„Maske 19“: Frankreichs Kampf gegen häusliche Gewalt

  • Während der Lockdown-Phasen steigt die Zahl der überwiegend weiblichen Hilfesuchenden, die vom eigenen Partner geschlagen oder misshandelt werden, stark an.
  • In Frankreich wurden Hilfen der Regierung für sie bereitgestellt, die dankbar angenommen werden.
  • Zum zweiten Lockdown wurden diese noch mal ausgeweitet.
Birgit Holzer
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Maryline Lamand kennt das Gefühl, permanente Angst innerhalb ihrer eigenen vier Wände zu haben. Lange lebte die Französin mit einem brutalen Ehemann zusammen, bevor sie sich aus dieser schweren und gefährlichen Situation befreien und von ihm trennen konnte. Später gründete sie einen Verein für die Opfer von häuslicher Gewalt, der auch ein Nottelefon für Betroffene einrichtete – und das klingelt in diesem Jahr so oft wie nie.

Schon während der ersten Lockdown-Phase von März bis Mai dieses Jahres sei die Zahl der Anrufe stark angestiegen, sagt Lamand, die ein Buch über das Schicksal der betroffenen Frauen geschrieben hat. „Wenn sonst der Ehemann zur Arbeit geht, gibt es acht Stunden Ruhe. Kommt er dann zurück, steckt man ein“, sagt sie. In Phasen der strikten Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus’ fallen allerdings auch die „acht Stunden Ruhe“ vor dem prügelnden Partner weg.

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Schutzvorkehrungen wurden ausgeweitet

Eine Tatsache, die französische Frauenschutzvereine, aber auch das Ministerium für die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern auf den Plan gerufen hat. Vorkehrungen zum Schutz der überwiegend, aber nicht nur weiblichen Betroffenen, die bereits im Frühjahr in Kraft traten, wurden nun im zweiten Lockdown, der seit zweieinhalb Wochen und noch mindestens bis 1. Dezember gilt, ausgeweitet.

So müssen Frauen auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Partner im Fall einer Kontrolle durch die Polizei nicht die sonst derzeit notwendige Ausgangsbescheinigung ausfüllen. Der Fahrdienst Uber stellt insgesamt 2000 Freifahrten für Frauen zur Verfügung, die zuvor bei einem Hilfstelefon angerufen haben, um einer Notsituation zu entkommen.

Codewort „Maske 19“: Auch Apotheken helfen Frauen

Darüber hinaus finanziert der Staat Hotelzimmer für Frauen, oftmals mit Kindern, teils aber auch für gewalttätige Männer, um sie fernzuhalten. Außerdem gibt es in 22.000 Apotheken des Landes die Möglichkeit für Opfer häuslicher Gewalt, um polizeiliche oder andere Hilfe zu bitten – im Fall, dass ihr Peiniger sie begleitet, hilft ihnen das Codewort „Maske 19“. Apotheken hätten nicht nur den Vorteil, stets offen zu bleiben, sagt Christophe Dubois, pensionierter Polizeikommandant: „Manchmal ist es einfacher für Opfer, die es nicht wagen würden, in ein Kommissariat zu gehen, dem Apotheker in der Nähe zu vertrauen.“

Häusliche Gewalt in Frankreich: Anrufe bei Nottelefonen fast vervierfacht

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Auch stehen mehrere Hilfstelefone und Chats zur Verfügung, an die sich Betroffene diskret wenden können. Viele bevorzugen die schriftliche Kommunikation per Handy. Diese Angebote waren bereits im Frühjahr stark angenommen worden. So hat sich die Zahl der Anrufe bei Nottelefonen innerhalb weniger Wochen der Ausgangsbeschränkungen fast vervierfacht – von 2145 auf 8214, wie eine von der Regierung eingesetzte Mission für den Schutz von Frauen gegen Gewalt und den Kampf gegen Menschenhandel (MIPROF) gemeldet hat.

„Der Lockdown war nicht Auslöser von Gewalt, er brachte sie vielmehr zum Vorschein“, sagt MIPROF-Chefin Elisabeth Moiron-Braud. Auch habe es mehr Warnmeldungen durch Familien, Nachbarn oder Freunde gegeben – die Menschen seien stärker sensibilisiert. Die Zahl der polizeilichen Einsätze in familiären Konflikten stieg stark an. Im vergangenen Jahr wurden in Frankreich 146 Frauen von ihren Partnern getötet und 27 Männer von ihren Partnerinnen. Es handelte sich jeweils um einen Anstieg um 21 beziehungsweise 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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