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Zwischen Impfskepsis und Infektionshoch: Russland meldet täglich mehr Corona-Tote

  • Seit einer Woche steigen die offiziellen Corona-Totenzahlen in Russland nahezu täglich an.
  • Die hohe Übersterblichkeit legt den Verdacht nahe, dass das tatsächliche Infektionsgeschehen noch gefährlicher ist, als die offiziellen Corona-Zahlen vermuten lassen.
  • Dennoch ist die Impfskepsis in Russland im internationalen Vergleich besonders hoch.
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Moskau. Corona und kein Ende: Der Moskauer Geschäftswelt graut vor der Vorstellung, dass ihr demnächst neue Einschränkungen wegen der Pandemie bevorstehen. Dass die Schutzmaßnahmen einschneidend wären, wissen die Unternehmen inzwischen nur allzu gut: Als im Juni die aggressive Deltavariante des Virus in Russland rasant um sich griff, verfügte der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin augenblicklich eine Impflicht für Beschäftigte in Handel, Gastronomie und öffentlichem Dienst. Unternehmen mussten 30 Prozent ihrer Belegschaften ins Homeoffice schicken, und wer eine Gaststätte besuchen wollte, musste per QR-Code nachweisen, dass sie oder er geimpft oder genesen ist.

Es ist bekannt, dass Sobjanins Büro inzwischen erwägt, genau diese Auflagen nun wieder zu verhängen: „Die Entscheidung wird höchstwahrscheinlich in einigen Tagen fallen“, sagte Sergej Mironow, Gründer der Restaurantkette „Mjaso&Riba“ („Fleisch&Fisch“), dem unabhängigen Nachrichtenportal „Meduza“. „Die Stadt wird bis zum letzten Moment versuchen, Beschränkungen zu vermeiden, da das Gaststättengewerbe bereits am Rande des Ruins steht und bei Schließungen stark subventioniert werden müsste.“

Doch womöglich bleibt den Behörden gar nichts anderes übrig, als das öffentliche Leben wieder drastisch runterzufahren. Denn die Corona-Lage in Russland hat sich zuletzt wieder deutlich zugespitzt: Am Montag wurde mit 895 Opfern ein neuer offizieller Rekord bei den täglichen Todeszahlen gemeldet. Die Kennziffer steigt in Russland seit einer Woche nahezu täglich und hat sich seit Montag vor einer Woche (779 Tote) um nahezu 15 Prozent erhöht.

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Die relevanten Corona-Zahlen werden erst mit Verzögerung veröffentlicht

Tatsächlich dürfte die Lage noch erheblich ernster sein. Die Zahl, der am Virus Verstorbenen, die der offizielle Stab zur Bekämpfung der Pandemie täglich ausweist – bis zum Dienstag waren es 211.696 Tote –, entsprechen nicht dem Bewertungsmaßstab der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Deren Kriterien sehen vor, dass alle Opfer zu melden sind, die „an“ und „mit“ Corona gestorben sind. Die täglichen Zahlen, die Russland veröffentlicht, beinhalten allerdings nur die „an“ dem Virus Verstorbenen.

Zwar legt die russische Statistikbehörde Rosstat Zahlen vor, die den WHO-Kriterien entsprechen sollen, aber mit wochenlanger Verzögerung. Aus dem zeitlichen Zusammenhang gerissen, verlieren diese Daten aber an Brisanz. Außerdem werden sie von Experten als Vergleichsmaßstab mit den Opferzahlen anderer Länder als fragwürdig eingeschätzt. Denn die Aussagekraft der angegebenen Zahl von Pandemietoten hängt stark von den Testkapazitäten und den Meldeverfahren ab, die in einem Land gegeben sind.

Übersterblichkeit in Russland nach Ausbruch der Pandemie besonders stark gestiegen

Die beiden Forscher Ariel Karlinskij von der Hebräischen Universität Jerusalem und Dmitrij Kobak von der Universität Tübingen wiesen deshalb bereits im Februar in einer gemeinsamen Studie darauf hin, dass sie die sogenannte Übersterblichkeit für einen besseren Indikator für die wahre Zahl der Corona-Opfer halten, vor allem, wenn sie besonders stark von der Zahl der Menschen abweicht, die offiziell an Covid-19 gestorben sind.

Und in Russland ist die Übersterblichkeit nach dem Ausbruch der Pandemie im Jahr 2020 besonders stark gestiegen: Den Durchschnitt der Sterblichkeit der Jahre 2015 bis 2019 übertraf sie der Untersuchung Karlinskijs und Kobaks zufolge um das 6,7-Fache. Für Deutschland sei im Vergleich dazu gerade einmal ein Wert des 1,0-Fachen festgestellt worden.

Nach neuesten Zahlen gab es in Russland nach Auffassung Kobaks seit Pandemiebeginn bis Ende Juli eine Übersterblichkeit von 624.000 Bürgerinnen und Bürgern des Landes, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete. Nach der Schätzung des Datenanalysten sind seitdem 150.000 weitere Tote hinzugekommen als üblicherweise.

Russland und die verbreitete Kultur des zivilen Ungehorsams

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Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum die Schutzmaßnahmen, die jetzt wieder in Moskau zur Debatte stehen, nicht schon längst verfügt wurden. So wie es dieser Tage in der Teilrepublik Udmurtien und in der benachbarten Permer Region sowie im Oblast Samara geschah, wo nun wieder QR-Codes für den Besuch von Massenveranstaltungen, Kinos, Theatern und Sporträumen vorzuweisen sind. Allerdings bestehen in diesen Gebieten Engpässe in den Krankenhäusern, die inzwischen zu 90 bis 100 Prozent ausgelastet sind.

In Moskau ist das bislang nicht der Fall, und so verzichtet die Politik dort bislang auf einschneidende Maßnahmen, weil es in Russland zwar keine militanten Corona-Gegner wie etwa in Deutschland gibt, dafür aber eine verbreitete Kultur des zivilen Ungehorsams.

Als die Stadt am 28. Juni eine Impfung oder Genesung zur Bedingung für Restaurantbesuche machte, hielt sie das gerade mal knapp drei Wochen durch. Schon am 19. Juli entfiel das Gebot, bei Bar- und Speisewirtschaftbesuchen einen QR-Code vorzulegen, der eine Immunisierung des Gastes verbürgte. Der Grund: Viele Gaststättenbesitzerinnen und -besitzer hatten sich schlicht und einfach verweigert. Entweder zahlten sie lieber die fälligen Strafen, wenn sie bei Kontrollen erwischt wurden, statt die Auflagen einzuhalten. Oder sie schlossen mit QR-Code-losen Gästen einen Geheimpakt: Die Servicekräfte im aserbaidschanischen Restaurant Starij Baku im Stadtteil Krasnoselskij empfahlen ihren ungeimpften Gästen kurz vor dem 28. Juni etwa gerne, doch weiterhin zu kommen: „Wir werden schon ein Plätzchen für sie finden, an dem Sie niemand findet.“

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Seit zweieinhalb Monaten läuft das öffentliche Leben in der russischen Hauptstadt nun wieder fast so weiter, als sei die Pandemie eine Randerscheinung. Selbst die Abstandsregeln und die Maskenpflicht werden trotz des besorgniserregenden Infektionsgeschehens nur sehr leger gehandhabt. In der Metro sind an allen Ticketschaltern inzwischen zwar Masken erhältlich, und in Durchsagen und auf Schildern wird überall darauf hingewiesen, dass es die Verpflichtung gebe, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Doch überprüft und sanktioniert werden Verstöße kaum – mit entsprechenden Folgen: Gefühlt trägt nur die Hälfte der Passagierinnen und Passagiere überhaupt eine Maske, und diejenigen, die es tun, ziehen sie oft genug hinunter zum Kinn.

Corona-Impfkampagne in Russland: Skepsis im internationalen Vergleich sehr hoch

Härter versuchte zuletzt das Moskauer Amt für Handel und Dienstleistungen bei Einkaufszentren durchzugreifen. Sieben Shopping-Malls seien nach Überprüfungen verwarnt worden, teilte Behördenleiter Aleksej Nemerjuk über die staatliche Nachrichtenagentur Tass mit und erinnerte daran, dass bei Verstößen gegen die Maskenpflicht Strafen von bis zu einer Million Rubel (11.860 Euro) fällig würden, oder sogar Schließungen bis zu 90 Tagen angeordnet werden könnten.

Die Lage wird nicht dadurch besser, dass die Impfskepsis in der russischen Bevölkerung nach wie vor sehr hoch ist. Erst 33,3 Prozent der Russinnen und Russen haben mindestens eine Dosis eines Vakzins erhalten, 29,2 Prozent sind vollständig immunisiert.

Diese im internationalen Vergleich ausgesprochen niedrigen Zahlen (Deutschland, vollständig geimpft: 64,7 Prozent, Portugal: 85,2 Prozent) bringen ein Misstrauen zum Ausdruck, das in Russland der eigenen Pharmaindustrie gegenüber weit verbreitet ist: „In der Bevölkerung trauen viele den heimischen Impfstoffen wie Sputnik V oder EpiVacCorona nicht“, sagte der Virologe Wassilij Wlassow schon im Frühjahr dem RedaktionsNetzwerk (RND) Deutschland. „Denn in den sozialen Netzwerken kursieren Gerüchte über schädliche Nebenwirkungen.“ Da Russland im Gegensatz zu Westeuropa oder den USA kaum offizielle Angaben zu wissenschaftlich nachweisbaren Nebenwirkungen veröffentliche, werde solchen Parolen oftmals geglaubt.

Vermutlich liegt mit Sputnik V ein wirkungsvoller und sicherer Impfstoff vor

Ob das Misstrauen gegen russische Impfstoffe tatsächlich berechtigt ist, ist zumindest beim Marktführer Sputnik V fraglich. Einerseits verweigert die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) dem Vakzin aus Mangel an Daten schon seit Monaten die Zulassung und die WHO setzte kürzlich den Zulassungsprozess des Impfstoffs aus, nachdem bei der Inspektion einer Produktionsstätte in der Millionenstadt Ufa Hygienemängel festgestellt worden waren, die zu Verunreinigungen des Serums geführt haben könnten. Andererseits ist Sputnik inzwischen in weltweit mehr als 70 Ländern zugelassen, von denen einige eigene Studien zum Vakzin erstellten, die ihm eine hohe Wirksamkeit zubilligen.

Die renommierte Wissenschaftszeitschrift „Nature“ legte im Juli in einem Artikel außerdem dar, dass mögliche Nebenwirkungen bei Sputnik sogar etwas weniger bedrohlich sein könnten als bei den vergleichbaren westlichen Vektorimpfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson.

Nachdem solche Qualitätsnachweise vorliegen, stellt sich umso dringender die Frage, warum die russische Virenforschung die Daten ihrer Testergebnisse etwa gegenüber der EMA unter Verschluss hält und nicht viel stärker eigene Studien zu Nebenwirkungen veröffentlicht, die wissenschaftlich überprüfbar sind. Nach allem, was bisher bekannt ist, wäre Sputnik dann vermutlich ein Impfstoff, dem mehr Menschen auf der Welt vertrauen würden – und wohl auch in Russland selbst.

* Den Namen des Restaurants haben wir geändert, damit der Betreiber keine Repressalien des Staats wegen dieses Texts fürchten muss.

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