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Radiologe zur Corona-Lunge: ″Für den Patienten ist das wie innerliches Ertrinken"

  • Der Radiologe Prof. Christopher Herzog betreut in seiner Praxis Risikogruppen und schaut sich Covid-19 bei Erkrankten im CT an.
  • Im RND-Interview erzählt der Facharzt von der Lungenkrankheit, verängstigten Patienten und den Auswirkungen von Covid-19.
  • Weil Corona-Tests knapp werden, könnten seiner Ansicht nach bildgebende Verfahren eine Alternative sein.
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Während der Corona-Krise hat sich für Prof. Christopher Herzog einiges verändert. Er ist Facharzt für Diagnostische Radiologie und Experte rund um Herzerkrankungen, leitet einen eigenen Praxis-Verbund und arbeitet an einem Krankenhaus in München. Dort erkennt er mittels CT den Befall der Lunge durch Covid-19. Von seinen Erfahrungen berichtet er im RND-Interview.

Was hat sich für Sie verändert, seit das Coronavirus den Alltag in Deutschland dominiert?

Die Krankenhäuser konzentrieren sich jetzt weitgehend auf Covid-19 und haben damit fast alle elektiven Untersuchungen abgesagt. Patienten, die zwingend zum Arzt müssen, kommen natürlich weiterhin. Beispielsweise für die Tumor-Nachsorge, die Chemotherapie, bei einem Herzinfarkt. Wir merken aber, dass viele Patienten Praxis und Klinik fernbleiben.

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Schwerstkranke kommen noch zu Ihnen. Wieso bleiben andere weg?

Viele Menschen haben Angst vor einer Ansteckung. Das zeigen auch die Umsatzzahlen: Innerhalb einer Woche haben wir in unserer Praxis einen Rückgang von 38 Prozent gehabt. Ein Großteil unserer Mitarbeiter ist deshalb in Kurzarbeit geschickt worden, einzelne Praxis-Standorte wurden vorerst geschlossen. Um nicht auch noch die wirtschaftliche Existenz unseres Personals zu gefährden, stocken wir auf hundert Prozent auf.

Prof. Dr. Christopher Herzog ist Facharzt für Diagnostische Radiologie in München. © Quelle: Radiologie München

Was tun Sie, um Patienten die Angst vor einer Ansteckung zu nehmen?

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Ein Prostatakrebs-Patient, der zu uns kommt, darf nicht danach aufgrund einer Ansteckung in der Praxis mit Covid auf der Intensivstation liegen. Deshalb setzen wir in der Praxis alles daran, Kontakte auf Distanz zu halten. Wir haben maximale Hygienevorschriften eingeführt.

Jeder Patient muss sich beim Betreten der Praxis die Hände desinfizieren. Die Mitarbeiter ohnehin permanent. Flächen und Türgriffe werden mehrmals täglich desinfiziert. Mittlerweile haben wir alle Mitarbeiter mit einem Mundschutz ausgerüstet. Zusätzlich bekommt jeder Patient, der die Praxis betritt – auf unsere Kosten – einen Mundschutz.

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Durch gute Kontakte ist es uns gelungen, einige Einheiten in dieser Woche nachzubestellen. In vielen anderen Praxen ist es allerdings deutlich schlimmer. Bislang wird der niedergelassene Bereich ziemlich allein gelassen, was die Versorgung mit Schutzausrüstung angeht.

Risikogruppen und Corona - vieles wissen wir noch nicht

Haben Sie eine Vermutung, wieso es bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders häufig schwere Covid-19-Verläufe gibt?

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Es gab Studien aus 2014, die zeigten, dass Coronaviren bevorzugt an ACE2-Rezeptoren andocken und unter anderem dadurch Lungenkomplikationen auslösen können. Da viele Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen diese ACE-Rezeptoren-Hemmer nehmen, könnte das eine Begründung sein. Aber all diese Aussagen sind im Moment noch spekulativ und müssen tiefergehend überprüft werden. Somit ist es derzeit nicht empfehlenswert, diese Medikamente ohne Rücksprache mit einem Facharzt einfach abzusetzen. Die negativen Auswirkungen könnten deutlich schlimmer sein, als die Erkrankung durch das Virus selbst.

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Welche Erkenntnisse zum neuartigen Coronavirus gelten denn als aussagekräftig?

Das ist ein Virus, das in erster Linie Zellen im respiratorischen Trakt befällt. Zunächst im Bereich des Rachens, später – häufig auch nach einem symptomlosen Intervall – dann auch die Lunge. Die Affinität zum Lungengewebe ist das eigentliche Problem.

Die dann ausgelöste Entzündungsreaktion ist gar nicht so spezifisch für das Virus, sondern tritt auch im Rahmen anderer Erkrankungen auf. Problematisch ist jedoch, dass gleichzeitig so viele Patienten betroffen sind und dass es kaum andere Keime gibt, die sich so gezielt auf das Lungengewebe stürzen. Das neue Virus tritt oft erst durch lungenspezifische Symptome klinisch in Erscheinung.

Dann sind viele Patienten häufig schon schwerkrank und müssen direkt intensivmedizinisch betreut werden. Das ist auch der Unterschied zur ersten Sars-Welle 2014. Hier führte der Virenbefall schon im Nasen-Rachen-Bereich zu deutlichen Symptomen, sodass Patienten schon früh identifiziert, separiert und geheilt und somit eine Pandemie letztlich verhindert werden konnte.

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Die Corona-Lunge zeigt sich im CT

Welche Patienten greift Sars-CoV-2 grundsätzlich besonders an?

Wie bei allen anderen viralen Erregern hat prinzipiell jeder Patient mit verminderter Immunität ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe. Das kann die 20-Jährige mit einem starken Rheuma und immunsuppressiven Mitteln sein, ein 30-Jähriger HIV-positiver Patient unter kontinuierlicher Immunbehandlung, ein 40-jähriger Krebspatient während einer Chemotherapie oder ein älterer Mensch, der per se ein schwächeres Immunsystem hat.

Als Radiologe haben Sie im Krankenhaus mit Covid-19-Patienten zu tun. In welchen Bereichen genau?

Die Test-Auswertung dauert im Moment sehr lange, in der Woche rund 24 Stunden, am Wochenende auch mal länger. Einige Patienten mit einem auffälligen klinischen Beschwerdebild – also Husten, Fieber und Atembeschwerden – bekommen deshalb als Testersatz eine CT.

Die Computertomographie ist hochsensitiv bei der Entdeckung der Corona-Infektion und kann schon sehr früh und sehr exakt die Veränderungen in der Lunge zeigen. Auch schon zu einem Zeitpunkt, zu dem ein Corona-Test unter Umständen noch negativ ausfallen würde.

So sieht die Lunge eines Covid-19-Patienten in der Computertomographie aus. Alles, was Luft ist, erscheint im CT im Bereich der Lungenflügel schwarz, die weißen Stellen an den Rändern deuten auf Entzündungen hin. © Quelle: Radiologie München

Wonach wird denn entschieden, wer auf Covid-19 getestet wird?

Das ist natürlich alles sehr unsicher. Es gibt offizielle Vorschriften vom Robert-Koch-Institut, die sich in der Realität aber nicht immer einhalten lassen. Wer nur Husten und Halsschmerzen hat und sich damit bei uns im Krankenhaus vorstellt, wird häufig ohne Testung nach Hause geschickt und geht in Quarantäne. Diese Personen sollen sich erst dann melden, wenn es ihnen wirklich schlechter geht – also bei hohem Fieber und Atemnot.

Man muss dabei auch immer bedenken, dass Husten, Halsschmerzen und auch mäßiges Fieber sehr unspezifische Symptome sind und durch eine Vielzahl andere Keime hervorgerufen werden können. Insofern ist dieses Vorgehen medizinisch schon durchaus nachvollziehbar.

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Corona-Eindämmung: RKI-Chef Wieler spricht von begründetem Optimismus
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Gut eine Woche nach den umfassenden Kontaktverboten zeigt sich das Robert-Koch-Institut (RKI) vorsichtig optimistisch zu einer Eindämmung der Corona-Epidemie.  © Reuters

Was sehen Sie bei Covid-19-Patienten auf den CT-Bildern?

Normalerweise sieht ein Schnittbild der Lunge aus wie ein Fass mit – mehr oder weniger dickem – weißen Rand (der Brustwand), einem dicken weißen Fleck in der Mitte (das Herz) und vielen kleinen Punkte, Linien und Ringe in beiden Lungenflügeln, die sich rechts und links des Herzens halbmondförmig als überwiegend schwarze Flächen bis zur Brustwand erstrecken.

Pathologisch sind darüber hinausgehende als weiß markierte Verdichtungen in den Lungenflügeln, sie entsprechen dann zum Beispiel einer Ansammlung von Flüssigkeit oder Entzündungsherden im Lungengewebe. Auch wenn das Erscheinungsbild dem vieler anderer Lungenerkrankungen ähnelt, ist das Lungenbild in Kombination mit den klinischen Beschwerden hochsuspekt auf eine Lungenbeteiligung bei Covid-19.

Wie Ertrinken: Wasser in der Lunge

Was genau passiert denn in der Lunge?

Die an mehreren Stellen entzündete Lunge verdickt sich, es kommt zu Milchglastrübungen. Die Lungenbläschen füllen sich im Verlauf zunehmend mit entzündlichem Sekret. Für den Patienten ist das dann, wie wenn er innerlich ertrinken würde, da kein ausreichender Sauerstoffaustausch zwischen Lungenbläschen und Blutgefäßen, die im Lungengewebe verlaufen, stattfinden kann. Deshalb brauchen schwer erkrankte Patienten dann auch ein Beatmungsgerät. Damit wird der Sauerstoff durch das entzündliche Gewebe hindurch in die Lunge gedrückt.

Sehen Sie sich gut auf die Corona-Krise in Praxis und Klinik vorbereitet?

Es ist ganz schwierig zu sagen, wie sich die Lage weiterentwickeln wird. Die Intensivstationen haben durchaus noch Kapazitäten, füllen sich aber dennoch merklich. Hier vor Ort gibt es derzeit noch circa sechs freie Beatmungsgeräte, entsprechend einer 50-prozentigen Belegung. Eher kritisch sehe ich das Thema Test-Kapazitäten. Diese werden zunehmend knapp und entsprechend weniger durchgeführt. Insofern tue ich mich aktuell mit der Interpretation der Daten von Robert-Koch-Institut und Johns-Hopkins-Universität schwer.

Sind die Infektionsraten wirklich so deutlich rückläufig oder testen wir einfach weniger? Die Ausgangsbeschränkungen sind meines Erachtens definitiv weiter nötig und auch Überlegungen, in der Öffentlichkeit Masken zu tragen, sind nicht völlig verkehrt. Letztlich hängt jetzt alles davon ab, wie viele Patienten kommen.


“Staat, Sex, Amen”
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