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Schluss mit dem Tabu! Warum es gut ist, wenn Prominente über ihre Depressionen sprechen

  • Krankheiten der Seele sind weiter ein großes Tabu.
  • Patienten fürchten das Stigma, Angehörige sind oft überfordert. Doch darüber zu sprechen kann Leben retten.
  • Darum hilft es sehr, wenn berühmte Betroffene wie Prinz Harry, Lady Gaga, Nora Tschirner oder die Tennisspielerin Naomi Osaka sich öffnen.
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Es ist Nacht, die Depression liegt neben Matt im Bett. „Du bist wertlos“, raunt sie dem erfolglosen Songwriter ins Ohr. „Du kannst nichts. Deine Songs sind nur leere Hüllen ohne Bedeutung. Du bist ein erfolgloser Ex-Boyband-Heini, und jeder weiß es.“ Dann wacht Matt schreiend auf. Wer spricht da? Wer ist die fremde Frau in seinem Bett? Die Depression (Nora Tschir­ner) heißt Monika und trägt gelbe Socken, eine blaue Jacke und die Dienstnummer „F32.1-2011/01“. Patienten und Patientinnen kennen dieses Diagnosekürzel: „Mittelgradige depressive Episode“. Monikas Auftrag als Angestellte der „Agentur für psychische Erkrankungen“: seelisches Leid verschlimmern, bis der Patient sich in Therapie begibt. Matt ist ihr neuestes Opfer. Es gibt nur ein Problem: Er kann sie sehen. Das war nicht geplant.

„The Mopes“ heißt die Serie, in der die Depression ein Gesicht bekommt. Monika verfolgt Matt auf Schritt und Tritt. Sie nervt. Sie stört. Es ist der Versuch, das seelische Grauen mit Komik zu entwaffnen. Und Tschirner (39) weiß, welches grausame Scheusal sie da spielt, karg, nüchtern und clever. Sie selbst hat jüngst offenbart, dass auch sie an Depressionen litt. „Meine erste depressive Episode hatte ich schon mit 18, aber vor zehn Jahren kam der Tiefpunkt“, sagte sie dem „SZ Magazin“. Die Symptome kennen all jene, die der schwarze Teufel heimsucht: Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Angst, Lustlosigkeit und Schlaflosigkeit – in einem Ausmaß, das mit gängiger Erschöpfung nichts mehr zu tun hat.

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Eine Depression (Nora Tschirner, Mitte) als Störenfried im Bett: In der Serie „The Mopes“ bekommt die Krankheit ein Gesicht. © Quelle: Joyn

Corona hat die Not verschlimmert

Sie habe damals den Kontakt zu sich selbst verloren, sagt Tschirner. „Ich hatte keinen Halt mehr. Ich war allein mit mir.“ Die Depression sei „die Erste, die sich getraut hat, mich drauf aufmerksam zu machen, mein Mahnmal quasi – ein Sprüche klopfender, nerviger, aber wohlmeinender Freund“. Daher mochte sie die Idee der Serie, sagt sie, „diese Chuzpe, zu sagen: So, wir nehmen das Ding jetzt mal volley“.

Die Depression ist eine Volkskrankheit, jeder Fünfte in Deutschland leidet mindestens einmal im Leben daran. Weiter verbreitet sind sonst nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 50 Millionen Menschen sind allein in Europa mindestens einmal im Leben klinisch depressiv. Aktuell sind vier Millionen Deutsche behandlungsbedürftig erkrankt. Doch nur ein Drittel von ihnen bekommt Hilfe. Corona hat die Not verschlimmert.

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Wir sind keine Maschinen

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Doch auch im zwölften Jahr nach dem Suizid des Nationaltorhüters Robert Enke ist der „schwarze Hund“ (Winston Chur­chill) ein Tabu, genau wie viele andere psychische Leiden. „Ich halte es leider für illusorisch, dass eine Depression so normal sein wird wie ein Bänderriss“, sagte der Sportjournalist Michael Rosentritt schon kurz nach Enkes Tod. Er hat – leider – recht behalten. Patienten fürchten das Stigma. Anders zu sein. Ausgestoßene. Versager. Und der Leistungsgesellschaft fällt es weiterhin unendlich schwer, seelische Krisen und menschliche Abgründe als das zu akzeptieren, was sie sind: Bestandteile des Lebens selbst, wie ein gebrochener Arm oder Darmkrebs. Schwäche gehört zum Menschsein. Wir sind keine Maschinen.

Trotzdem: Depression ist weiter ein gewaltiges, unheimliches Tabu. Warum ist das so? Weil die Krankheit nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für sein Umfeld ein großes Mirakel ist: schwer zu erkennen, noch schwerer zu akzeptieren. Und weil Depressive die Gesunden an die Verletzlichkeit auch ihrer eigenen Seele erinnern. Das macht Angst. Die Psyche ist ein tiefes Gewässer, in das viele Menschen nicht einmal den großen Zeh zu stecken wagen – aus Panik vor den eigenen Abgründen. Das ist auch der Grund, warum die Gesellschaft Depression lieber als „Burn-out“ beschönigt. „Ausgebrannt“ – das klingt nach Überarbeitung, nach zeitgemäßem Fleiß bis zur Selbstausbeutung. Die Volkskrankheit Depression ist auch ein krankhaftes Symptom der Optimierungsgesellschaft, die permanent im roten Bereich lebt und arbeitet.

Eine „diffuse Armee in schwarzem Nebel“

Tabus schützen nicht den Kranken oder den Gesunden. Sie schützen nur die Krankheit selbst. Sie behindern ihre Bekämp­fung. Wer aus Angst schweigt und ungeheure Energie für das Verbergen der eigenen Verzweiflung aufwendet, dem kann nicht geholfen werden.

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Viele bekannte Persönlichkeiten haben in jüngster Zeit offenbart, selbst Bekanntschaft mit dem skrupellosen Seelenviech gemacht zu haben, jener „diffusen Armee in schwarzem Nebel“ (Tschirner), die aufmarschiert, um alles Glück und Gefühl aus dir zu saugen, bis du „der Elendste unter den Lebenden“ bist, wie Abraham Lincoln in einem Brief schrieb. Lady Gaga, Katy Perry, Eminem, Julia Roberts, Nicole Kidman, Halle Berry, Selena Gomez, Demi Lovato, Angelina Jolie, Demi Moore, Ellen DeGeneres und Jim Carrey – sie alle sprachen offen über psychische Probleme. Jüngst entfloh die japanische Tennisspielerin Naomi Osaka wegen Depressionen dem Tenniszirkus. Auch Musiker Wincent Weiss („Wie es mal war“) offenbarte, dass er „die Leichtigkeit im Leben verloren“ habe.

Es hat einen Namen, es ist behandelbar

Die Depression wurde lange als Luxusleiden der schöpferischen Hedonisten verklärt, quasi als seelischer Preis für die Schaffenskraft ruhminteressierter Sonderlinge, die zwischen Ich und Image zerrissen würden und sich verloren fühlten im Strudel des Tornados aus Aufmerksamkeit und Ansprüchen. „Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt“, raunte Hermann Hesse. Doch Idyllisierung nützt ja nichts. Es ist schlicht niemand davor gefeit. Geld hilft nicht, Ruhm schon gar nicht. Künstler sind sich allenfalls der Fragilität ihrer Seele bewusster. Auch deshalb kommt öffentlichen Menschen eine Sonderrolle zu, wenn es darum geht, das tödliche Tabu zu brechen.

Kampf gegen das Tabu: Prinz Harry, Oprah Winfrey und Lady Gaga sprechen in der Apple-Dokumentation „The Me you Can’t See“ (Das Ich, das du nicht sehen kannst) über seelisches Leid. © Quelle: Apple TV+

Denn es hilft, wenn Lady Gaga alias Stefani Germanotta in der Apple-Dokumentation „The Me you Can’t See“ weinend von der „schwarzen Wolke“ berichtet und davon, wie sie sich bis vor wenigen Jahren absichtlich ritzte und verletzte, „um meinen inneren Schmerz nach außen zu tragen“. Sie habe „geschrien, mich gegen die Wand geworfen“, sagt sie. Aber: „Man kann solche Dinge überwinden.“ Das ist ein enorm wichtiger Satz, wenn ihn jemand ausspricht, dem Millionen Menschen glauben. Denn die Botschaft lautet: Es ist nicht alles zu Ende, wenn du dich öffnest. Es hat einen Namen. Es ist behandelbar. Du bist nicht allein. Es geht weiter.

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Der Witz wohnt als Parasit auf dem Leid

Natürlich ist es ein Irrglaube, psychische Krankheiten verschonten erfolgreiche, reiche und schöne Menschen. Aber es hilft, zu erkennen, dass die Krankheit auch vor Lady Gaga nicht haltmacht. „Ich erzähle meine Geschichte nicht, um bedauert zu werden“, sagt sie. „Ich erzähle sie, weil jemand da draußen ist, der Hilfe braucht.“

Diesem Jemand hilft es wohlmöglich, wenn die Komiker Torsten Sträter und Kurt Krömer in der Sendung „Chéz Krömer“ sehr ernst und traurig über das Dunkle sprechen, das auch viele Humorschaffende aus eigenem Erleben kennen – und dabei bestätigen: Der Witz wohnt als Parasit auf dem Leid.

Es hilft, wenn Prinz Harry mit Amerikas Beichtmutter Oprah Winfrey über das Trauma spricht, das der Tod seiner Mutter hinterließ – und vor dem kein Palast und kein Prinzentitel ihn schützen konnte. Harry war zwölf, als seine Mutter Diana starb. „Ich wollte die Trauer um meine Mutter nicht mit der Welt teilen. Das ist meine Mutter. Ihr kanntet sie gar nicht“, sagt er. Es sind seltene, tiefe Einblicke in die Seele jenes Mannes, der gerade mit einer vermeintlichen Transparenzoffensive die Grundfesten des britischen Königshauses erschüttert. „Ich wollte immer normal sein“, sagt er – „nicht ‚Prinz Harry‘, sondern einfach Harry.“ Niemand habe über seelische Krisen gesprochen in seiner Familie, sagt er. „Aber mental ging es mir dreckig.“ Er spricht von Panikattacken, Beklemmung, Angst, unterdrückter Wut. Bis zu einer Therapie vor vier Jahren. „Es ist das Unbewältigte, das dich innerlich zerfrisst.“

Depression ist die Abwesenheit aller Gefühle

„Wenn depressive Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sagen: ‚Jawohl, ich habe das gehabt!‘, helfen sie zehntausend anderen“, sagte vor einigen Jahren Florian Holsboer, bis 2014 Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Holsboer war es, der den Fußballstar Sebastian Deisler behandelte, der in den Nullerjahren wegen Depressionen seine Karriere aufgegeben hatte. Nach dem Fall Deisler seien „Patienten in großer Zahl zu uns gekommen und haben sich getraut, darüber zu sprechen“, berichtete Holsboer. Damals galten Sportlerschicksale wie das von Deisler oder dem Skispringer Sven Hannawald noch als Einzelfälle – und zeigten, wie ungeheuer groß der Bedarf an Information, Aufklärung und Beistand ist.

Es ist kaum möglich, einem Gesunden den Ichverlust zu erklären, diese schwarze Negativität, wenn sich das psychische Immunsystem gegen einen selbst richtet und ein kalter Sturm durch dein Inneres fegt. Eine Depression ist keine Traurigkeit. Traurigkeit ist ein Gefühl. Depression ist die Abwesenheit aller Gefühle. Ein verstörender, eiskalter Zustand des Nichts. Sie saugt alles Frohe und Warme aus dir heraus, sie quält dich mit sinnlosen Gedankenschleifen und tötet deine Gefühle. Es ist, als setzten sich schwarze Raben auf deine Schulter, als wüchsen um dich herum stählerne Türme aus Angst.

„Irgendwann wird es normal sein, sich in Therapie zu begeben“

Joanne K. Rowling schuf in ihren „Harry Potter“-Büchern die Dementoren als Symbol für die erbarmungslose Allmacht der Finsternis, die alles Fühlen aus den Lebenden saugen, bis diese nur noch leere Hüllen sind. Autor Ferdinand von Schirach beschrieb die Krise wie „das Gefühl, als würde ich in einem Zimmer liegen und von der Decke beginnt Öl zu tropfen und man sinkt gleich in das Öl ein“. Es gehört zu den perfiden Taktiken der Depression, dass sie sich selbst für endgültig erklärt, dass sie für den Erkrankten jede Aussicht auf Heilung verbaut. Aber: Sie hat nicht recht. Sie lügt. Heilung ist möglich. Das ist das wichtige Signal, das von den Lebensbeichten der globalen Prominenz ausgeht.

Auch sie berichtete von ihrem Leid: Tennisspielerin Naomi Osaka zog sich wegen psychischer Probleme aus dem Tenniszirkus zurück. © Quelle: Getty Images

Die Depression ist gleichzeitig ein höchst individuelles und ein sehr universales Problem. Es ist ein hochgefährlicher, individuell verschiedener und potenziell tödlicher Zustand, gegen den es nur ein Mittel gibt: darüber sprechen, um Hilfe zu erhalten durch Medikamente und Gespräche. Das jedoch erfordert Mut, denn wer depressiv ist, gilt schnell als schwach, als nicht belastbar. „Irgendwann wird es normal sein, sich in Therapie zu begeben“, hoffte Enkes Witwe Teresa Enke in einem TV-Interview zum Rückzug der Tennisspielerin Osaka. Es sei wichtig für Betroffene, „wenn sich Menschen in der Öffent­lichkeit dazu bekennen“.

„Lasst euch helfen“

Es gibt Umstände, die Depressionen begünstigen. Aber niemand, der depressiv ist, trägt die Schuld daran. Trotzdem hören Betroffene bis heute, sie müssten sich „bloß mal zusammenreißen“. Es sind hilflose Appelle, die den Patienten in seinem Glauben bestätigen, niemand könne ihn verstehen. In einer Gesellschaft, die den menschlichen Organismus noch immer weitgehend mechanistisch betrachtet, quasi als beliebig optimierbares Konstrukt, dessen Leistungsfähigkeit sich auch mit Psychopillen erhöhen lässt, wäre es dringend notwendig, sich auf ein umfassenderes Menschenbild zu besinnen. „Die Leute denken, man ist eben krank und dann wird man geheilt. Aber so ist es nicht“, sagt Lady Gaga.

Es ist eine Depression. Es von prominenten Patienten ausgesprochen zu hören hilft manchem Betroffenen kaum weniger, als es selbst auszusprechen: Ich bin krank. Ich brauche Hilfe. Sie glaube, dass Scham mehr Menschen tötet als die De­pres­sion selbst, sagt Tschirner. Sie hat die Krise überwunden – und riet jüngst bei Twitter dringlich: „Lasst euch helfen.“ Sie schicke „ein Winken aus dem Leben danach. Ist schön hier.“

HIER GIBT ES HILFE

Sie leiden an Depressionen oder krankhafter Niedergeschlagenheit oder haben düstere Gedanken? Bitte holen Sie sich Hilfe. Bei Notfällen können Sie unter 112 den Notarzt rufen. Das Infotelefon Depression hat die Telefonnummer (0800) 33 44 533. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter den Telefonnummern (0800) 11 10 111 oder (0800) 11 10 222 oder 116 123. Weitere Informationen gibt es etwa bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im Internet: www.deutsche-depressionshilfe.de.

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