Intensivmediziner: Remdesivir ist nicht für alle Corona-Patienten geeignet

  • Bis ein Impfstoff bereitsteht, setzen viele Wissenschaftler auf das Medikament Remdesivir.
  • Doch nicht alle Mediziner stehen dem Medikament unkritisch gegenüber.
  • Warum das Medikament nicht für alle Krankheitsverläufe geeignet ist und welche Alternativen es gibt, erklärt Prof. Christian Karagiannidis, Facharzt für innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin.
Talisa Moser
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Vor einer Woche wurde Remdesivir von der EU-Kommission als Medikament gegen Covid-19-Erkrankungen zugelassen. Die Zulassung ist im Schnellverfahren weniger als einen Monat nach dem Antrag erteilt worden. Hersteller und Wissenschaftler setzen große Hoffnungen in das Medikament, denn der Wirkstoff reduziert Studien zufolge die Behandlungsdauer bei den Patientinnen und Patienten.

Remdesivir wirkt nur in der frühen Erkrankungsphase

Remdesivir wurde ursprünglich zur Behandlung von Ebola entwickelt, zeigte aber eine zu geringe Wirkung. Es ist bislang in keinem Land der Welt uneingeschränkt als Medikament zugelassen.

Bislang gibt es keine Impfung gegen das neuartige Coronavirus und auch keine zuverlässige zugelassene medikamentöse Therapie. Deswegen setzen Ärzte bei Patientinnen und Patienten auf Remdesivir, um den Krankheitsverlauf zu mildern. Der Hersteller selbst verspricht eine deutlich schnellere Genesung nach einer Corona-Erkrankung. Remdesivir könnte laut einer neueren Analyse sogar das Sterberisiko bei einem schweren Covid-19-Verlauf deutlich senken.

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Doch nicht alle Mediziner stehen dem Medikament unkritisch gegenüber. So auch Prof. Christian Karagiannidis, Facharzt für innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin am städtischen Krankenhaus Köln-Merheim. Ihm zufolge ist das Medikament nur sinnvoll einzusetzen, wenn die Erkrankung noch nicht zu weit fortgeschritten ist.

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Anhand der aktuellen Studie aus den USA sehe man ziemlich deutlich, dass es wahrscheinlich nichts mehr bringe, die Patienten zu behandeln, wenn sie bereits auf der Intensivstation liegen und beatmet werden. Wenn die Patienten auf die Intensivstation kommen, laufe die Erkrankung im Schnitt schon acht bis zehn Tage. „In dieser Phase spielt das Virus selbst schon keine sehr große Rolle mehr, sondern vielmehr die Prozesse, die im Körper ablaufen, wie eine Überreaktion des Immunsystems. In dieser Phase erreicht man mit einer Therapie gegen das Virus nicht mehr viel.“

Plasmatransfusion oder Kortison als Alternative

Patienten auf der Intensivstation profitieren somit nicht oder nicht ausreichend von der Wirkung von Remdesivir. Aber es gibt auch alternative Behandlungsmethoden, so Karagiannidis. Patienten, die früh ins Krankenhaus kommen und noch wach und ansprechbar sind, Sauerstoff brauchen und ein Risiko haben, bekommen Remdesivir. Patienten, die in der Erkrankungsphase spät ins Krankenhaus kommen, ungefähr acht bis zehn Tage nach Krankheitsausbruch, oder sogar schon auf der Intensivstation beatmet werden müssen, erhalten das Kortison Dexamethason, welches in einer englischen Studie untersucht wurde. Prof. Christian Karagiannidis und seine Kollegen gehen davon aus, dass dieses Medikament die Prognose für schwere Verläufe verbessert.

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Eine weitere Behandlungsmöglichkeit, zu der allerdings noch nicht hinreichend Studien vorliegen, ist die Behandlung mit Blutplasma von Spendern, die eine Covid-19-Erkrankung bereits überstanden haben. Nach einer Erkrankung bilden sich Antikörper im Blut der Spender, welche durch eine Plasmaspende den erkrankten Patienten transfundiert werden. Dadurch erhalten die erkrankten Patienten ebenfalls Antikörper. Laut Karagiannidis ist bei dieser Methode die Nebenwirkungsrate sehr gering und sie ist gut verträglich.

Remdesivir ist ungeeignet für dialysepflichtige Patienten

Prof. Christian Karagiannidis ist Teil der Fachgruppe Intensivmedizin, Infektiologie und Notfallmedizin (Covriin) des Robert-Koch-Instituts. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bewertet und kommentiert er komplexe Sachzusammenhänge in der Versorgung von Covid-19-Patienten. Die Gruppe empfiehlt Remdesivir ebenfalls als Mittel für Patienten in frühen Erkrankungsphasen, bei denen die Symptome also gerade erst begonnen haben und die sauerstoffpflichtig sind. Anderen Patienten empfiehlt Covriin das Medikament allerdings nicht.

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Ein weiterer Punkt, den die Fachgruppe betont, ist, dass das Medikament nicht zugelassen ist für Patienten, die dialysepflichtig sind oder die unter einer eingeschränkten Nierenfunktion leiden. Dies ist laut Karagiannidis jedoch bei vielen schwer erkrankten Patienten der Fall.

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