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„Kollateralschäden für Schüler enorm“: Kinderärzte und Psychologen sprechen sich für Schulöffnungen aus

  • Eine Gruppe von Kinderärzten spricht sich für eine Wiedereröffnung der Schulen aus.
  • Bei entsprechenden Hygienekonzepten sei eine weitere Schließung nicht zu rechtfertigen.
  • Die Schäden für Kinder- und Jugendliche seien enorm, davor warnen auch Schulpsychologen.
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Kinderärzte und Hygieniker wollen die Schulen wieder öffnen, auch bei weiterhin hohen Corona-Infektionszahlen. Dies sei möglich, wenn entsprechende Hygienekonzepte umgesetzt würden, heißt es in einer Stellungnahmen der Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH).

Man solle „jetzt darüber diskutieren, wenigstens die Kitas und Grundschulen stufenweise wieder zu öffnen“, sagte Johannes Hübner, Mitverfasser der Stellungnahmen und stellvertretender Direktor der Kinderklinik der Universität München, im Gespräch mit „Spiegel Online“. Dann könnten die weiterführenden Schulen folgen. Untersuchungen in Schulen hätten ergeben, dass Infektionen dort selten und Übertragungen innerhalb der Schule die Ausnahme seien. „Kinder und Schulen sind keine Treiber der Pandemie“, so Hübner. Gleichzeitig seien „die Kollateralschäden für Schüler enorm“.

Schulschließungen verstärken soziale Unterschiede

Hübner verwies auf den kaum noch nachzuholenden Schulstoff. Onlineangebote seien „nicht unbedingt hilfreich“, wenn kein Computer verfügbar sei oder die Eltern nicht beim Lernen helfen könnten. Dadurch vergrößerten sich soziale Unterschiede.

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Kinderärzte würden zudem als Folge der Schulschließungen eine erschreckende Zunahme von Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlungen sehen. So komme es schneller zu Konflikten, wenn Familien den ganzen Tag zusammen auf engem Raum eingesperrt seien. Gleichzeitig entfalle die Kontrollfunktion der Schulen, weil Lehrer nun nicht mehr bei Verdachtsfällen auf Kindesmisshandlung eingreifen könnten.

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Kein Beleg für Nutzen von Schulschließungen

In ihrer Stellungnahme weisen Hübner und seine Kollegen darauf hin, dass es in Schulen nur geringe Übertragungsraten gibt und Kinder selbst nur äußerst selten schwer an Covid-19 erkranken. Gleichzeitig fehlten Belege, dass geschlossene Schulen die Entlastung von Krankenhäusern oder Intensivstationen fördern könnten.

Schulschließungen dürften daher nur als letztes Mittel infrage kommen. Die Experten schlagen Maßnahmen für einen verbesserten Infektionsschutz statt kompletter Schulschließungen vor. Dazu gehören zum Beispiel die Nutzung weiterer Räume in Schulen, um Abstandsregeln einhalten zu können oder Hygienemaßnahmen in Schulbussen.

Keine Motivation mehr zum Lernen

Neben den Kinderärzten hatten sich Anfang Januar auch Schulpsychologen für schnelle Schulöffnungen ausgesprochen. So hatte die Vorsitzende des Verbandes der Schulpsychologinnen und Schulpsychologen Baden-Württemberg (LSBW), Nina Großmann, gewarnt, vor allem bei Grundschülern seien bereits deutliche Leistungsdefizite und Wissenslücken zu beobachten.

Ein Problem sei eine wachsende Zahl von Schulverweigerern, hatte Großmann gegenüber der Presseagentur dpa gesagt: Schüler aller Altersgruppen gewöhnten sich während der Pandemie zu Hause an das Nichtstun, vernachlässigten ihre Aufgaben und fühlten sich bei der Rückkehr auf die Schulbank überfordert. Die Hauptmotivation der Schüler zum Lernen seien die sozialen Beziehungen – sei es zu den Mitschülern, sei es zum Lehrer. Schulpsychologische Beratungsstellen würden fünfmal häufiger als noch vor der Corona-Krise wegen fehlender Motivation zum Lernen aufgesucht. Zudem würden psychosomatische Stresssymptome bei Schülern beobachtet, wie Bauch- und Kopfschmerzen sowie Erbrechen.

Wissenschaftlich gesehen keine Gründe für Schulschließungen

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Bevor die Politik eine Verlängerung der Schulschließungen beschlossen hatte, war auch ein Vertreter der kinderärztlichen Fachgesellschaften gehört worden. Der Leiter der Universitätskinderklinik in Dresden, Reinhard Berner, hatte an der Runde von Bund und Ländern teilgenommen und sich gegen eine Verlängerung der Schulschließungen ausgesprochen. Das berichtete Berner im Gespräch mit der „WAZ“. Er habe versucht, klarzumachen, dass es wissenschaftlich gesehen „keine klaren Gründe“ gebe, warum Kitas und Schulen längerfristig geschlossen bleiben sollen. Er habe sich aber in der Expertenrunde mit dieser Ansicht nicht durchsetzen können, so Berner.

ih/dpa

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