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Vertrauen in russischen Impfstoff: Ostdeutsche setzen eher auf Sputnik V als Westdeutsche

  • Im Kampf gegen das Coronavirus war Russland das erste Land, das bereits im Sommer 2020 einen Impfstoff entwickelt hatte.
  • Inzwischen ist die Wirksamkeit bestätigt und das Vakzin in mehr als 50 Ländern zugelassen. Doch es gibt Vorbehalte gegenüber Sputnik V – große in den alten Bundesländern, weniger große in den neuen.
  • Russland-Expertin Silke Satjukow: „Viele Ostdeutsche empfinden, dass Sputnik V aus ihrer Welt kommt.“
Katrin Schreiter
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Leipzig. Sputnik V für Victory – die Anspielung auf den ersten sowjetischen Satelliten im All und die schnelle Zulassung verstärken bei vielen Kritikern den Eindruck, es gehe Russland nicht nur um Medizin, sondern auch um Politik. Ein Impfstoff im weltweiten Machtkampf? Oder eine Vertrauensfrage?

EMA prüft EU-weite Zulassung

Noch kommt der russische Impfstoff nicht in Deutschland zum Einsatz. Die Europäische Arzneimittel­behörde (EMA) hat am 4. März mit der Prüfung für eine EU-weite Zulassung von Sputnik V begonnen. Als Reaktion darauf hat Russland die Belieferung der EU mit 50 Millionen Impfdosen ab Juni in Aussicht gestellt.

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Nach Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer fordern mittlerweile auch die Regierungschefs aus Bayern und Thüringen, im Kampf gegen die Corona-Pandemie den russischen Impfstoff Sputnik V einzusetzen. Es müsse „so schnell wie möglich über die Zulassung von Sputnik V entschieden werden“, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der „Passauer Neuen Presse“.

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Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) beklagte in einem Interview mit der „Welt“ die Vorbehalte in Westdeutschland gegen den russischen Corona-Impfstoff. Er registriere „westdeutsche ideologische Befindlichkeiten in dieser Frage, die ich albern finde“. Sputnik V müsse wie alle anderen Impfstoffe auch geprüft werden, sagte Ramelow. „Den Rahmenvertrag aber hätte man längst abschließen können.“

Durch schnelle Zulassung in der Kritik

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Doch Kritiker weisen auf die schnelle Zulassung hin. Das verstärke den Eindruck, dass Russland unbedingt den weltweiten Wettlauf um den ersten Corona-Impfstoff gewinnen wolle und dass es hier nicht nur um Medizin, sondern auch um Politik gehe, so die Argumentation.

Hendrik Streeck, Leiter der Virologie am Universitäts­klinikum Bonn, hinterfragt zum Beispiel die korrekte Durchführung der Phase III bei den klinischen Studien. In einem aktuellen Podcast kritisiert er außerdem, dass eine „Placebokontrolle in Russland nicht so in der richtigen Weise durchgeführt“ worden sei. Auch fehle es an der nötigen Transparenz.

Hintergrund: Russische Impfstoff­forscher hatten bereits im Herbst 2020 das am Nationalen Gamaleya-Forschungs­zentrum entwickelte Vakzin vorgestellt und eine Notfall­zulassung erteilt, obwohl damals die Phase‑III-Studie gerade erst begonnen hatte. Allerdings hat es bisher für nicht russische Wissenschaftler keinen Zugang zu den Rohdaten der Impfstoff­entwicklung gegeben.

„Schutzniveau liegt bei 91,6 Prozent“

Der Impfstoffentwickler Dr. Torben Schiffner von der Universitätsklinik Leipzig kann eventuelle Vorbehalte gegen den russischen Impfstoff nicht nachvollziehen. In einem Interview mit dem MDR sagte der Virologe zu dem russischen Impfstoff: „Ich halte ihn für ähnlich sicher wie die anderen zugelassenen Impfstoffe gegen Covid-19.“ Schiffner beruft sich dabei auf eine Studie, die im Februar im renommierten Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde. „Die Ergebnisse sind vielversprechend, das Schutzniveau liegt bei 91,6 Prozent. Die Daten sind aussagekräftig, denn die Studie umfasste mehr als 20.000 Probanden.“

Auch SPD-Gesundheits­experte Karl Lauterbach sieht den russischen Impfstoff als wichtigen Baustein im Kampf gegen das Corona-Virus: „Die Studie zum Sputnik-Impfstoff ist überzeugend und aus meiner Sicht eine ausreichende Grundlage dafür, dass die EMA die Zulassung in Europa prüfen sollte. Der Impfstoff wäre eine wichtige Ergänzung und das Impfprinzip ist eher schlüssig“, twitterte der Mediziner schon vor einigen Wochen.

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Geteilte Antwort in Deutschland

Die Deutschen sind beim Thema Sputnik gespaltener Meinung: Das zeigt eine Umfrage von Civey im Auftrag des „Tagesspiegels“, für die 2501 Deutsche befragt wurden. Danach würden sich rund 51 Prozent mit dem russischen Vakzin impfen lassen – vorausgesetzt, es hat eine EU-Zulassung. Während etwa 59 Prozent aus den neuen Bundesländern eine Impfung akzeptieren würden, sind es im Westen bloß 49 Prozent. Auch die generelle Ablehnung gegenüber dem russischen Impfstoff ist mit 41 Prozent in den alten Bundesländern deutlich größer als in den neuen mit 27 Prozent.

Das Meinungsbarometer „MDR fragt“ bestätigt diese Ergebnisse: Bei einer aktuellen Umfrage im Sendegebiet gaben 75 Prozent von 25.000 Befragten an, dass sie sich sofort mit Sputnik V impfen lassen würden. Ein häufig zitiertes Argument lautet, man habe schon in DDR-Zeiten mit sowjetischem Impfstoff gute Erfahrungen gemacht, zum Beispiel Polio früher ausrotten können als die Bundesrepublik.

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Anderes Verhältnis zu Russland

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Ist es diese Erinnerung der Älteren? Oder liegt es an einer Art Schicksals­gemeinschaft der Ostdeutschen mit den Menschen der ehemaligen Sowjetunion, die mit dem Zerfall des Landes ebenfalls ein Stück alter Heimat verloren haben?

Silke Satjukow ist Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität in Halle-Wittenberg. „Ostdeutsche haben durch ihre Erfahrungen nach dem Krieg ein anderes Verständnis für Russland als die Westdeutschen“, sagt die ausgewiesene Russland-Kennerin.

„Die Ostdeutschen waren mit dem ‚großen Bruder‘ von der Kinderkrippe bis zur Volks­solidarität verbunden“, erklärt Satjukow. „Die russische Kultur hat eine große Rolle gespielt: Die Kinder haben in den Schulen die russische Sprache gelernt, es wurden russische Lieder gesungen, russische Gerichte gekocht …“ Und obwohl die Sowjets nach dem Krieg stets als Besatzer aufgetreten seien, habe es auch vielerorts freundschaftliche Kontakte gegeben.

Eigener Standpunkt kultiviert

Das Verhältnis kühlte sich nach der Wende ab, viele Ostdeutsche machten die Russen für ihre Not zu Beginn der 1990er-Jahre verantwortlich. Doch gleichzeitig „fehlte eine Anerkennung der eigenen Biografie in der neuen Gesellschaft“, sagt Satjukow. Aus dieser Enttäuschung hätten die Ostdeutschen einen eigenen Standpunkt zu Russland vertreten wollen. Keinen, der ihnen von dem Westen aufgezwungen worden sei.

„Daraus folgt nicht unbedingt eine Russland-Freundlichkeit der Ostdeutschen, aber eine Russland-Vertrautheit“, sagt Satjukow und konkretisiert: Diese Russland-Vertrautheit sei keineswegs unkritisch. „Viele lehnen die Krim-Annexion genauso ab wie Westdeutsche. Aber in Ostdeutschland gibt es den Reflex, das russische Handeln verstehen zu wollen, anstatt vorschnell zu urteilen.“

Diese Vertrautheit, „die auch an die nächsten Generationen weitergegeben wurde“, sei geblieben und habe jetzt in der Krise verstärkt Gewicht bekommen: „Viele Ostdeutsche empfinden deshalb, dass Sputnik V aus ihrer Welt kommt. Wie übrigens auch die Impfstoffe, mit denen die Älteren zu DDR-Zeiten früher gute Erfahrungen gemacht haben.“

Zwei Adenoviren gegen Immunresistenz

Sputnik V basiert auf derselben Wirkungsweise wie Astrazeneca. Laut „Ärztezeitung.de“ gehen sogar einige Wissenschaftler davon aus, das Sputnik V besser wirke als manches Vakzin, das bereits im Einsatz ist. Denn Sputnik V setzt auf zwei verschiedene Adenoviren, Typ 26 und Typ 5 für die erste und die 21 Tage später folgende zweite Impfung. Diese Virenkombination gilt als wirksame Methode, eine Immunresistenz zu verhindern.

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