sich der Körper immer weiter auf. Irgendwann kommt es dann zum Kollaps.“

Bei Hitzetoten spreche man auch von stillen Toten, weil sie nicht auffallen. Ärztinnen und Ärzte erkennen oft die Todesursache nicht richtig, die Hitzetoten werden nicht in allen Bundesländern erfasst. „Man weiß also gar nicht, wenn eine Katastrophe hereinbricht, dass sie da ist“, erklärte uns die Expertin. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung habe aber schon 2013 gesagt, dass sich die Zahl der Hitzewellen bis 2050 vervierfachen wird, wenn es nicht gelingt, die Emissionen zu reduzieren.

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