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Nach Stiko-Empfehlung: Wie sinnvoll ist die Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche?

  • Die Ständige Impfkommission hat sich am Donnerstag gegen eine generelle Empfehlung zum Impfen von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren ausgesprochen.
  • Das wirft bei den Impfwilligen und ihren Eltern die Frage auf: Wie lassen sich jetzt Nutzen und Risiken am besten abwägen?
  • Wir klären, was für und was gegen eine Corona-Impfung von Kindern und Jugendlichen spricht.
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Am Donnerstag hat die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Entscheidung zu Corona-Impfungen von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren bekannt gegeben. Eine generelle Impfempfehlung wird es nicht geben, wie aus der Stellungnahme des Gremiums hervorgeht, die im Epidemiologischen Bulletin (23/2021) erschienen ist. Doch was bedeutet das für die Heranwachsenden und ihre Eltern? Wer entscheidet am Ende, ob geimpft wird? Und was spricht eigentlich für und was gegen eine Corona-Impfung? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

Für wen empfiehlt die Stiko eine Corona-Impfung?

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Die Stiko empfiehlt eine Impfung mit dem Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer derzeit nur für Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren mit bestimmten Vorerkrankungen. Dazu zählen:

  • Adipositas (Fettleibigkeit),
  • eine angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression,
  • angeborene zyanotische Herzfehler,
  • schwere Herzinsuffizienz,
  • schwere pulmonale Hypertonie,
  • chronische Lungenerkrankungen mit anhaltender, eingeschränkter Lungenfunktion,
  • chronische Niereninsuffizienz,
  • chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen,
  • maligne Tumorerkrankungen,
  • Trisomie 21,
  • syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung und
  • Diabetes mellitus.

In der Stellungnahme der Stiko heißt es weiter, dass Kinder und Jugendliche eine Impfung erhalten sollten, wenn sich in deren Umfeld „Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren Covid-19-Verlauf befinden, die selbst nicht geimpft werden können oder bei denen der begründete Verdacht auf einen nicht ausreichenden Schutz nach Impfung besteht“. Grundsätzlich sollen den Zwölf- bis 17-Jährigen zwei Dosen des Biontech-Impfstoffes gegeben werden im Abstand von drei bis sechs Wochen, so wie es bei den Erwachsenen auch der Fall ist.

Wie kommt die Stiko zu ihrer Einschätzung?

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Dass es keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche gibt, liegt daran, dass die Datenlage derzeit noch zu gering ist. Die Zulassungsstudien des Biontech-Impfstoffes hätten gezeigt, dass das Vakzin sehr wirksam ist. „Hinsichtlich der Sicherheit des Impfstoffs bestehen jedoch noch Wissenslücken, da die Nachbeobachtungszeit nach Impfung zu kurz und die Zahl der eingeschlossenen Probanden und Probandinnen zu gering war“, schreibt die Stiko in ihrer Stellungnahme. Verzögert auftretende, unerwünschte Ereignisse könnten nicht vollkommen ausgeschlossen werden.

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Pünktlich zum Sommer soll der lange geplante digitale Nachweis für Corona-Impfungen kommen. Es geht um eine praktische Ergänzung zum Impfheft auf Papier.  © dpa

„Der Nutzen der Impfung, schwere Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern, ist in dieser Altersgruppe nicht allgemein gegeben“, teilt das Gremium mit – und rechnet vor: „Es müssten etwa 100.000 zwölf- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche geimpft werden, um einen einzigen Covid-19-bedingten Todesfall in dieser Altersgruppe zu verhindern.“ Die limitierten Impfstoffressourcen sollten deshalb vorrangig bei „noch nicht geimpften gefährdeten Personen“ eingesetzt werden. „Solange noch viele Erwachsene mit deutlich höherem Risiko ungeimpft sind, ist eine Umverteilung der Impfstoffe an gesunde Kinder und Jugendliche epidemiologisch und individualmedizinisch nicht sinnvoll.“

Was bedeutet die Empfehlung der Stiko genau?

Obwohl die Stiko keine generelle Empfehlung zum Impfen von Kindern und Jugendlichen ausgesprochen hat, bedeutet das nicht, dass sich diese überhaupt nicht gegen Covid-19 impfen lassen können. „Die Empfehlungen der Stiko entfalten keine unmittelbare rechtliche Wirkung“, heißt es auf der Internetseite des Robert Koch-Instituts, wo das Expertengremium angesiedelt ist. Das bedeutet: Die Einschätzung der Stiko ist nur eine Empfehlung und keine Vorschrift.

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte gleich nach der Zulassung des Biontech-Impfstoffes deutlich gemacht, dass er allen Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren bis Ende August ein Impfangebot machen will, auch ohne generelle Empfehlung der Stiko. Die Impfung sei eine individuelle Entscheidung, hatte Spahn dem Fernsehsender N-TV gesagt. Die Stiko weist in ihrer Stellungnahme ebenfalls darauf hin, dass eine Impfung „nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz des Kindes oder Jugendlichen beziehungsweise der Sorgeberechtigten möglich“ sei.

Kind, Eltern, Arzt – wer entscheidet, ob geimpft wird?

Rein theoretisch dürfen bereits alle Kinder ab zwölf seit diesem Montag mit dem Biontech-Impfstoff Comirnaty geimpft werden. Da die Stiko im Regelfall aber nur Kindern und Jugendlichen mit bestimmten Vorerkrankungen die Impfung empfiehlt, sollte in jedem einzelnen Fall ausführlich mit dem Arzt beraten und beurteilt werden, ob eine Impfung sinnvoll ist. Es sei dann am Ende eine individuelle Entscheidung von Eltern mit ihren Kindern und den Ärzten.

Wo können sich Kinder und Jugendliche impfen lassen?

Hausärzte, Fachärzte und Kinder- und Jugendärzte sowie die Impfzentren können gegen Covid-19 impfen. Das genaue Prozedere variiert nach Bundesland. Bremen und Niedersachsen etwa planen nach Vorliegen der Stiko-Empfehlung beispielsweise, alle Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern in die Impfzentren einzuladen. Voraussetzung bleibt aber auch, dass dann mehr Impfstoff zur Verfügung steht. Geduld bleibt gefragt: Auch wenn die Priorisierung für alle Altersgruppen offiziell aufgehoben ist, impfen Haus- und Kinderärzte oft vorerst weiter vor allem ihre gefährdeten Patientinnen und Patienten, etwa mit Down-Syndrom oder Herz- und Lungenerkrankungen.

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Wie wirksam und sicher ist der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer für Zwölf- bis 15-Jährige?

Ende Mai hatten die Impfstoffhersteller Biontech und Pfizer die Ergebnisse ihrer klinischen Phase-3-Studie mit Kindern und Jugendlichen im Alter von zwölf bis 15 Jahren im Fachmagazin „The New England Journal of Medicine“ publiziert. An der Untersuchung hatten insgesamt 2260 Heranwachsende teilgenommen, von denen 1131 den mRNA-Impfstoff BNT162b2 und 1129 ein Placebopräparat erhielten. Rund 5 Prozent der jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zu Studienbeginn positiv auf das Coronavirus getestet worden, vermutlich wegen einer früheren asymptomatischen Infektion, schrieben die Forscherinnen und Forscher.

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Studie belegt: Biontech-Impfstoff bietet Schutz für Kinder ab zwölf Jahren
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Der Biontech-Impfstoff schützt auch Kinder zwischen zwölf und 15 Jahren sicher vor einer Covid-19-Erkrankung.  © dpa

Insgesamt sei das Vakzin allgemein gut verträglich gewesen, gab Hersteller Biontech in einer Pressemitteilung bekannt. Ein Blick in die Studie zeigt, dass vor allem leichte bis mäßige Impfreaktionen auftraten, die innerhalb von ein bis zwei Tagen abgeklungen sind. Am häufigsten klagten die Kinder und Jugendlichen über Schmerzen an der Einstichstelle (79 bis 86 Prozent), Müdigkeit (60 bis 66 Prozent) und Kopfschmerzen (55 bis 65 Prozent). Fieber trat bei 20 Prozent der Zwölf- bis 15-Jährigen nach der zweiten Impfdosis auf.

Schwere unerwünschte Ereignisse gab es hingegen nur selten. Die Studienautorinnen und -autoren berichten über neun von 1131 Geimpften, bei denen die Lymphknoten angeschwollen sind, in der Placebogruppe waren davon zwei von insgesamt 1129 Kindern und Jugendlichen betroffen. „Es wurden keine Thrombosen oder Überempfindlichkeitsreaktionen oder impfstoffbedingte Anaphylaxie beobachtet“, heißt es in der Untersuchung weiter.

Die Wirksamkeit seines Impfstoffes bei den 12- bis 15-Jährigen gibt Hersteller Biontech mit 100 Prozent an. Warum? Bei den geimpften Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern wurden nach mindestens sieben Tagen nach der zweiten Dosis keine Covid-19-Fälle registriert. In der Placebogruppe waren es wiederum 16 Fälle. Die Probandinnen und Probanden werden jetzt für zwei Jahre weiter beobachtet, um Langzeitwirkungen und Langzeitfolgen zu analysieren.

Warum hat der Impfstoff erst jetzt eine Zulassung für Kinder und Jugendliche erhalten?

Mit dem Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer konnten sich in der EU zu Beginn nur Personen ab 16 Jahren impfen lassen. Grund dafür war das Design der klinischen Studien, die die Impfstoffhersteller vor der Zulassung durchgeführt hatten. Die Untersuchungen umfassten nur Probandinnen und Probanden ab 16 Jahren. Dieses Vorgehen ist keineswegs ungewöhnlich, denn Arzneimittel und Impfstoffe werden anfangs nicht an Kindern und Jugendlichen erprobt. Das hat rechtliche, aber auch ethische Gründe. Erst wenn sich das Vakzin bei den Erwachsenen als sicher und wirksam erwiesen hat, kann es an Kindern getestet werden.

Biontech und Pfizer hatten im Oktober vergangenen Jahres damit begonnen, zu untersuchen, wie ihr mRNA-Impfstoff bei Zwölf- bis 15-Jährigen wirkt. Dass dieser erst jetzt für die entsprechende Altersgruppe in Europa zugelassen wurde, hängt zum einen mit dem Aufwand der klinischen Studien zusammen. Zum anderen mussten die erhobenen Daten zuvor von der Europäischen Arzneimittel-Agentur überprüft werden. Auch das Zulassungsverfahren braucht seine Zeit. Zur Erinnerung: Zu Beginn des Jahres verlautete es noch aus Expertenkreisen, dass mit einem Corona-Impfstoff für Kinder und Jugendliche erst Ende 2021, eher Anfang 2022, zu rechnen sei.

Wie groß ist das Infektionsrisiko bei Kindern und Jugendlichen?

Auch wenn es lange ein Hin und Her bei der Studienlage gab: Inzwischen gehen Fachleute davon aus, dass Kinder und Jugendliche sich sehr wohl mit Sars-CoV-2 anstecken können und dementsprechend auch eine Rolle beim Infektionsgeschehen in Deutschland spielen. Sie haben – wenn nicht gerade Lockdown ist – besonders viele soziale Kontakte, beispielsweise in der Schule, der Kita, beim Sport, in den Familien. Neben dem persönlichen Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung ist auch der Schutz der Gemeinschaft ein Argument, um Kinder und Jugendliche zu impfen.

Sie können andere anstecken, und auch an Schulen und in Kitas gibt es Ausbrüche, ähnlich wie im Rest der Bevölkerung. Wenn die Sieben-Tage-Inzidenz hoch ist, ist auch das Risiko für Ausbrüche in Schulen höher. Virologinnen und Virologen betonen aber, dass ein sicherer Regelbetrieb bei niedrigen Inzidenzen auch ohne Impfung möglich sei – aber nicht bei Fallzahlen wie während der dritten Infektionswelle. Die Jüngsten seien aber keine sogenannten „Treiber der Pandemie“, sondern spielten insgesamt eine untergeordnete Rolle. Sie verbreiten auch weniger Aerosole als Erwachsene. Kinder und Jugendliche sind aber Teil der Pandemie, wenngleich die Ansteckungen oft verdeckter auftreten als bei den Älteren: Denn die Infektionen verlaufen überwiegend asymptomatisch bis mild.

Wie groß ist das Risiko, dass Kinder und Jugendliche einen schweren bis tödlichen Covid-19-Krankheitsverlauf entwickeln?

Auch Kinder und Jugendliche können schwer erkranken – allerdings um einiges seltener als Ältere und vor allem bei bestehenden Vorerkrankungen. Unter anderem wegen des geringeren Erkrankungsrisikos und milder bis asymptomatischer Krankheitsverläufe argumentiert die Ständige Impfkommission, dass die Verwendung von noch nicht lange geprüften Impfstoffen bei den Jüngeren besonders gründlich abgewägt werden müsse.

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) wertet bundesweit Daten von 178 Kliniken zu Covid-19-Fällen bei Kindern und Jugendlichen aus. Bis Juni sind demnach 1603 Kinder zur stationären Aufnahme wegen Covid-19 gemeldet worden. 5 Prozent von ihnen mussten intensivmedizinisch betreut werden. Die Hälfte der aufgenommenen Kinder sind Säuglinge und Kleinkinder gewesen. Bei den intensivmedizinisch Behandelten waren dies vor allem Patientinnen und Patienten mit Vorerkrankungen. Dazu zählen etwa Grunderkrankungen der Atemwege, Frühgeburtlichkeit, neurologische, Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen, Immunsuppression. 73 Prozent der Kinder konnten gesund wieder entlassen werden, ein Viertel wies Restsymptome auf.

In seltenen Fällen entwickeln Kinder ein Krankheitsbild, das von den europäischen Gesundheitsbehörden als Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome, kurz PIMS, in Kombination mit einem Toxic Shock Syndrome, kurz TSS, benannt wurde. Das sind Entzündungen, die Kinder etwa ab dem Grundschulalter bis zur Pubertät betreffen können. 342 Fälle wurden davon bislang in Deutschland gemeldet. 6 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen wiesen Folgeprobleme auf, 42,8 Prozent hatten bei der Entlassung aus der Klinik Restsymptome.

Wie groß ist das Risiko, dass Kinder und Jugendliche nach einer Infektion unter Corona-Spätfolgen leiden?

Folgeerkrankungen, auch unter den Begriffen Long Covid oder Post-Covid-Syndrom (PCS) bekannt, können teilweise auch erst Monate nach der Covid-19-Erkrankung auftreten oder sich verschlechtern, auch nach mildem Verlauf in der Akutphase. Das wird inzwischen nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Minderjährigen beobachtet. Mediziner berichten beispielsweise von Leistungsminderungen, Atembeschwerden und kognitiven Einschränkungen, auch bei jungen Patientinnen und Patienten. Ob es sich bei den Beobachtungen aber wirklich um das Post-Covid-Syndrom handelt, wie lange es anhalten kann und wie häufig, ist wegen fehlender Daten noch unklar.

Welche Rolle spielen Kinder und Jugendliche für eine Herdenimmunität?

Auch Kinder und Jugendliche zählen, wenn es um das Erreichen einer Herdenimmunität geht – also wenn der R-Wert langfristig und ohne Maßnahmen unter der kritischen Marke von eins bleibt. Sie lässt sich aus epidemiologischen Gesichtspunkten nur erreichen, wenn ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist oder die Infektion durchgemacht hat. Laut mathematischen Modellierungen braucht es mehr als 80 Prozent immune Menschen, wenn sich die Deltavariante hierzulande durchsetzt. Minderjährige haben in Deutschland einen Anteil von 16,4 Prozent an der Bevölkerung.

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