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„Schwarzer Pilz“ bei Corona-Patienten: Wie gefährlich ist die Mukormykose?

  • Seit der zweiten Corona-Welle erkranken in Indien zunehmend Menschen an Mukormykose.
  • Die Krankheit wird durch bestimmte Schimmelpilz­sporen ausgelöst, die in menschlichem Gewebe und Blutgefäßen wuchern können.
  • Nicht selten führt die Erkrankung zum Tod, auch weil sie schwer zu diagnostizieren ist.
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Neu-Delhi. Nach Indien, Irak, Iran, Uruguay und Guatemala meldet nun ein weiteres Land in Südamerika einen ersten Fall von Mukormykose, auch bekannt als „Schwarzer Pilz“, im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung: Wie das bolivianische Gesundheitsministerium am Dienstag mitteilte, wurde ein 42-jähriger Corona-Patient Ende Juli in ein Krankenhaus in Cochabamba eingeliefert, es folgten zwei Operationen. Nach einer intensivmedizinischen Behandlung anlässlich seiner Infektion mit dem Coronavirus seien die Zähne des Mannes ausgefallen.

Was steckt hinter der Mukormykose? Eine Übersicht.

Mehr als 45.000 Fälle in Indien aufgetreten

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Der Name ist trügerisch. Denn die Schimmelpilze der Ordnung Mucorales, deren Sporen die Krankheit verursachen, haben keine Pigmente. Sie sind farblos. Die Bezeichnung „Schwarzer Pilz“ geht stattdessen auf ein markantes klinisches Zeichen der Mukormykose zurück: Bei Patientinnen und Patienten, die sich mit den Schimmelpilz­sporen infizieren, sind nach einiger Zeit schwarze Hautverfärbungen erkennbar. Es handelt sich dabei um abgestorbenes Gewebe.

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Rund 45.374 Mukormykose-Fälle seien bislang in Indien aufgetreten, berichtete die BBC und bezog sich dabei auf Aussagen von Gesundheitsminister Mansukh Mandaviya. Mindestens 40.845 von ihnen sind der Tageszeitung „The Indian Express“ nach auf die zweite Corona-Welle in dem Land zurückzuführen. Am häufigsten erkrankten demnach Menschen zwischen 45 und 60 Jahren, gefolgt von den 18- bis 45-Jährigen und den über 60-Jährigen.

Zum Vergleich: In westlichen Ländern tritt die Pilzkrankheit jährlich bei einem von einer Million Menschen auf. Besonders auffällig an den Zahlen aus Indien ist, dass von den 40.845 Patientinnen und Patienten der zweiten Welle rund 86 Prozent unter Covid-19 litten. Gibt es also einen Zusammenhang zwischen dem Coronavirus und der Mukormykose?

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Infektiologe: „Die Mukormykose gibt es auf der ganzen Welt“

Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass es sich bei der Mukormykose um keine vollkommen neue Krankheit handelt. Das heißt, die Corona-Pandemie hat nicht dazu geführt, dass neue krankheits­erregende Schimmelpilze gewachsen sind. „Die Mukormykose gibt es auf der ganzen Welt“, weiß Prof. Oliver Cornely. Er leitet das Europäische Exzellenzzentrum für invasive Pilzerkrankungen an der Uniklinik Köln und hat 2019 mit 74 anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine einheitliche, weltweit verbindliche Diagnose- und Behandlungs­richtlinie für die Pilzkrankheit herausgebracht.

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Neben Indien wurden beispielsweise auch in Afghanistan und Ägypten Fälle gemeldet. Dass die Mukormykose weltweit verbreitet ist, hängt mit dem Vorkommen der Schimmelpilz­sporen zusammen. Diese seien ubiquitär, sagt Cornely. Das bedeutet, sie kommen überall vor – vornehmlich in der Natur, genauer gesagt im Erdreich, und weniger in Gebäuden. In den menschlichen Körper gelangen die Sporen, indem sie eingeatmet oder verschluckt werden oder über Hautverletzungen.

Schimmelpilze befallen Blutgefäße

„Bei bestimmten Pilzen der Mucorales hat man nachgewiesen, dass sie Oberflächen­strukturen auf dem Epithel, also der obersten Zellschicht des Schleimhautgewebes, und dem Endothel, das ist die Auskleidung der Blutgefäße, erkennen und dort anhaften“, erklärt der Infektiologe. Ist dies geschehen, sprossen die Schimmelpilze aus und wachsen in das umliegende Gewebe. „Da ist es für den Pilz egal, ob es sich dabei um einen Baum oder die Nasennebenhöhle handelt.“

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Sogar Knochen und benachbarte Organe können die Pilze befallen, ebenso wie Blutgefäße. Wuchern sie in Letzteren, hat das zur Folge, dass der Blutfluss gestört wird. Das Gewebe stirbt ab, es entsteht die typische Schwarzfärbung. „Das ist schon sehr widerwärtig, was diese Pilze mit dem menschlichen Gewebe und den Organen machen“, sagt Cornely.

Risikofaktoren: schlecht eingestellter Diabetes und Immundefekte

Dass in Indien während der zweiten Corona-Welle vermehrt Mukormykose­fälle aufgetreten sind, hängt mit mehreren Faktoren zusammen. Zum einen leiden Millionen Menschen in dem Land unter Diabetes. Diese haben nicht per se ein erhöhtes Risiko, an der Pilzinfektion zu erkranken, sondern nur dann, wenn sie schlecht eingestellt oder nicht in Behandlung sind. „Die Oberflächen­strukturen, an denen der Pilz anhaften kann, sind auf dem Epithel und Endothel in einer höheren Dichte vorhanden, wenn der Blutzuckerspiegel hoch ist“, so der Kölner Mediziner. Covid-19 kann unter Umständen einen schlecht eingestellten Diabetes mellitus noch verschlimmern.

Zum anderen begünstigen Therapien mit Steroiden wie Kortison das Wachstum der Schimmelpilze. Dieses Medikament wurde in Indien zuhauf eingesetzt, um (selbst leichtes) Covid-19 zu behandeln. Es wirkt jedoch immun­suppressiv. Das heißt, es verringert die Immunabwehr. Corona-Patientinnen und -Patienten, die mit Steroiden behandelt werden, sind somit ebenso anfällig für Mukormykose wie Menschen mit einem ausgeprägten Immundefekt, zum Beispiel Leukämie­patientinnen und ‑patienten.

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Kein Labortest zum Nachweis der Krankheit vorhanden

„Mukormykose ist eine ernst zu nehmende, tödliche Erkrankung“, sagt Cornely. Wichtig sei es, die Krankheit frühzeitig zu erkennen, doch das ist nicht immer einfach. „Es gibt keinen Labortest, mit dem man die Schimmelpilze nachweisen kann.“ Um eine Pilzinfektion diagnostizieren zu können, brauchen Ärztinnen und Ärzte Gewebeproben.

Je eher die Krankheit erkannt wird, desto geringer ist die Sterblichkeit: „Wird schon beim ersten Symptom mit einer Behandlung gestartet, dann hat man zum Beispiel im Fall der Leukämie­patienten eine Sterblichkeit von 45 Prozent. Beginnt man aber erst nach sechs Tagen mit einer Therapie, verdoppelt sich die Sterblichkeit.“

Schimmelpilze können operativ entfernt werden – „meist verstümmelnde Operationen“

Zur Behandlung der Mukormykose gibt es drei Medikamente: Amphotericin B, Posaconazol und Isavuconazol. Ersteres ist preiswert, aber toxisch. Es schädigt die Nieren. Eine genauso wirksame und besser verträgliche Alternative ist liposomales Amphotericin B, das derzeit in den indischen Bundesstaaten verteilt wird. Isavuconazol ist wiederum das erste Arzneimittel mit einer expliziten Zulassung in Deutschland – anders als Posaconazol, das bislang noch nicht gegen Mukormykose zugelassen wurde.

Auch eine Operation kann die Überlebens­chancen verbessern. „Das sind aber meist verstümmelnde Operationen“, sagt Cornely. Denn aus den befallenen Organen muss der Pilz komplett entfernt werden. Sind die Nasennebenhöhlen oder die Augenhöhle betroffen, können Gesichter durch klinische Eingriffe entstellt werden. Wird die Mukormykose nicht therapiert, ist sie aber in jedem Fall tödlich: „Ich glaube nicht, dass es möglich ist, die Krankheit ohne eine Behandlung zu überleben“, so Cornely.

Wir haben diesen Text am 4. August aktualisiert.

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