Infektionen mit RS-Virus: Wie gefährlich ist der Erreger?

  • Durch die Corona-Hygieneregeln fehlt dem Immunsystem derzeit die Auseinandersetzung mit anderen Krankheitserregern.
  • Das gilt auch für Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV).
  • Der Erreger ist besonders für Babys und Kleinkinder gefährlich.
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Die Maßnahmen gegen das Coronavirus haben auch eine Ansteckung mit vielen anderen Erregern verhindert, allerdings nur vorübergehend. Einige Krankheiten werden umso stärker zurückkehren, wenn die Maßnahmen allmählich aufgehoben werden. Das gilt nicht nur für die Grippe, sondern auch für Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV).

Das RS-Virus ist besonders für Kinder gefährlich. Der Erreger gehört zu den häufigsten Auslösern von akuten Atemwegsinfektionen bei Säuglingen und Kleinkindern. In den meisten Fällen heilt eine Erkrankung wieder aus, es sind aber auch schwere Verläufe und Todesfälle möglich.

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Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) ist normalerweise im ersten Lebensjahr mit etwa 5,6 schweren Verläufen pro 1000 Kinder zu rechnen. Bei 0,2 Prozent der Kinder, die deshalb im Krankenhaus behandelt werden müssen, verläuft die Erkrankung tödlich, bei Kindern mit besonderen Risikofaktoren in bis zu 5 Prozent der Fälle. Mehr als 50.000 Kinder weltweit sterben jedes Jahr an den Folgen einer RSV-Infektion. Auch Erwachsene können in einigen Fällen schwer erkranken, vor allem dann, wenn sie immungeschwächt sind oder bereits an einer chronischen Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankung leiden.

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Infektionsgeschehen hat sich verändert

Die Ansteckung erfolgt vor allem durch Tröpfcheninfektionen beim Kontakt mit einer infizierten Person oder durch kontaminierte Gegenstände und Oberflächen. Das Virus vermehrt sich in den Schleimhäuten der Atemwege, was bei älteren Kindern oder Erwachsenen meist nur erkältungsähnliche Symptome verursacht. Bei Babys, deren Atemwege noch nicht richtig ausgebildet sind, drohen öfter schwere Verläufen. Es kann zur einer Entzündung der Bronchen und ihrer Verästelungen kommen oder zu einer Lungenentzündung. Eiweiße aus der Virushülle können zudem die Zellen des Lungengewebes verschmelzen. Dadurch entstehen Riesenzellen mit mehreren Zellkernen, die man Synzytien nennt – woraus sich der Name des Virus ableitet.

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RSV-Infektionen treten gehäuft in der kälteren Jahreszeit auf. Kinder kommen eigentlich von Herbst bis Frühjahr regelmäßig in Kontakt mit dem Virus. Bis zum Ende des zweiten Lebensjahres haben die meisten von ihnen laut RKI eine Infektion mit dem Erreger durchgemacht. Doch durch Corona-Maßnahmen wie das Tragen von Masken und Hygieneregeln, Kita- und Schulschließungen und Kontaktsperren hat sich das Infektionsgeschehen bereits in vielen Ländern verändert.

Immunsystem fehlt Auseinandersetzung mit Krankheitserregern

Ansteckungen mit dem RSV werden durch strenge Corona-Beschränkungen zwar zunächst unterdrückt. Mit dem allmählichen Aufheben der Maßnahmen kehrt es dann aber umso heftiger zurück, sodass große Infektionswellen außerhalb der Saison auftreten können. Beobachtet wurde das unter anderem schon in Israel, Australien, Neuseeland, den USA und in den Niederlanden: Dort mussten Ende Juli diesen Jahres so viele Kinder gleichzeitig wegen RSV-Infektionen behandelt werden, dass Krankenhäuser überlastet waren. Wie die NL-Times berichtet, mussten junge Patienten und Patientinnen deshalb bereits in andere Kliniken verlegt werden, Operationen in Kinderkrankenhäusern wurden aufgeschoben. In der Schweiz wird ebenfalls von überfüllten Stationen in Kinderkliniken berichtet.

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Experten und Expertinnen erklären die neuen Infektionswellen damit, dass dem Immunsystem der Kinder seit Beginn der Corona-Maßnahmen die Auseinandersetzung mit Krankheitserregern in der Umgebung fehlt. Ihr Organismus ist auf Infektionen nicht mehr vorbereitet und kommt deshalb schlechter damit zurecht. Eine wichtige Rolle spielt beim RS-Virus außerdem ein Immunschutz, der durch die Mutter vermittelt wird. Schwangere können in den letzten Wochen vor der Geburt Antikörper auf ihr Kind übertragen, das dann für einige Wochen vor einem schweren Verlauf geschützt ist. Gefährdet sind daher insbesondere Frühgeborene, denen dieser Immunschutz fehlt. Nun haben aber selbst viele Kinder, die zum normalen Zeitpunkt und mit einem guten Immunschutz geboren wurden, nicht davon profitieren können. Weil lange kaum RS-Viren zirkulierten, kommen sie nun erst dann mit dem Erreger in Kontakt, wenn der Immunschutz bereits nachgelassen hat und haben dann ein höheres Risiko für schwere Verläufe.

Für die Sommerzeit untypischer Anstieg beobachtet

Eine Situation wie in den Niederlanden ist in Deutschland bisher noch nicht eingetreten. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) hat aber schon Ende Juli einen „für die Sommer-Jahreszeit untypischen“ Anstieg an Krankenhausaufnahmen von Kindern mit RSV bedingten Atemwegsinfektionen beobachtet. Das Robert-Koch-Institut hat bereits davor gewarnt, dass auch hierzulande ein „Nachholeffekt“ bei den Infektionen droht. In der Veröffentlichung „Vorbereitung auf den Herbst/Winter 2020/2022“ heißt es, wegen der „reduzierten Grundimmunität“ sei ein paralleler Anstieg von Grippe, Sars-CoV-2 und RSV zu erwarten. In der gleichen Veröffentlichung wird das Beibehalten der „AHA+A+L“-Regeln gefordert (Abstand, Hygiene, Alltag mit Maske, Corona-Warn App, Lüften).

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Das weitere Aufrechterhalten strenger Hygienemaßnahmen würde die Problematik der RSV-Infektionen allerdings nicht dauerhaft lösen, sondern nur weiter aufschieben und eventuell verschlimmern – in der nächsten Saison wären dann noch weniger Kinder geschützt. Wird der natürliche Immunschutz durch Isolierung immer weiter verhindert, droht vielmehr ein Teufelskreis: Sobald die Maßnahmen aufgehoben werden, fallen Erkrankungswellen umso heftiger aus.

Eine Impfung gegen das RS-Virus gibt es nicht. Für Kinder, die besonders früh geboren wurden oder Frühgeborene mit weiteren Risikofaktoren empfehlen Leitlinien eine vorbeugende Behandlung mit monoklonalen Antikörpern. Diese soll den Immunschutz verbessern.

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