Mit der Oma im Impfzentrum: „So ein Aufwand für den kleinen Piks“

  • Die nächste Phase der Corona-Impfungen hat begonnen: Seit Montag bekommen jetzt auch ältere Menschen, die nicht in Heimen leben, eine Schutzimpfung.
  • Dafür müssen Hochbetagte eigenständig die Impfzentren in ganz Deutschland aufsuchen – und das derzeit bei Eis und Schnee.
  • Ein Ortsbesuch im Impfzentrum mit der Großmutter zeigt, was auf die über 80-Jährigen zukommt – und was der kurze Piks alles mit sich bringt.
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Ingelore Grabe ist nun geimpft – als eine der Ersten im Land und als eine der Ersten bei Inbetriebnahme der 53 Impfzentren Anfang der Woche in Nordrhein-Westfalen. Sie ist selbst mit dem Auto dorthin gefahren (worden) und hat vor Ort den guten Stoff von Biontech bekommen. Fachleute sprechen von Comirnaty, prognostizierte Wirksamkeit von rund 94 Prozent, das sagen zumindest die Studien. Noch fehlt die zweite Dosis, die kommt erst in dreieinhalb Wochen. Und dann sollte noch mal sieben Tage gewartet werden, bis das Mittel seinen Immunschutz voll entfaltet. So viel zu den Fakten.

Im Vergleich zu den zähen vergangenen Monaten ist diese letzte Wartezeit nun aber nicht mehr allzu lang. Die Impfung ist plötzlich etwas ganz Konkretes, etwas Privates. Dieses im Turbogang entwickelte, produzierte und in Zentren überall in Deutschland angebotene Mittel, das vielzitierte Licht am Ende des Tunnels, nimmt unserem 82-jährigen Hochrisiko-Familienmitglied bald hoffentlich ein großes Paket Pandemielast von den Schultern. Oder, um mit den Worten meiner Großmutter zu sprechen: „Endlich wieder ohne Luft anhalten zum Einkaufen gehen.“

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„So ein Aufwand für den kleinen Piks“

Der Weg zur Impfung zählt zu den wenigen großen Events seit Pandemiebeginn. Das nüchterne Fazit meiner Oma: „So ein Aufwand für den kleinen Piks.“ Das sagte sie nach einer nur mithilfe der Enkelin geglückten Onlineterminbuchung einige Wochen zuvor. Nach gemeinsamer Pkw-Anreise zum Impfzentrum mit Maximalabstand zwischen den Sitzen und FFP2-Masken im Gesicht, vom 20 Kilometer entfernten Wohnort aus über eisglatte Straßen und durch Berge von Schnee dank Wintereinbruch „Tristan“. Nach einer guten Stunde Fragebögen ausfüllen und Warten zwischen anderen Wartenden im Impfzentrum trotz den sich unangenehm bemerkbar machenden Bandscheiben – auch wenn Oma sich sonst für ihr Alter noch sehr fit fühle.

Die Impfung an sich – kleine Spritze in Oberarm ansetzen – dauert nur wenige unspektakuläre Sekunden. „Das geht so schnell, da spürt man gar nichts“, berichtet sie. Es ist aber mehr als das, worauf sich die über 80-Jährigen einstellen müssen, die kein mobiles Impfteam beanspruchen und eigenständig zu den Impfzentren in ganz Deutschland pilgern. Es sind neue Abläufe, ganz anders als bei der altbekannten Grippeimpfung, klassisch beim Hausarzt mit Vorgespräch.

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Beim Eintritt ins Paderborner Impfzentrum wird Fieber gemessen. Bei mehr als 38 Grad darf die Impfung nicht stattfinden.  @ Quelle: Saskia Bücker
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Das lässt sich auch in Paderborn beobachten, in der zum Impfzentrum umfunktionierten Mehrzweckhalle, wo vor Corona-Zeiten noch exzessiv Abiball und Schützenfest gefeiert wurden. Wegen einer guten Abluftanlage fiel Landrat Christoph Rüther zufolge die Wahl auf dieses für einen Großteil der Paderborner nicht ganz so schnell erreichbare Gebäude. Es befindet sich 14 Kilometer abseits der Kreisstadt in Salzkotten. Wenn nicht gerade Schneechaos ist, rollt aber im 30-Minuten-Takt ein Bus vom Paderborner Hauptbahnhof direkt vor die Tür. Allerdings müssen auch dort weniger mobile Menschen erst mal hinkommen.

Anders als beim Hausarzt: Was passiert im Corona-Impfzentrum?

Die Impfinfrastruktur im Zentrum ist aber bis ins letzte Detail ausgeklügelt. Sieben Stationen durchlaufen an diesem ersten Tag 142 „Impflinge“ – wie sie zärtlich von den elf Impflotsen regionaler Hilfsorganisationen vor Ort genannt werden. Sie weisen den Menschen den Weg durch die Impfhalle – und versuchen auch, Angst und Skepsis vor dem Unbekannten zu vertreiben. Einer von ihnen heißt die ersten Zentrumsbesucher am Eröffnungstag gleich willkommen mit dem Spruch: „Sie sehe ich dann wohl als Erste wieder hier beim nächsten Schützenfest.“ Nur wer „zwingend eine Unterstützung“ braucht, darf eine eigene Begleitperson mitnehmen.

Beim Eintritt in die Halle prüfen Sicherheitsmitarbeiter, ob wirklich ein Termin gebucht wurde, die Maske sitzt – und messen Fieber. Bei einer Körpertemperatur über 38 Grad wird nicht geimpft. Dann geht es weiter in den Eingangsbereich, wo sich vier Empfangsschalter befinden. Lichtbildausweis und Impftermin werden dort gescannt, dann Impfstoff-Aufklärungsbogen und ein Ankreuzzettel zu möglichen Vorerkrankungen im Klemmbrett ausgegeben.

Weiter geht es in einen Wartebereich, Zettelwirtschaft bewältigen, kurze Verschnaufpause. Das nächste Areal sieht eine ärztliche Aufklärung in Gruppen vor. In mehreren Reihen unter Mindestabstand angeordneten Stühlen nehmen die zu Impfenden Platz, ein Arzt steht mit Mikrofon vor ihnen und erklärt mit schnellen Worten, dass das Biontech-Mittel eine sichere und verträgliche Impfung sei. Noch Fragen? Dann gebe es auch die Möglichkeit, diese im Einzelgespräch in einen abgetrennten Besprechungsraum zu verlagern.

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Dann laufen alle „Impflinge“ nacheinander zu zwölf getrennten Impfkabinen. Ein Ampelsystem signalisiert, ob diese frei sind. Der Arm wird freigemacht, medizinische Fachangestellte setzen den Piks. Der Impfstoff wird dafür täglich neu angeliefert, von Apothekern in der Halle präpariert. Nach dem Verlassen der Kabine geht es in den Beobachtungsbereich, in dem auf Stühlen sitzend noch 15 bis 30 Minuten etwaige Nebenwirkungen abgewartet werden. Letzte Station: die Abmeldung, erneut am Schalter. Die Impfbestätigung wird ausgehändigt und noch einmal an den zweiten Impftermin erinnert.

Corona-Impftermin vereinbaren: Es braucht viel Geduld

Was aber, wenn es mit einem Termin plötzlich doch nicht klappt? 20 „Impflinge“ hatten ihren Termin dem Landrat zufolge wegen des Schneechaos immerhin „problemlos“ auf den Folgetag verlegen können. Viele hatten trotz Wintereinbruchs aber kein gutes Gefühl dabei, den kostbaren Termin zu verschieben. Diese ersten Impfzentrumsbesucher sind schließlich im Gegensatz zu vielen anderen diejenigen, die am Tag der Terminfreischaltungen Mitte Januar unter der Telefonnummer 116 117 überhaupt durchgekommen sind.

Oder die, womöglich mit Hilfe jüngerer Verwandter und Freunde genug Geduld dafür aufgebracht haben, es alle paar Minuten immer mal wieder beim zunächst komplett überlasteten „Impfterminservice“ im Internet zu versuchen. Oma kann wohl Whatsapp. Richtiges Impfzentrum am Rechner auswählen, zeitgleich Vermittlungscodes per Mail und Freischaltcodes per SMS empfangen und dann Termine einzeln für erste und zweite Dosis mithilfe schwer einzuprägender und einzutippender Ziffern- und Buchstabenfolge buchen ist dann aber doch etwas arg.

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Impfzentren könnten mehr – aber der Corona-Impfstoff fehlt

Nun würden aber – je nach Verfügbarkeit der Impfstoffdosen – immer wieder einige Termine freigeschaltet, versichern die Behörden. Eigentlich ist allein dieses eine Impfzentrum für eine weitaus höhere Frequenz ausgelegt. 7000 Menschen könnten sich eigentlich laut Landrat Rüther in dieser Halle pro Woche impfen lassen. Aber wegen vorerst knapper Impfstoffmengen kommen bis Ende Februar wöchentlich nur 1200 Personen zum Zug. Bis Mai könnten nach derzeitigen Plänen des medizinischen Impfzentrumleiters Gregor Haunerland dann alle Menschen im Kreis geimpft sein, die bei der Impfreihenfolge in die erste Kategorie mit höchster Priorität fallen. Mit Blick auf die immer wieder veränderten Vorgaben vom Ministerium schiebt Haunerland aber noch vorsichtig nach: „Was gestern gültig war, kann heute schon wieder ungültig sein.“ Das habe die Erfahrung in den letzten Wochen gezeigt, mit immer wieder anderen Vorgaben vom Ministerium.

Meine Oma hat mit ihrem Ersttermin zum Impfen am Eröffnungstag also wirklich Glück. Nach einer langen Zeit weitgehender Isolation in den eigenen vier Wänden war der Tagesausflug ins Impfzentrum mehr als nur ein aufregendes und leicht strapaziöses Abenteuer. Der kurze Piks mit der großen Struktur dahinter ist derzeit ein großes Privileg, durch das sie bald hoffentlich wieder etwas gelassener zum Einkaufen gehen kann.

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