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  • Schulen mit Corona-Testpflicht sinnvoller als Schulschließungen laut Statistiker

Schulen offen lassen, um Corona aufzuspüren? Was (noch) dagegen spricht

  • Was ist aus virologischer Sicht sinnvoller: Homeschooling oder offene Schulen?
  • Forscher aus München sehen durchaus Vorteile im Präsenzunterricht.
  • Allerdings müssen dafür einige Bedingungen erfüllt sein – und die Untersuchung hat ihre Grenzen.
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Es ist ein Dilemma. Kinder und Jugendliche werden vorerst nicht von der fortschreitenden Impfkampagne profitieren. Während für vollständig geimpfte Erwachsene in diesen Tagen erste Freiheiten in Aussicht gestellt werden, müssen Schülerinnen und Schüler weiterhin den seit mehr als einem Jahr so schwierigen Spagat schaffen.

Sie müssen sich und ihre noch nicht geimpften Eltern, Lehrkräfte und Pädagogen vor einer Corona-Infektion schützen, wenn die Schulen gerade geöffnet sind: durch Maßnahmen wie Abstand, Maske, kleinere Lerngruppen und seit April auch weitgehend regelmäßiges Testen. Und wenn dann bei steigender Inzidenz wieder Homeschooling angesagt ist, müssen sie lernen, sich trotz Isolation zu entwickeln und den Lernstoff trotz Krise zu bewältigen, eine seelische Belastung ohnegleichen. Nun sagt eine Münchner Forschergruppe: Schulschließungen ab einem Inzidenzwert von 100 – wie in Bayern der Fall – seien im Sinne der Pandemiebekämpfung möglicherweise gar nicht so erfolgreich wie grundsätzlich offene Schulen.

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Analyse in Bayern zeigt: Reihentests an Schulen reduzieren Corona-Dunkelziffer

Die Statistiker der Ludwig-Maximilians-Universität München verglichen in einer regionalen Analyse positiver PCR-Testnachweise 96 Landkreise. Dabei sind welche mit offenen Schulen und Testpflicht und Landkreise, in denen die Schüler im Homeschooling lernten. Betrachtet wurde für die Berechnungen die Schulwoche nach den Osterferien. Weil die Kinder vor Beginn der Analyse zwei Wochen lang nicht in der Schule waren, bedeute das, dass Neuinfektionen, die im Untersuchungszeitraum durch PCR-Tests nachgewiesen wurden, „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ in einem Infektionsumfeld außerhalb der Schule stattgefunden haben, schreiben die Autoren in ihrem Bericht.

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Das Fazit der LMU-Wissenschaftler laut Bericht: „Die Ergebnisse zeigen, dass durch die Reihentests an Schulen die Dunkelziffer um den Faktor zwei beziehungsweise vier reduziert werden konnte, also zwei bis viermal so viele Infektionen erkannt werden konnten, als ohne diese Tests“. Bei den zusätzlich erkannten Infektionen handele es sich überwiegend um symptomlose Infektionen – denn symptomatisch infizierte Kinder nehmen weitestgehend nicht am Unterricht teil. Die Konsequenz: Bei geöffneten Schulen und regelmäßigen Tests stiegen im Landkreis die Meldeinzidenzen. Bei geschlossenen Schulen stieg aber die Dunkelziffer – die Infektionsketten entwickeln sich unerkannt.

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Bundesregierung beschließt Corona-Aufholpaket für Kinder
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Schülerinnen und Schülern soll ermöglicht werden, Lernrückstände durch zusätzliche Förderangebote aufzuholen.  © Reuters
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Daraus schließen die Statistiker, dass eine Schulöffnung mit Präsenzunterricht und Testpflicht, in Kombination mit Hygienemaßnahmen und Wechselunterricht, helfen kann, symptomlose Infektionen aufzudecken. So könnten Infektionsketten unterbrochen und ein Beitrag zur Pandemiebewältigung geleistet werden.

Schwäche der Studie: Ansteckungsrisiko in Schulen nur schwer zu erfassen

Die Analyse hat aber Grenzen. Der Untersuchungszeitraum ist auf eine Woche begrenzt, die untersuchten Schulen sind in regional begrenztem Setting betrachtet. Es werden auch nur epidemiologische Nutzeffekte betrachtet, also die Auswirkungen der Testungen auf das gesamte Infektionsgeschehen. Das persönliche Risiko, sich möglicherweise in der Schule mit Sars-CoV-2 zu infizieren, zu erkranken oder andere mit Risikofaktor anzustecken, fällt bei dieser statistischen Auswertung weniger ins Gewicht.

Die Grenzen ihrer Analyse räumen die Verfasser des Berichts selbst ein: Auch das Risiko eines Präsenzunterrichts müsse betrachtet werden, die Überlegungen versuchten, das Risiko durch einfache Berechnungen grob zu überschlagen. „Das genaue Risiko, das von unerkannten Infektionen ausgeht, lässt sich bei Präsenzunterricht wie bei Distanzunterricht nur schwer exakt quantifizieren“, heißt es.

Die virologische Sicht: keine Schulöffnung bei hoher Inzidenz

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Sicherer Regelbetrieb sei möglich bei niedrigen Inzidenzen – aber nicht bei den aktuellen Fallzahlen, betonte Ende April die deutsche Virologin Isabella Eckerle, die an der Universitätsklinik in Genf zu Sars-CoV-2 forscht. Hohe Inzidenzen führten unweigerlich zu Infektionen bei Kindern und kein regelhafter Schulbetrieb sei möglich, schrieb sie in einem Twitter-Thread. Die aktuellen RKI-Auswertungen zeigen zudem, dass sich das Infektionsgeschehen seit Wochen weiter in die jüngeren Altersgruppen verlagert. „Beim Großteil der Fälle ist der Infektionsort nicht bekannt“, heißt es im letzten Bericht vom 27. April. „Covid-19-bedingte Ausbrüche betreffen insbesondere private Haushalte, aber auch Kitas, Schulen und das berufliche Umfeld, während die Anzahl der Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen abgenommen hat.“

Mediziner weisen neuerdings darauf hin, dass das Long-Covid-Phänomen inzwischen auch bei einigen Kindern und Jugendlichen beobachtet wird. Dazu gehören beispielsweise Leistungsminderungen, Atembeschwerden und kognitive Einschränkungen, berichtete etwa Jördis Frommhold, Chefärztin der auf Long-Covid-Erkrankungen spezialisierten Median-Klinik in Heiligendamm im April.

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Was ist Long-Covid und wer ist gefährdet?
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Treten drei Monate nach einer Coronavirus-Infektion noch Symptome auf, spricht man vom Long-Covid-Syndrom. Betroffene werden zunehmend jünger, berichten Ärzte.  © RND

Aus einer Studie zu Long-Covid bei Kindern aus Italien geht hervor, dass mehr als die Hälfte der Kinder im Alter zwischen sechs und 16 Jahren, die sich mit dem Virus infizieren, mindestens ein Symptom hat, das länger als 120 Tage anhält. Die Zwischenergebnisse basieren auf regelmäßigen Untersuchungen von 129 Kindern, bei denen zwischen März und November 2020 am Gemelli-Universitätsklinikum in Rom Covid-19 diagnostiziert wurde. „Symptome wie Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Atemprobleme und Herzklopfen waren besonders häufig, wie auch bei Erwachsenen beschrieben“, resümieren die Forscher in ihrem Ende Januar 2021 veröffentlichten Preprint, das noch begutachtet werden muss.

Dass Kinder grundsätzlich Sars-CoV-2 übertragen können, ist wissenschaftlich schon länger belegt. Die Gesellschaft für Virologie hatte bereits zum Schulstart nach den Sommerferien 2020 in einer Stellungnahme betont: „Wir warnen vor der Vorstellung, dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und bei der Übertragung spielen.“ Sie empfahlen auch einen Fahrplan für die Schulen in der Akutphase der Pandemie. Vieles davon wird inzwischen regional umgesetzt, auch die Schnelltests sind als Instrument dazugekommen.

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Die wichtigsten Punkte:

  • Klassengrößen sollten abhängig von der Zahl der Neuinfektionen reduziert werden.
  • Räumliche Ressourcen sollten ausschöpft und pragmatische Lösungen für einen verbesserten Luftaustausch gefunden werden.
  • Es kann Technik zu Hilfe gezogen werden, um einen ausreichenden Raumluftwechsel sicherzustellen.
  • Feste Kleingruppen inklusive Lehrpersonal sollten definiert werden, um eine möglichst geringe Durchmischung der Gruppen im Schulalltag zu gewährleisten.
  • Unterrichtseinheiten sollten über verschiedene Tageszeiten und Wochentage verteilt werden, je nach Kleingruppe.
  • Digitale Lösungen mit einem Mix aus Präsenzunterricht und Heimarbeitseinheiten können räumliche Kapazitäten entlasten.
  • Maske tragen – in allen Schuljahrgängen auch während des Unterrichts.
  • Positiv getestete Schüler und Lehrer können auf ein Übertragungscluster hinweisen – und sollten sich sofort isolieren.

Bis voraussichtlich Juni: EMA prüft Biontech-Impfung für 12- bis 15-Jährige

Für offene Schulen unter sicheren Bedingungen für Kinder und Jugendliche braucht es gegenwärtig also weiterhin gut umgesetzte Konzepte und zusätzlich die Testungen. Für möglichst sicheren Präsenzunterricht braucht es eine möglichst niedrige Inzidenz. Die aktuellen Entwicklungen machen da zumindest vorsichtige Hoffnung, Modellierer wie etwa Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation erachten Inzidenzen unter 50 im Sommer zumindest für möglich. Und langfristig könnten dann auch die Impfungen helfen. Schon jetzt fordern Fachgesellschaften, auch jüngere Menschen schnellstmöglich zu impfen. Das Problem: Die fehlende Zulassung der Impfstoffe für Kinder und Jugendliche.

Inzwischen steht aber in Aussicht, dass auch Kinder und Jugendliche bald geimpft werden könnten. Zumindest der Biontech-Impfstoff könnte in den kommenden Monaten hierzulande dafür zugelassen werden. Genauer: Für die 12- bis 15-Jährigen. Bislang ist das Vakzin in Deutschland nur ab dem 16. Lebensjahr zugelassen. Aber der Impfstoffhersteller hatte vor wenigen Wochen mitgeteilt, dass eine klinische Studie in der Altersgruppe von zwölf bis 15 Jahren in den USA eine Wirksamkeit von 100 Prozent gezeigt habe. Die Impfung sei gut vertragen worden. Die Nebenwirkungen hätten jenen in der Altersgruppe von 16 bis 25 Jahren entsprochen.

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hat an diesem Montag nun mitgeteilt, in einem beschleunigten Verfahren die Zulassung für diese Altersgruppe zu prüfen. Ein Ergebnis der Bewertung werde voraussichtlich im Juni erwartet, sofern keine zusätzlichen Informationen benötigt werden. Gibt die EMA grünes Licht, muss sich dann noch die Ständige Impfkommission (Stiko) beraten und die für Deutschland gültige Empfehlung anpassen. Final setzen dann die Bundesländer die Empfehlung um.

In den USA ist man schon etwas weiter. Die nationale Arzneimittelbehörde FDA könnte US-Medienberichten zufolge das Biontech-Mittel bereits in wenigen Tagen für die 12- bis 15-Jährige zulassen. Noch Ende dieser oder Anfang kommender Woche könnte die bereits bestehende Notfallzulassung angepasst werden, berichtete unter anderem die „New York Times“ unter Berufung auf namentlich nicht genannte Bundesbeamte.

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