Rekordwerte und ein Katastrophenfall: Corona hat Europa wieder im Griff

  • Deutschland meldet einen Corona-Höchstwert - und ist damit nicht allein.
  • Immer mehr europäische Länder melden Rekorde und erlassen strenge Vorschriften.
  • Portugal ruft gar den Katastrophenfall aus und die WHO pocht auf „kompromisslose" Maßnahmen.
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Europa steht vor einem herausfordernden Winter. Angesichts von Rekordwerten bei den neu erfassten Corona-Infektionen haben viele europäische Länder ihre Maßnahmen gegen die Pandemie verschärft. Der Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Hans Kluge, rief Regierungen am Donnerstag zu „kompromisslosen“ Gegenmaßnahmen auf. Es gehe darum, die Infektionskurve zum Abflachen zu bringen. Die Beschränkungen des öffentlichen Lebens in verschiedenen Staaten Europas seien dafür „absolut notwendig“, warnte er.

In Frankreich sind binnen 24 Stunden erstmals mehr als 30.000 neue Corona-Infektionen registriert worden. Die Gesundheitsbehörde meldete am Donnerstagabend 30.621 neu erfasste Infektionen. Damit gab es einen neuen Spitzenwert innerhalb eines Tages seit Beginn der großflächigen Corona-Testung in Frankreich. Zudem habe es gut 1200 neue Fällen gegeben, die in Krankenhäuser gebracht werden mussten, teilte das Gesundheitsministerium mit.

Die Corona-Lage in Frankreich verschlechtert sich seit Wochen. Die Regierung hatte am Mittwoch die Wiedereinführung des Gesundheitsnotstands von diesem Samstag an angekündigt. In mehreren französischen Städten, darunter in Paris, gelten ab Samstag zudem von 21.00 Uhr abends bis 6.00 Uhr morgens Ausgangssperren. Außerdem sind private Feiern wie etwa Hochzeiten in Festsälen oder anderen öffentlichen Orten landesweit nicht mehr erlaubt. Zur Überwachung der Ausgangssperren in den Metropolen sollen rund 12.000 Polizisten eingesetzt werden.

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Aurélien Rousseau, die für die öffentliche Gesundheitsversorgung in der Region Paris zuständig ist, sagte, fast die Hälfte der intensivmedizinischen Betten würden nun von Corona-Patientinnen und -Patienten belegt, und auch andere Krankenhausbetten füllten sich rasch.

Doch auch in anderen Regionen Europas steigt die Zahl der Neuinfektionen steil. Ab Samstag ist kein Nachbarland Deutschlands mehr ohne Corona-Risikogebiet. Angesichts der sich ausweitenden Pandemie hat Österreich erstmals seine Corona-Ampel für vier Bezirke in drei westlichen Bundesländern auf Rot gestellt. Betroffen seien Wels Stadt inOberösterreich, Hallein in Salzburg sowie Innsbruck Stadt und Innsbruck Land in Tirol, wie die Nachrichtenagentur APA am Donnerstagabend nach einem Treffen der zuständigen Expertenkommission berichtete. Für diese Bezirke bestehe ein sehr hohes Risiko, hieß es. Innsbruck-Land und Hallein grenzen an Bayern.

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Im Vergleich zu Deutschland sind die Zahlen in Österreich - unter Berücksichtigung der Einwohnerzahl - in etwa doppelt so hoch.

Die Corona-Ampel ist in Österreich seit Anfang September in Betrieb. Mit ihrer Hilfe wird die Infektionslage jede Woche neu bewertet und auf einer Karte farblich dargestellt - in der Regel für jeden Bezirk, entsprechend etwa den deutschen Landkreisen, sowie für das Bundesland Wien. Die Farben reichen von Grün (Risiko: niedrig) über Gelb (mittel) und Orange (hoch) bis Rot (sehr hoch). Kriterien sind Fallzahlen der vergangenen sieben Tage, Nachverfolgbarkeit der Ansteckungen, Auslastung der Krankenhausbetten und Gesamtzahl an Tests. Außerdem wird berücksichtigt, ob eine Region viele Touristen oder Pendler hat.

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Katastrophenfall in Portugal

Das bisher relativ gut durch die Krise gekommene Portugal hat bereits am Mittwoch den landesweiten Katastrophenfall ausgerufen. Die Anordnung gelte zunächst ab Donnerstag für 15 Tage und ermögliche es der Regierung, bei Bedarf Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und andere einschneidende Maßnahmen zu durchzusetzen, sagte Regierungschef António Costa.

So sollen sich in der Öffentlichkeit nur noch maximal fünf Menschen versammeln dürfen, bei privaten Feiern solle die Höchstzahl der Teilnehmer auf 50 reduziert werden, außerhalb der eigenen Wohnung sollten Masken obligatorisch und bei der Arbeit und in Schulen solle die Corona-Warn-APP „Stay Away“ (Halte Abstand) Vorschrift werden.

Die Lage sei „ernst“, warnte Costa. Die Zahl der registrierten Neuinfektionen binnen 24 Stunden stieg am Mittwoch in dem Land mit 10,3 Millionen Einwohnern auf 2072, das war der höchste Wert seit Beginn der Pandemie.

„Wir haben keine Zeit. Die Prognose ist nicht gut“

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In Italien, Polen, Kroatien, Tschechien und der Slowakei wurden ebenfalls so viele neue Infektionen registriert wie noch nie. WHO-Regionaldirektor Kluge warnte, dass noch drastischere Einschränkungen als bisher die Folge sein könnten, falls es nicht gelinge, die Pandemie zurückzudrängen. Noch sei es relativ einfach, die Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung zu befolgen. Epidemiologischen Berechnungen zufolge könnten bis Februar in Europa 281.000 Todesfälle vermieden werden, wenn 95 Prozent der Menschen Masken trügen und sich an Abstandsregeln hielten, sagte er.

Die Niederlande verfügten diese Woche bereits eine Schließung von Bars und Restaurants, während in Nordirland und Tschechien Schulen geschlossen werden. Die tschechische Regierung warnte, dass die Krankenhäuser Ende Oktober an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen könnten. Das Militär werde im Prager Messezentrum ein Krankenhaus für Corona-Patientinnen und -Patienten einrichten, teilte sie mit. „Wir müssen so schnell wie möglich zusätzliche Kapazitäten aufbauen“, sagte Ministerpräsident Andrej Babis. „Wir haben keine Zeit. Die Prognose ist nicht gut.“

RND/AP/dpa/ka

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