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RKI-Chef Wieler hält Brandrede: die wichtigsten Aussagen erklärt

  • RKI-Chef Lothar Wieler hat mit deutlichen Worten die aktuelle Corona-Situation dargestellt.
  • Bei einer Online-Diskussion mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) schilderte er die Situation auf den Intensivstationen und welche Folgen eine unzureichende Impfquote habe.
  • Die wichtigsten Aussagen des RKI-Präsidenten im Überblick.
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„Wir laufen momentan in eine ernste Notlage. Wir werden wirklich ein sehr schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern.“ Lothar Wieler hat in einer Brandrede geschildert, wie alarmierend die Corona-Lage in Deutschland ist – und wie groß sein Frust über die Politik. Am Mittwochabend bei einer Online-Diskussion mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) wurde Wieler dabei ungewöhnlich deutlich. Die wichtigsten Aussagen des RKI-Präsidenten erklärt.

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Von mehr als 50.000 Infizierten pro Tag sterben in den nächsten Wochen 400. „Daran gibt es nichts mehr zu ändern.“

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Wieler gibt in seinem Vortrag eine aktuelle „case fatality rate“ von 0,8 Prozent an. Das heißt, von den Menschen, die sich aktuell mit Sars-CoV-2 infizieren, sterben statistisch gesehen 0,8 Prozent – auch bei bester medizinischer Versorgung. Das sind bei 50.000 Infizierten, wie sie aktuell nicht unüblich sind, 400 Menschen. Dass die Todeszahlen erst einmal weiter steigen werden, lässt sich daher nicht mehr ändern, auch wenn morgen die Infektionszahlen wieder sinken würden. Maßnahmen können nur verhindern, dass sich dieser Trend fortsetzt.

„Die Untererfassung der wahren Zahlen verstärkt sich.“ Hinter den mehr als 50.000 Infektionen, die derzeit pro Tag neu registriert würden, „verbergen sich mindestens noch einmal doppelt oder dreimal so viele“.

Je höher die Zahl der Neuinfektionen ist, desto höher ist auch die Zahl der Infektionen, die nicht erkannt werden. Einige Forschende gehen davon aus, dass die Dunkelziffer also in etwa so groß ist wie die Zahl bekannter Fälle. Jan Fuhrmann vom Institut für Angewandte Mathematik der Universität Heidelberg geht bei seinen Berechnungen davon aus, dass bei Geimpften ein geringerer Teil der Infektionen erkannt wird als bei Ungeimpften. „Das liegt daran, dass Geimpfte erstens nur selten einen negativen Test brauchen, zweitens häufiger einen nahezu asymptomatischen Krankheitsverlauf haben und drittens oft der Fehleinschätzung unterliegen, sie könnten sich dank der Impfung gar nicht mehr infizieren“, erklärte der Experte für mathematische Epidemiologie.

Eine hohe Dunkelziffer bedeutet, dass die Kontaktverfolgung einen immer kleineren Beitrag zur Kontrolle der Epidemie leisten kann.

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Eingeführt werden soll die 3G-Regelung am Arbeitsplatz und im ÖPNV. Schul- und Geschäftsschließungen sollen nicht mehr möglich sein.  © dpa

„Die Versorgung ist bereits in allen Bundesländern nicht mehr der Regel entsprechend.“

Im Vergleich zu vergangenem Jahr stehen weniger Betten auf den Intensivstationen zu Verfügung. Bis zu 30 Prozent der deutschen Intensivbetten könnten nicht betrieben werden, weil das Personal fehle. „Das ist einfach das Nadelöhr Personal, insbesondere Pflegepersonal“, sagte Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf am Mittwoch auf einer Veranstaltung des Science Media Centers. Ein zusätzliches Problem ist: Covid-Patienten liegen in der Regel länger auf den Intensivstationen.

Das alles führe dazu, dass die Versorgung – egal in welcher Region Deutschlands – derzeit nicht so gesichert sei, „wie wir das kennen“, sagte Wieler. So müsse für Menschen mit Schlaganfall und andere Schwerkranke mancherorts bis zu zwei Stunden nach einem freien Intensivbett gesucht werden, OPs würden verschoben.

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„Sie sehen, die Prognosen sind superdüster. Sie sind richtig düster.“

Ein Prognosemodell, das das RKI entwickelt hat, zeigt: Die Zahl der intensivpflichtigen Covid-Patienten und -Patientinnen wird in der nächsten Zeit in ganz Deutschland zunehmen. Es sei für die nächsten zehn Tage „sehr belastbar“, sagte Wieler. Alle Kurven gehen dabei nach oben, egal welchen Teil Deutschlands man betrachtet.

„Wir dürfen denen, die sich nicht impfen lassen, wirklich nicht die Chance geben, die Impfung zu umgehen, zum Beispiel, indem sie sich freitesten lassen.“

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Wielers Hauptanliegen ist: Die Impfquote muss gesteigert werden. Wie, das sei eine Diskussion wert. Doch Wieler findet: Man sollte mehr Rücksicht auf die Vernünftigen nehmen. Man könne den Nichtgeimpften nicht immer die Möglichkeit geben, durch Tests genauso zu leben wie Geimpfte.

Wer sich nicht impfen lässt, das sagen Experten und Expertinnen immer wieder, wird sich früher oder später infizieren – ohne den Schutz zu haben, den eine Impfung vor einem schweren Verlauf oder dem Tod bieten kann. Je höher das Infektionsgeschehen ist, desto höher ist das Risiko, sich zu infizieren. Infizieren sich sehr viele Menschen gleichzeitig und erkranken schwer, setzt das das Gesundheitssystem unter Druck.

„Jeder Mann und Maus, der impfen kann, soll jetzt gefälligst impfen. Sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff.“

„Ich sag das jetzt mal ganz klar: Es muss jetzt Schluss sein, dass irgendwer irgendwelchen anderen Berufsgruppen aufgrund von irgendwelchen Umständen nicht gestattet, zu impfen. Wir sind in einer Notlage“, sagte Wieler. Er sprach sich daher unter anderem für eine Impfung in Apotheken aus. Neben den Booster-Impfungen sei es vor allem wichtig, die Impflücke zu schließen.

„Clubs und Bars sind Hotspots, aus meiner Sicht müssen die geschlossen werden.“

Wieler warf der Politik schwere Fehler und Versäumnisse vor. „Wir haben zu schnell in zu vielen Bereichen geöffnet“, kritisierte Wieler. Die Gefahr der Aerosolübertragung sei seit 2020 bekannt. Großveranstaltungen müssten abgesagt werden. In der Bevölkerung gebe es viel zu viele Kontakte, dabei wisse man schon aus der ersten Corona-Welle, dass Kontakteinschränkungen wirksam seien.

RND/asu/dpa

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