Weniger Grippe- und Masernfälle: Corona-Regeln stoppen auch andere Erreger

  • Die Zahl der Fälle bei meldepflichtigen Infektionskrankheiten wie Masern, Darminfekten und Atemwegserkrankungen ist 2020 um 35 Prozent gesunken.
  • Eine Analyse des Robert-Koch-Instituts vermutet einen Zusammenhang mit dem veränderten Verhalten der Menschen in der Pandemie.
  • Allerdings gibt es eine Ausnahme: 2020 gab es deutlich mehr FSME-Infektionen – die von Zecken übertragen werden.
|
Anzeige
Anzeige

Maske tragen, Abstand halten, kaum Kontakte zu anderen: All die Anstrengungen und Regeln zur Eindämmung von Sars-CoV-2-Ansteckungen stoppen seit Pandemiebeginn vermutlich auch die Verbreitung anderer Erreger. Das aktuelle Beispiel: Die Grippewelle ist bislang ausgeblieben. Das berichtete Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), bei einer Pressekonferenz an diesem Freitag.

Normalerweise würden Anfang Februar mehrere Tausend bis zehntausend Grippefälle übermittelt, Tausende Menschen müssten im Krankenhaus behandelt werden. „Im Moment beobachten wir nur 20 bis 30 Grippefälle pro Woche, in dieser Saison gab es bislang 150 schwere Fälle im Krankenhaus“, sagte der RKI-Chef. Ähnlich sei es bei den Erkältungen: Anfang Februar 2020 wurden pro Woche rund 5,6 Millionen akute Atemwegserkrankungen in Deutschland registriert. Anfang Februar 2021 seien es nur rund 900.000 Fälle. Das sei in dieser Pandemie „ein echter Pluspunkt“, so Wieler, weil weniger Erkrankte die Krankenhäuser und Arztpraxen in der Pandemie entlasteten.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.
Anzeige

Meldepflichtige Infektionskrankheiten außer Covid-19: 35 Prozent weniger Fälle

Dass es bei in Deutschland verbreiteten Infektionskrankheiten einen „drastischen Rückgang“ der übermittelten Fälle gibt, zeigt auch eine zu Wielers Aussagen passende und am Freitag veröffentlichte RKI-Analyse, die im epidemiologischen Bulletin erschienen ist. Sie analysiert übermittelte Fälle von 32 meldepflichtigen Infektionskrankheiten zwischen Januar 2016 und August 2020. Darunter fallen beispielsweise Masern, Keuchhusten, Darmerkrankungen und Influenza.

Anzeige

Im Vergleich zu den Vorjahren sei in Bezug auf die Fallzahlen zu allen meldepflichtigen Infektionskrankheiten ein Rückgang von insgesamt 35 Prozent zu verzeichnen. In den jüngeren (unter 14-Jährige) und älteren Altersgruppen (über 80-Jährige) mache sich der Rückgang besonders bemerkbar. Ein kausaler Zusammenhang zwischen dem veränderten Verhalten der Bevölkerung und dem Rückgang könne durch die Analyse zwar nicht festgestellt werden. Es könne aber davon ausgegangen werden, dass sie zur Reduktion der Transmissionen beitragen, heißt es im Bericht.

Weniger Keuchhusten, Masern, Darminfekte

Anzeige

Den stärksten Rückgang beobachtet das RKI bei respiratorisch übertragbaren Krankheiten. Es gab im Vergleich zu den Vorjahren 85,5 Prozent weniger Masernansteckungen, gefolgt von Keuchhusten mit 63,7 Prozent und invasiven Haemopilus-influenzae-Infektionen mit 61,3 Prozent weniger Fällen. Auch bei Magen-Darm-Infekten gibt es einen signifikanten Rückgang verglichen mit den Vorjahren. Rotavirus-Gastroenteritis und Shigellose zeigten Veränderungen von 83,3 Prozent beziehungsweise 82,9 Prozent. Für Norovirus-Gastroenteritis wurden 78,7 Prozent weniger Fälle übermittelt.

Für sexuell und durch Blut übertragbare Infektionen wie HIV konnte ebenfalls ein Rückgang um 22,1 Prozent beobachtet werden. Hepatitis B und Hepatitis C zeigten Veränderungen von 28,3 Prozent beziehungsweise 27,7 Prozent. Für Denguefieber und Malaria wurden 75,1 beziehungsweise 73 Prozent weniger Fälle übermittelt.

Die Ausnahme: von Zecken übertragbare FSME-Infektionen

Es gibt jedoch eine Ausnahme. Für die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) wurde eine starke Zunahme der übermittelten Fälle festgestellt – um 57,7 Prozent. Die Krankheit wird durch ein Virus verursacht, das durch Zecken auf den Menschen übertragen wird. Für den Anstieg gebe es „vielschichtige Ursachen“, heißt es im RKI-Bericht. Das Übertragungsrisiko sei stark von der jährlichen Zeckenpopulation abhängig. Parasitologen vermuten, dass 2020 besonders viele Zecken aktiv waren.

Anzeige

Eine weitere Ursache für den Anstieg könnte die vermehrte Anzahl der Zecken im Erwachsenenstadium sein. Je älter eine Zecke wird, umso mehr Viren trägt sie im Körper und umso höher wird auch die Viruslast durch FSME. „Trotzdem könnten auch durch die Maßnahmen getriebene vermehrte Outdooraktivitäten der Bevölkerung zum Anstieg der FSME-Fälle beigetragen haben“, vermuten die Autoren der Analyse.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen