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Diskussion über schärfere Corona-Regeln: Wie bekommen wir das Virus wieder unter Kontrolle?

  • Der Lockdown in Deutschland könnte noch einmal verschärft werden.
  • Darüber wollen Bund und Länder am Dienstag beraten.
  • Der Katalog an Maßnahmen ist schon jetzt lang, dessen Wirkung aber immer noch zu gering.
Laura Beigel
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Der Lockdown in Deutschland scheint in die Verlängerung zu gehen. Am kommenden Dienstag wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder zur einer neuen Corona-Runde zusammenkommen. Regierungssprecher Steffen Seibert deutete vorab an, dass es bei dem Termin um eine weitere Verschärfung des Lockdowns gehen werde.

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Dabei gibt es schon jetzt viele Einschränkungen im privaten und öffentlichen Bereich. So sind beispielsweise Restaurants, Bars sowie Freizeit-, Kultur- und Sporteinrichtungen geschlossen und Angehörige eines Haushalts dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person aus einem anderen Haushalt treffen. Trotzdem liegen die Infektions- und Todeszahlen in Deutschland weiterhin auf einem hohen Niveau. Alleine am Freitag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) 22.368 neue Corona-Infektionen sowie 1113 Todesfälle. Wo muss die Politik jetzt also nachjustieren, um das Infektionsgeschehen wieder kontrollierbar zu machen?

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Mit den Coronavirus-Mutationen beginnt ein Wettrennen gegen die Zeit

Nach Einschätzung von RKI-Präsident Lothar Wieler gibt es in allen Bereich noch genug Luft nach oben, um Maßnahmen einzuhalten – „mit aller Konsequenz“. In einer Pressekonferenz am Donnerstag rief er dazu auf, zu Hause zu arbeiten, wann immer möglich. „Dafür brauchen wir noch mehr verantwortungsvolle Arbeitgeber.“ Auch auf Reisen ins Ausland sollte möglichst verzichtet werden, um die Ausbreitung von Coronavirus-Mutationen einzudämmen.

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„Chancen verspielt“: RKI rät zu härterem Lockdown
1:18 min
Das liegt auch daran, dass die Regeln im zweiten Corona-Lockdown weitaus halbherziger befolgt werden als im ersten.  © dpa
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Besonders die Corona-Variante B.1.1.7 alarmiert die Politik. Diese hatte in Großbritannien und Irland einen extremen Anstieg der Fallzahlen verursacht. „Nach bisherigen Daten gehen wir davon aus, dass sich die Mutante aus Großbritannien um grob 50 Prozent besser überträgt“, so Wieler. Inzwischen sind 16 Fälle in Deutschland aufgetreten, plus vier Fälle mit der südafrikanischen Corona-Variante. Es ist aber unklar, wie stark beide Varianten bereits in Deutschland zirkulieren.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach spricht in diesem Zusammenhang von „einem Wettrennen“. Es gehe um die Frage: Können wir mithilfe eines verschärften Lockdowns die zweite Corona-Welle schnell genug stoppen oder breiten sich die Mutationen flächendeckend in Deutschland aus? „Wenn es uns nicht gelingt, die jetzige Welle zu stoppen durch Verschärfungen – ohne Verschärfungen wird es nicht gelingen –, dann kommen wir aus dem Lockdown gar nicht mehr so schnell heraus“, sagte er am Donnerstagabend in der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner. Dann könnte während des Lockdowns ein exponentielles Wachstum der Fallzahlen entstehen.

Bürger haben Kontakte nicht so stark reduziert wie im Frühjahr

Eine sinnvolle Maßnahme zum Aufhalten der Mutanten sei sicherlich die Einschränkung von Mobilität, meint Prof. Jörg Timm, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. „Das muss aber nicht zwingend mit Landesgrenzen zusammenhängen“, sagte er im RND-Interview. Grenzschließungen würden angesichts vieler Nachweise in Europa nicht mehr helfen.

Wir werden auch erst ab Anfang nächster Woche in der Lage sein, die Neuinfiziertenzahlen wieder als Maß für die Ausbreitungsdynamik zu nehmen.

Prof. Timo Ulrichs, Epidemiologe

Die Mobilität ist auch mitunter der Grund, warum der Lockdown nicht so wirksam ist wie der im Frühjahr. Daten des Covid-19 Mobility Projects, eine Kooperation des RKI und der Berliner Humboldt-Universität, zeigen, dass die Bürger ihre Kontakte bei Weitem nicht so stark eingeschränkt haben wie noch beim ersten Lockdown. So gab es im vergangenen Jahr zwar weniger Fernreisen, dafür aber mehr Tagesausflüge in die nähere Umgebung.

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Eine Ausgangssperre wie in Frankreich könne hier eine weitere Maßnahme darstellen, schlägt Epidemiologe Prof. Timo Ulrichs von der Berliner Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften vor. Um Kontakte zu reduzieren, setzen Bund und Länder ab sofort auch auf eine 15-Kilometer-Regel: Überschreitet ein Landkreis die Sieben-Tage-Inzidenz von 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, dürfen sich die Bewohner nicht mehr als 15 Kilometer weit von ihrem Wohnort entfernen.

Effekte dieser Maßnahme würden sich erst ab Ende kommender Woche zeigen, so Ulrichs. „Und wir werden auch erst ab Anfang nächster Woche in der Lage sein, die Neuinfiziertenzahlen wieder als Maß für die Ausbreitungsdynamik zu nehmen.“ Das RKI hatte selbst darauf hingewiesen, dass die Interpretation der Daten schwierig sei, weil um Weihnachten und den Jahreswechsel herum Corona-Fälle verzögert entdeckt, erfasst und übermittelt wurden.

Exponentielles Wachstum lässt Krankenhausreserven schmelzen

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Prof. Andreas Schuppert erkennt hingegen schon erste leichte Anzeichen dafür, dass der Lockdown wirkt. Die Zahlen zu Bettenbelegungen aus dem Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) geben Anlass zu einem gewissen Optimismus, dass die Zahlen derzeit wieder sinken, sagte der Mathematiker und Datenkenner im RND-Interview. „Es ist aber noch unsicher, wie stark und wie lange der Trend anhalten wird.“

Die Divi erfasste am Freitag 5074 Corona-Patienten, die in 1280 Krankenhäusern in Deutschland intensivmedizinisch behandelt werden müssen. 58 Prozent von ihnen müssen künstlich beatmet werden. 22.574 Intensivbetten sind aktuell belegt, 4394 noch frei.

Im Moment sehe es so aus, dass wir wieder etwas effizienter beim Ausbremsen des Virus sind. „Ohne die neue Virusmutante und ohne plötzlich neue Ausbreitungsmechanismen dürfte dieser Trend während des härteren Lockdowns wahrscheinlich anhalten“, prognostizierte Schuppert. Sobald wir in ein exponentielles Wachstum hineinrutschen würden, ändere sich die Dynamik aber sehr schnell. Das zeigten auch die Erfahrungen aus dem In- und Ausland. Das Problem für die Kliniken: Dann schmelzen die Reserven sehr schnell und „eine optimale Behandlung wird schwieriger“.

Infektionsketten sind nicht nachvollziehbar

Um die Belastung der Krankenhäuser so gering wie möglich zu halten, strebt Deutschland weiterhin eine bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner an. Bis dahin ist es jedoch noch ein langer Weg. Am Freitagmorgen lag die Inzidenz bei 146,1.

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Coronavirus-Mutationen: Kommt eine Lockdown-Verschärfung?
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Die Diskussion über eine zeitnahe Verschärfungen des Lockdowns hat vor dem Hintergrund steigender Infektionszahlen und Mutationen gewaltig an Fahrt aufgenommen.  © dpa

Zudem ist es nach wie vor schwierig, nachzuvollziehen, wo sich die Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infizieren. „Wenn man das genauer wüsste, wären sicherlich gezieltere Maßnahmen, und gegebenenfalls auch Lockerungen, möglich“, sagte Prof. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen dem RND. „Im Moment geht es oft mehr um Plausibilitäten, wo bestehen überhaupt Kontakte, welche kann man verringern – ohne genaue Info, ob diese spezifisch relevant sind.“

Der Epidemiologe ist sich sicher, dass es „eher nicht die eine Maßnahme (gibt), die jetzt den Wandel bringt“. Woran es liegt, dass der Lockdown noch nicht den gewünschten Effekt erzielt hat? Es sei „eine Mischung von Faktoren wie der weitgehend erhaltenen Arbeitssituation für viele, weiterhin zu viele Kontaktgelegenheiten unter anderem im öffentlichen Personennahverkehr, in Wohnanlagen oder Supermärkten, aber auch individuell zu geringe Konsequenz darin, bestimmte Dinge zu lassen“. Eine weitere Einflussgröße sei die Art der Ausbreitung in vielen Segmenten der Bevölkerung.

Nach Angaben von RKI-Präsident Wieler ist das Coronavirus in der gesamten Bevölkerung verteilt und breitet sich in allen Altersgruppen aus. Deshalb seien Kontaktbeschränkungen weiterhin elementar. Epidemiologe Prof. Rafael Mikolajczyk von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg weist zudem darauf hin: „Zu bedenken ist, dass nachdem die Fallzahlen abgesenkt wurden, es trotzdem keine andere Möglichkeit gibt, sie niedrig zu halten, als durch die Fortsetzung der Kontaktreduktion – und zwar in einem stärkeren Ausmaß, als in einem leichten Shutdown probiert wurde, weil das nicht ausgereicht hat.“





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