Immer mehr Pandemietote: Russland steht ein harter Corona-Winter bevor

  • Die tägliche Zahl der Corona-Toten in Russland lag am vergangenen Wochenende erstmals über der Marke von 1000.
  • Der Wert hat sich seither weiter erhöht – trotzdem scheint die Pandemie bislang nur eine Randnotiz im öffentlichen Leben zu sein.
  • Doch nun kündigen sich einschneidende Schutzmaßnahmen an.
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Es ist ganz offensichtlich eine Entscheidung, die ihm schwerfällt: Seit Wochen schon trägt sich Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin mit dem Gedanken, die Schutzmaßnahmen in seiner Stadt gegen Corona deutlich zu verschärfen. Aber er tut es nicht.

Erstmals über 1000 Corona-Tote an einem Tag

Er lässt die Dinge weitertreiben, wie schon seit Monaten, in denen die Pandemie im öffentlichen Leben Moskaus nur eine Randnotiz zu sein scheint: Alle Läden, Gaststätten und Einkaufszentren sind regulär geöffnet. An den Kassen drängeln sich die Kunden, und im Nahverkehr sind U-Bahnen und Busse oft überfüllt.

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Die Abstandsregeln werden so gut wie nicht eingehalten und die Maskenpflicht nur sehr lässig gehandhabt, obwohl das Infektionsgeschehen in Russland immer bedrohlichere Züge annimmt: Am gestrigen Montag erreichte die Zahl der Neuinfektionen mit 34.303 Fällen einen neuen Rekord, und am heutigen Dienstag wurden 1015 Covid-Tote gezählt – so viele wie nie zuvor. Am vergangenen Samstag hatte die Opferzahl erstmals über 1000 gelegen, nachdem sie über drei Wochen hinweg fast täglich gestiegen war.

Epidemiologe: Verantwortliche vertrauen Saunafreunden

Experten kritisieren deswegen die Regierungsbehörden und den Verbraucherschutz, die für Empfehlungen zur Eindämmung des Infektions­geschehens zuständig sind. Sie würden keine angemessenen Instruktionen erteilen, ärgert sich etwa der Epidemiologe Wassilij Wlassow von der Wirtschafts­hochschule Moskau: „Ich weiß nicht so genau, wie es in Deutschland ist“, sagte er dem RND, „aber in Russland vertrauen Verantwortliche oft eher der Meinung ihrer Saunafreunde als der Wissenschaft.“

Es ist allerdings anzunehmen, dass zumindest dem Moskauer Bürgermeister der Ernst der Lage durchaus bewusst ist. Schon seit einiger Zeit kursieren Gerüchte, dass das Rathaus erwäge, Gaststätten nur noch die Bewirtung von Gästen zu gestatten, die per QR-Code einen aktuellen PCR-Test nachweisen können, oder geimpft oder genesen zu sein. Doch die Auflage kommt und kommt nicht.

Sergej Mironow, Gründer der Restaurantkette „Mjaso&Riba“ („Fleisch&Fisch“) glaubt auch zu wissen warum: „Die Stadt wird bis zum letzten Moment versuchen, Beschränkungen zu vermeiden“, sagte er Ende September dem unabhängigen Nachrichtenportal „Meduza“, „da das Gaststättengewerbe bereits am Rande des Ruins steht und bei Schließungen stark subventioniert werden müsste.“

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Russland meldet mit 1015 Corona-Toten neuen Höchstwert
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In Russland steigen die Corona-Infektionen deutlich an. Seit Tagen melden die Behörden mehr als 30.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden.  © Reuters

Problem: große Impfskepsis

Die schwierige Lage der Gastronomie ist ein Resultat des sehr strengen Lockdowns, der in Moskau zu Beginn der Pandemie vom Frühjahr bis zum Frühsommer 2020 verhängt wurde und der vorübergehenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens, unter anderem durch eine QR-Code-Pflicht für Gaststätten im Juli 2021, als die Delta-Variante des Coronavirus rasant um sich griff.

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Das Moskauer Rathaus steht so vor dem Dilemma, entweder immer noch mehr Corona-Tote in Kauf zu nehmen, oder durch Lockdownmaßnahmen wirtschaftliche Existenzen zu zerstören. Das erklärt wohl die bisherige Zögerlichkeit, einschneidendere Schutzmaßnahmen zu verfügen.

Ein Ausweg bestünde natürlich darin, die große Impfskepsis in der Bevölkerung zu überwinden: Nur 32,8 Prozent der Russinnen und Russen sind vollständig geimpft. Im internationalen Vergleich rangiert Russland mit dieser Quote auf den hinteren Rängen. In Deutschland liegt der Vergleichswert etwa bei 65,7 und in Spanien bei 78,3 Prozent.

Eine Wohnung für eine Impfung

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Sobjanin wird daher nicht müde, immer neue Anreize für die Immunisierung zu setzen: Verloste er in diesem Sommer Autos unter jenen, die sich impfen ließen, so wurde der Stimulus nun noch einmal erhöht: Zwischen dem 18. Oktober und dem 19. November würden jede Woche zwei Ein-Zimmer-Wohnungen in Moskau unter den Bürgern der Stadt verlost, die sich entweder zum ersten oder zum zweiten Mal impfen ließen, kündigte der Bürgermeister bei TV Centr an, dem Haussender der Stadtverwaltung. Dabei betonte er, dass es bei der Impfung nicht um eine Wohnung gehen sollte, sondern „die eigene Gesundheit und das eigene Leben“. Denn: „Covid-19 ist keine Pandemie für einen Tag, wir werden lange Zeit mit ihr leben müssen.“ Doch auch solche Verlockungen dürften die Impfbereitschaft in der Bevölkerung kaum entscheidend erhöhen. Zu tief sitzt das Misstrauen gegenüber der eigenen Pharmaindustrie, die viele Jahre lang unter mangelhafter Aufsicht stand – mit dem Effekt, dass die Wirksamkeit vieler Präparate tatsächlich nicht sichergestellt war.

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Impfpflicht in den USA löst heftige Debatte aus
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US-Präsident Joe Biden hatte Boeing und andere Auftragnehmer von US-Behörden verpflichtet, ihre Mitarbeiter impfen zu lassen.  © Reuters

Dabei dürfte der marktführende russische Impfstoff Sputnik V tatsächlich effektiv sein und auch die Risiken seiner möglichen Nebenwirkungen sind offenbar überschaubar. Das zumindest bescheinigen Studien, die in einigen der mehr als weltweit 70 Länder erstellt wurden, in denen das Vakzin inzwischen zugelassen ist.

Entscheidung nach Kennzahlen

In dieser Situation hat sich die Moskauer Stadtverwaltung nun offenbar dazu durchgerungen, die Verschärfung der Schutzmaßnahmen von Kennzahlen abhängig zu machen: Wie die russische RBK-Mediengruppe unter Berufung auf Insider berichtete, sei geplant, die QR-Code-Pflicht für Restaurant­besuche bei täglich 6000 bis 9000 Neuinfektionen bezogen auf Moskau zu verhängen. Die untere Schwelle dieser Bandbreite wurde am heutigen Dienstag mit 6080 Fällen überschritten, nachdem am Vortag nach nahezu täglichen Steigerungen seit Anfang September noch 5820 Neuerkrankungen gemeldet worden waren.

Den Moskauerinnen und Moskauern steht wohl ein ungemütlicher Winter mit erneuten Beschränkungen ihrer Freiheitsrechte bevor. In Sankt Petersburg sind die Behörden schon einen Schritt weiter. Am Dienstag kündigten sie eine QR-Code-Pflicht an, die für Ungeimpfte und Nichtgenesene von Mitte November an einen De-facto-Lockdown bedeutet. Zahlreiche weitere Regionen Russlands, etwa der Oblast Kaliningrad, Samara oder Tschljabinsk, gaben bekannt, dass ähnliche Maßnahmen angeordnet worden seien.

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