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  • Schweden: Kein Lockdown, keine Kontaktbeschränkungen - Staatsvirologe Anders Tegnell im Interview

Schwedens Staatsvirologe Tegnell: “Wir würden einige Sachen vielleicht etwas anders machen”

  • Während weltweit die Zahl der Corona-Infektionen weiter steigt, verteidigt der schwedische Mediziner Anders Tegnell seine Position.
  • Einen Lockdown und Kontaktbeschränkungen hat es Schweden trotz teilweise sehr hoher Infektions- und Todesraten nicht gegeben.
  • Im Interview erklärt der Staatsepidemiologe, warum.
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Keine Maskenpflicht, keine geschlossenen Lokale oder Schulen – und trotzdem sank die Zahl der Neuinfektionen in Schweden zuletzt stark, während sie anderswo in Europa wieder steigt. Schaut man jedoch auf die langfristigen Corona-Zahlen, dann haben die Schweden einen hohen Preis gezahlt: Seit der ersten bestätigten Infektion Ende Januar wurde das Virus in dem Zehn-Millionen-Einwohner-Land bei mehr als 83.000 Menschen nachgewiesen. Fast 5800 Menschen mit Corona-Infektion sind gestorben. Im April gab es mehr als hundert Tote täglich.

Auf die Einwohnerzahl gerechnet starben bis heute etwa fünfmal so viele Infizierte wie in Deutschland oder Dänemark. Auch die Gesamtzahl der Infektionen liegt um ein Vielfaches höher. Schwedens Staatsepidemiologe, der Arzt Anders Tegnell (64), Architekt des schwedischen Sonderweges ohne Lockdown, hält dennoch an seiner Strategie fest. Warum, erzählt er im Interview.

Herr Tegnell, anders als viele andere Länder hat Schweden in der Corona-Krise bisher auf einen Lockdown verzichtet. Wie war das möglich?

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Wir haben gezeigt, dass man auch mit einem freiwilligen Ansatz, mit Empfehlungen, Erfolg haben kann. Das kann den gleichen Effekt haben, als ob man die gesamte Gesellschaft im Lockdown zumacht. Und dies mit bedeutsam weniger negativen Nebeneffekten. Zwangsmaßnahmen für das ganze Volk sind schwierig. Wir als Gesundheitsbehörde müssen die gesamte Volksgesundheit im Blick haben. Dazu gehört auch, alle Effekte eines Lockdowns in die Überlegungen einzubeziehen, etwa die Frage, inwieweit ein Lockdown die Menschen so stark belastet, dass andere Sterblichkeitsraten steigen, wie beispielsweise die Selbstmordrate. Wir haben uns auch gefragt, ob bei schwer kranken Menschen die Hemmschwelle vor dem Besuch eines Arztes wegen eines Lockdowns erhöht wird. Für Menschen ist es gesundheitlich schädlich, unfreiwillig isoliert zu werden.

Warum haben sie nicht einmal eine Maskenpflicht eingeführt?

Wir wissen noch immer wenig darüber, inwieweit Masken die Pandemie überhaupt dämpfen können. Wir haben Länder mit strenger Maskenpflicht, die dennoch unter einer sehr starken Corona-Ausbreitung leiden. Es ist natürlich möglich, dass Masken in gewissen Situationen, in denen Menschen sich auf engem Raum drängen, einen gewissen Effekt haben. In Schweden haben wir keine Anzeichen, dass es eine große Ansteckungsgefahr etwa auf Transportwegen gibt. Wir haben ausreichende Kapazitäten in Schweden, um stattdessen Abstand zu halten. Auch können Masken eine falsche Sicherheit bieten. In Schweden haben wir die Strategie, dass man zu Hause bleiben soll, wenn man krank ist, statt sich mit Maske hinauszubegeben. Zudem haben wir in Schweden seit Wochen immer weniger Neuinfizierte, Intensivstationspatienten und Tote. Bei dieser guten Entwicklung ist eine Maskenpflicht zumindest vorerst nicht aktuell für uns.

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Welche Masken gibt es, wen schützen sie und was sollte man beim Tragen von selbstgenähten Masken beachten?  © RND

Ihr Chef, Schwedens Gesundheitsamtsdirektor Johan Carlson, sagte vor Kurzem: “Wenn die Menschen sagen, wir in Schweden machen ein Experiment mit unserem Sonderweg, würde ich antworten, dass es ein äußerst, äußerst kniffliges Experiment ist, die gesamte Bevölkerung über Monate einzusperren.” Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Genau so ist es ja. Es gibt insgesamt sehr wenig Evidenz für Maßnahmen gegen die Pandemie. Es wurde oft unterstellt, dass das schwedische Modell noch weniger evidenzbasiert ist als die Lockdown-Modelle anderer Länder. Aber die Wahrheit ist, dass es auch für die Lockdown-Ansätze kaum Erfahrungen gibt. Unsere Tradition ist es, die gesamte Volksgesundheit durch langfristige Maßnahmen so lange wie möglich zu schützen. Dagegen gibt es für den scharfen Lockdown einer ganzen Gesellschaft eigentlich nur negative Erfahrungen von früheren Pandemien, zum Beispiel hatte die Schließung von Hongkong meiner Meinung nach keinen Effekt auf die Ausbreitung der Krankheit.

Sie sind gegen Grenzschließungen. Warum?

Es gibt international keine Erfahrungen dazu, dass Grenzschließungen als Pandemiebekämpfung funktioniert haben. Dahingegen haben sie sehr oft sehr negative Effekte. Das haben wir unter anderem bei den Grenzschließungen bei der Ebola-Epidemie in Westafrika gesehen.

Aber warum hat Schweden so viel mehr Tote pro 100.000 Einwohner gehabt im Vergleich zu den Nachbarländern und Deutschland? Mehr als 5800 Menschen sind bei Ihnen gestorben.

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Ein großer Anteil der Verstorbenen in Schweden, rund die Hälfte, lebte in speziellen Altenheimen, wo die Ältesten und Schwerkranken leben. Insgesamt sind dort rund 70.000 Menschen untergebracht. Die meisten sind also gesund geblieben. Einige Altenheime hatten für die Pandemie leider keine Bereitschaft und nicht das nötige Wissen, um die Ausbreitung zu verhindern. Im Grunde geht es beim Infektionsschutz in Altenheimen um Dinge, die permanent funktionieren müssen, auch wenn es keine Pandemie gibt. Weil das nicht so war, hatten wir zu Beginn der Pandemie eine sehr umfassende Verbreitung von Corona in den Altenheimen. Auch in anderen europäischen Ländern, ob mit oder ohne Lockdown, waren diese Gruppen besonders betroffen. Ich denke, dass punktuelle, fokussierte Maßnahmen etwa zum Schutz der Alten besser sind als große, breite Maßnahmen wie Lockdowns ganzer Länder.

Ihre Kritiker meinen, eine weniger lockere Strategie hätte die vielen Toten möglicherweise verhindern können. Was meinen Sie dazu? Schließlich haben unter anderem infizierte Pflegekräfte das Virus in die Altenheime getragen.

Nein, der Grund dafür waren punktuelle Schwachstellen, die mittlerweile behoben wurden. Wir haben weiterhin die gleiche Grundstrategie und inzwischen eine minimale Covid-19-Ausbreitung in Altenheimen. Die Ausbreitung in Altenheimen verschwand bereits, bevor die Ausbreitung in der Gesellschaft im Großen sank. Das zeigt, dass es ganz klare indirekte Beweise dafür gibt, dass auch die schwedische Strategie eine Ausbreitung von Covid-19 in Altenheimen verhindern kann. Wir haben inzwischen deutlich niedrigere Todeszahlen. Zudem hatten einige Lockdown-Länder höhere Todesraten als Schweden mit seinem Modell. An unserer Strategie liegt es also nicht.

Sie sprachen einmal von einem dritten Weg zwischen einem Lockdown wie in vielen EU Ländern und dem schwedischen Weg für den Fall, dass Sie noch einmal in die Situation kommen würden, eine Pandemie bekämpfen zu müssen. Was meinten sie damit?

Mit dem Wissen, das wir heute über den Verlauf der Pandemie haben, würden wir einige Sachen vielleicht etwas anders machen. Vor allem ein noch schnellerer Schutz der Altenheime wäre wichtig. Aber wir haben relativ schnell reagiert.

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Virologe Drosten: Strategieänderung bei zweiter Welle
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Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin schlägt vor, sich nicht mehr auf einzelne Corona-Fälle, sondern auf Infektionsgruppen zu konzentrieren.  © dpa

In anderen Ländern wird viel über das angeblich angestrebte Ziel einer sogenannten Herdenimmunität in Schweden diskutiert. Diese wäre erreicht, wenn mehr als 80 Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen das Corona-Virus gebildet hätten. Diese enstehen möglicherweise im Falle einer Covid-19-Infektion oder nach einer Impfung. War es tatsächlich das Ziel der schwedischen Gesundheitsbehörde, dass sich viele Menschen anstecken und dadurch immun werden?

Es ist schwer, exakte Werte für eine Herdenimmunität, etwa in Stockholm, zu ermitteln. Wir glauben mittlerweile, dass zwischen 20 und 40 Prozent der Bevölkerung Stockholms immun sind. Das Erreichen einer Herdenimmunität war kein Ziel von uns. Wir wollen schließlich nicht, dass Menschen krank werden. Aber wir wissen auch: Je größer der Teil der Bevölkerung ist, der durch eine Erkrankung immun geworden ist, desto einfacher wird es, weitere Ausbrüche in der Zukunft zu bewältigen. Es gibt also Gründe, anzunehmen, dass die hohe Immunitätsrate eine weitere umfassende Corona-Welle bei uns verhindern könnte. Ausbrüche kann es aber auch dann weiterhin geben. Da muss man auf der Hut bleiben.

Ist die im Vergleich zu anderen Ländern vermeintlich sehr weit fortgeschrittene Immunität in Schwedens Metropolen mit ein Grund dafür, dass bei Ihnen die Zahl der Neuinfektionen, die Zahl der Intensivpatienten sowie die Todesrate so deutlich gesunken sind?

Ja, das glaube ich. Die verbesserte Lage kann mit der hohen Immunität im Volk gekoppelt werden. Denn wir haben keine anderen Maßnahmen verändert. Der Rückgang der Pandemie war zunächst in Stockholm, wo es die meisten Kranken und nun immunen Menschen gab, besonders deutlich.

Wie sieht Schwedens Impfstrategie aus?

Zuerst werden wir den Impfstoff denjenigen anbieten, die ein hohes Erkrankungsrisiko haben, auf freiwilliger Basis. Im Anschluss an Risikogruppen erhält die gesamte Bevölkerung Zugang zum Impfstoff.

Welchen Einfluss hat die Politik auf die schwedische Corona-Strategie genommen? Hätten Sie sich möglicherweise eine stärkere Einmischung gewünscht?

Wir stehen die ganze Zeit sehr eng im Dialog mit der Politik. Aber die Politik kümmert sich um ihren Teil und wir um unseren. Man mischt sich da traditionell nicht gegenseitig ein. In Schweden genießen Politik und Behörden traditionell ein sehr großes Vertrauen bei der Bevölkerung, das darauf baut, dass wir alle das bestmögliche in unserem Bereich tun.

Lief das in anderen Ländern anders?

Ja, das sind Signale, die ich von meinen Kollegen der zuständigen Behörden aus ziemlich vielen EU-Ländern bekommen habe. Viele Fragen zur Pandemie sind dort leider sehr politisiert worden.

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