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Wir reden von Bildung – doch was ist mit der Ansteckungsgefahr?

  • Es ist gut, dass die Bundesländer den Schulstart auch in Corona-Zeiten vorantreiben.
  • Schließlich bedeutet der Regelbetrieb neben Chancengleichheit in der Bildung auch eine Rückkehr zum Alltag, den Familien dringend brauchen.
  • Dass es in der Debatte um den Schulstart jedoch manchmal mehr um Bildung als um eine mögliche Gefährdung von Kindern und Jugendlichen geht, offenbart die mangelnde Flexibilität unseres Bildungssystems, meint Dany Schrader.
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Bildung für alle – diese uralte Forderung hat in der Corona-Krise eine neue Konnotation bekommen. Schließlich ist in den vergangenen Monaten einmal mehr deutlich geworden, dass das deutsche Bildungssystem im Regelbetrieb zwar relativ stabil läuft, in der Krise allerdings schnell kollabiert. Die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter waren in den vergangenen Monaten voll von Erzählungen verzweifelter Eltern, die mit Homeoffice und Homeschooling und der Rund-um-die-Uhr-Betreuung ihrer Kinder bei gleichzeitigem eigenen Job überfordert waren.

Schon die Kontaktsperre war für Eltern ein Drama

Für die meisten Eltern war die Zeit der Kontaktsperre ein Drama, das den ohnehin schon schwierigen, hektischen und wahnsinnig anstrengenden Alltag noch auf die Spitze trieb. Deshalb empfanden es viele von ihnen als Erleichterung, als die Behörden in zahlreichen Bundesländern kurz vor Sommerferienende eilig eine Rückkehr zum Normalbetrieb anstrebten. Alles auf Anfang in der Schule, ein Neustart für die Bildung, dieser Traum schien im Sommer 2020 angesichts eines sinkenden und fast stabilen R-Wertes für wenige Wochen möglich.

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Aus der Traum vom Schulstart ohne Corona

Doch in den ersten Bundesländern sieht die Lage längst anders aus: Am Donnerstag lag die Zahl der bekannten Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland auf dem höchsten Stand seit Anfang Mai. Das vermeldete das Robert-Koch-Institut. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warnte im ZDF-“Morgenmagazin” einmal mehr vor den Risiken – und verwies auf einen neuen Aspekt inmitten der Krise: “Wir hatten letzte Woche im Durchschnitt mit 34 Jahren das niedrigste Durchschnittsalter seit Beginn”, sagte er. Die Erkrankten mit Covid-19 werden jünger.

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Spahn: Regelbetrieb an Schulen und Kitas ist wichtig
1:49 min
In Zeiten von Corona müssten aber vermeidbare Risiken ausgeschlossen werden, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.  © Reuters

Doch was bedeutet das für den Schulstart? Ist es eine gute Idee, zur vollen Klassenstärke zurückzukehren und damit automatisch weniger Abstand in Kauf zu nehmen? Das Bild, das die bisherigen Corona-Studien zum Infektionsgeschehen zeigen, ist auch jetzt, Monate nach dem Ausbruch der Pandemie, noch diffus. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass Kinder sich untereinander weniger schnell anstecken als Erwachsene. In Berlin und einigen anderen Orten waren es meistens Lehrkräfte, die an Corona erkrankten und deretwegen der Schulbetrieb schon wenige Tage nach dem Start wieder eingestellt wurde.

Sind die Schüler wirklich sicher?

Doch an Schulen gibt es nicht nur Kinder. In den höheren Jahrgängen kommen an weiterführenden Schulen mehrere Hundert Jugendliche zusammen. Sind sie wirklich sicher?

Die deutsche Autorin und Bloggerin Patricia Cammarata twitterte jüngst: “Das Konzept kann nicht sein, dass meine Kinder (und damit die gesamte Familie) ihre Gesundheit aufs Spiel setzen müssen, weil Schulen unfähig sind, ein Lernkonzept zu entwickeln, das mit Abstand/reduzierter Klassengröße/ausreichend Zeit zum Lüften arbeitet.” Und: “Wie absurd es ist, dass im Lockdown die Nutzung der Spielplätze verboten war und dass jetzt, wo man viel mehr über Aerosole weiß, Unterricht ohne Abstand und Maske stattfindet in Berlin.” Es gibt zahlreiche Eltern, die sich ähnliche Sorgen machen – um das eigene Kind, aber auch um mögliche Infektionen, die ein Schulstart innerhalb der Familie auslösen könnte. Es ist verständlich, dass diese Eltern Angst haben.

Dass bisher noch nicht so viel passiert ist – diese Antwort macht Eltern wenig Hoffnung, wenn sie einen Blick auf die Schulstarts mitsamt den ersten coronabedingten Schließungen werfen. Auch einen Rat, einen Hinweis aus der Politik, dass der Schulstart aus gesundheitlicher Sicht sicher ist, gab es bisher nicht. An dieser Stelle herrscht vorsichtiges bis unsicheres Schweigen. Wie schon bei der Notbetreuung während der Schulschließungen stehen Eltern bei der Frage nach Ansteckungsgefahren und weiteren möglichen Risiken zu Schule in Corona-Zeiten hilflos am Rand.

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Bildung sollte nicht in Konkurrenz zur Gesundheit stehen müssen

Stattdessen debattieren wir vor allem über Bildung. Bitte nicht falsch verstehen: Das Thema ist wichtig. Kein Kind sollte abgehängt werden, weil es keinen Zugang zur Schule oder zu Unterrichtsmaterialien hat. Und es ist auch sicherlich nicht angebracht, Bildung und Infektionsgefahr gegeneinander aufzuwiegen. Viele hätten gehofft, dass man in den vergangenen Monaten mit etwas mehr Ideenreichtum und Flexibilität beides besser hinbekommen hätte, als es jetzt versucht wird.

Der neue Schulalltag ist alles andere als verlässlich

Die Frage ist ja auch: Kann eine Schule, die von Corona-Fall zu Corona-Fall geschlossen werden muss, wirklich einen Regelbetrieb gewährleisten? Kann sie verlässliches Lernen für gerade die Schüler bieten, deren Eltern in den vergangenen Monaten kein sinnvolles Homeschooling leisten konnten? Gewährleistet sie die Arbeitsfähigkeit von Eltern, weil diese ihre Kinder in der Schulzeit gut aufgehoben wissen? Die Antwort auf alle diese Fragen muss im Sommer 2020 leider lauten: nein.

Wären da andere Konzepte, etwa das Unterrichten in kleinen und festen Bezugsgruppen in Verbindung mit verbindlichen Betreuungsangeboten, stabilere Modelle gewesen als das nun vermutlich bevorstehende Auf und Ab zwischen Öffnung und Schließung? Viele Eltern hätten sich dies gewünscht.

Schule sollte ein sicherer Ort sein – und kein Experiment.

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