Corona-Maßnahmen: Wie aussagekräftig ist die Sieben-Tage-Inzidenz noch?

  • Die Bundesregierung will sich bei Maßnahmen gegen das Coronavirus weiterhin an der Zahl der Infektionen orientieren.
  • Daran gibt es Kritik, weil selbst bei höheren Inzidenzen weniger Menschen an Covid-19 versterben.
  • Ein Experte spricht sich für eine Orientierung an der Krankheitslast aus.
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Wird es wieder neue Beschränkungen geben, falls die Infektionszahlen im Herbst erneut steigen? Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zumindest nicht ausgeschlossen. Die Bundesnotbremse, die im Juni ausläuft, könne jederzeit wieder in Kraft treten. Die Maßnahmen würden sich dann weiterhin an den Inzidenzen orientieren.

Doch ist die Sieben-Tage-Inzidenz noch der richtige Maßstab? Weil immer mehr Risikogruppen geimpft sind, erkranken Infizierte kaum noch schwer. Ein noch größerer Anteil der Infektionen als zuvor verläuft nun mild oder symptomlos. Selbst hohe Fallzahlen würden daher wahrscheinlich kaum noch zu einer hohen Belegung der Krankenhäuser führen, auch gibt es wohl immer weniger Todesfälle.

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„Krankheitslast sollte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit liegen“

Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, hatte bereits im April die Orientierung an der Sieben-Tage-Inzidenz kritisiert. Diese sei schon immer problematisch gewesen, inzwischen aber „richtiggehend untauglich“, hatte Krause im Gespräch mit der „Tagesschau“ gesagt. Die Sieben-Tage-Inzidenz sage immer weniger über die eigentliche gesundheitliche Lage aus.

„Die eigentliche Krankheitslast sollte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit liegen, sowohl für die Wissenschaft als auch für die Politik und die Gesellschaft“, betonte Krause Mitte Juni auch gegenüber dem Science Media Center. Diese berücksichtige die Folgen einer Erkrankung zum Beispiel durch Arbeitsunfähigkeit, Invalidität oder Tod. „Bei der Bewertung der Krankheitslast der Pandemie muss versucht werden, nicht nur die Last infolge der eigentlichen Infektionen zu betrachten, sondern auch die Last infolge der Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Pandemie zum Einsatz kamen oder kommen“, sagte Krause.

Berechnungen, wie viele Infektionen und Erkrankungen mit wie viel Aufwand und unerwünschten Wirkungen verhindern werden müssten, seien komplex und „konnten in der frühen Phase der Pandemie naturgemäß nicht abgewartet werden“. Nun aber sei es an der Zeit, diese Fragen zu beantworten.

Inzidenz von Zahl der Todesopfer entkoppelt

Auch Andreas Stang, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE) des Universitätsklinikums Essen, betonte nun im Gespräch mit der „Tagessschau“, die Sieben-Tage-Inzidenz habe sich durch die Impfungen von der Zahl der Todesopfer entkoppelt. Damit werde der Wert „zunehmend ungenau“, so Stang. Die Entwicklung des Pandemiegeschehens lasse sich anhand anderer Kennwerte besser vorhersagen. Stang selbst hat eine Forecast-Methode entwickelt, die auf der Zahl der beatmeten Intensivpatienten basiert.

Ein Team von Forschenden um Stang hat zudem im Fachmagazin „Journal of Infection“ einen Beitrag publiziert, in dem darauf verwiesen wird, dass selbst wenn Infizierte wegen einer geringen Viruslast nicht ansteckend sind, ein PCR-Test nach den gängigen Verfahren als positiv gewertet wird. Das hatte sich in einer Untersuchung von 190.000 Testergebnissen von mehr als 160.000 Menschen bestätigt. „Ein positiver RT-PCR-Test allein ist nach unserer Studie kein hinreichender Beweis dafür, dass Getestete das Coronavirus auf Mitmenschen auch übertragen können“, heißt es in einer Erklärung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Bei der Auswertung solle der CT-Wert berücksichtigt werden, der Aufschluss über das Ansteckungsrisiko geben kann, das von Getesteten ausgeht.

Die Forschenden empfehlen zudem, Daten aus anderen Bereichen zur Bewertung der Pandemielage zu erheben oder zu nutzen. Geeigneter wären zum Beispiel „verlässliche Angaben zur Intensivbettenbelegung sowie zur Mortalität, also zu der jeweiligen Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19.“

Lage im Ausland ist ähnlich

So ist die Zahl der Todesfälle seit Mitte Januar, als die Impfungen Fahrt aufnahmen, nahezu kontinuierlich gesunken, woran auch eine neue Infektionswelle im März und April kaum etwas änderte. War im vergangenen Jahr noch einem Anstieg der Infektionszahlen verzögert stets ein Anstieg der Todeszahlen gefolgt, war das in diesem Jahre bereits nicht mehr der Fall.

Der gleiche Effekt wurde im Ausland beobachtet. So waren in Großbritannien durch die Ausbreitung der neuen Delta-Variante zwar die Neuinfektionen pro Tag seit Mitte Mai deutlich gestiegen: Sie hatten sich von etwa 2000 auf derzeit über 10.000 verfünffacht. Die Zahl der Todesfälle in Großbritannien hat sich hingegen nur minimal verändert.

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