Psychotherapeutin im Interview: „Eine E-Mail kann schon reichen“

  • Die Grünen-Politiker Cem Özdemir und Claudia Roth erhielten per E-Mail Morddrohungen von der rechtsextremistischen Gruppe „Atomwaffen Division Deutschland“.
  • Für Lokalpolitiker, politische Ehrenamtler, Ärzte und Sanitäter sind Drohungen oft ein Trauma, meint Dipl.-Psych. Julia Leithäuser.
  • Ihnen hilft alles, was den Stress runter fährt. Zu einer guten Verarbeitung gehört es, dass Betroffene damit nicht alleine bleiben.
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Die Grünen-Politiker Cem Özdemir und Claudia Roth erhielten per E-Mail Morddrohungen von der rechtsextremistischen Gruppe „Atomwaffen Division Deutschland“. Özdemir reagierte auf die Drohmail auch mit der Frage: „Was ist mit all den Kommunalpolitikerinnen und den ehrenamtlich Engagierten, die angefeindet werden und keinen Personenschutz haben?“ Dipl.-Psych. Julia Leithäuser findet, Cem Özdemir stellt absolut die richtige Frage. Im Interview erklärt die Psychologische Psychotherapeutin, was Morddrohungen bei Menschen anrichten.

Die Psychologische Psychotherapeutin Julia Leithäuser. © Quelle: Julia Leithäuser

Frau Leithäuser, was passiert mit politisch Engagierten, Sanitätern, Ärzten und Polizisten, die mit dem Tod bedroht werden?

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Unser Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle ist eines der höchsten in der Bedürfnishierarchie. Eine Morddrohung kann eine erhebliche Stressreaktion im Körper verursachen. Es ist im Grunde das, was auch bei einem Trauma passiert.

Und wann lösen die Drohungen viel Stress aus?

Je persönlicher die Ansprache in der Drohung ist, desto schwieriger wird es. Hat ein Täter Wissen über das Leben des Bedrohten, dann ist wirklich klar, dass jemand als Person gemeint ist – und nicht nur die Funktion etwa als Politiker, Ärztin oder Sanitäterin. Dann ist die Angstreaktion wesentlich stärker. Je nachdem, was der Mensch in seinem bisherigen Leben erfahren hat und auf welchen Boden das Ereignis fällt, kann eine E-Mail schon reichen.

Aber auch wenn man die Rolle in der Öffentlichkeit und die eigene Person trennen kann, erzeugt eine Morddrohung doch Todesangst.

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Cem Özdemir wird ja nicht zum allerersten Mal mit dem Thema Sicherheit konfrontiert. Er steht schon sehr lange auf Bedrohungslisten. Es klingt komisch, aber es macht einen Unterschied.

Man gewöhnt sich also an Morddrohungen?

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Gewöhnen ist da ein merkwürdiges Wort, aber es ist tatsächlich so, dass wir Menschen enorme Fähigkeiten haben, uns an schwierige Situationen anzupassen. Und ich glaube, dass sich auch Politiker und andere Berufsgruppen damit auseinandersetzen müssen und ihre Strategien finden müssen – sonst können sie es langfristig nicht machen.

Für die meisten gehören Morddrohungen aber nicht zum Arbeitsalltag.

Unterstützung ist dann erforderlich, wenn jemand zum Beispiel gar keine E-Mail mehr öffnen kann, ohne dass sich Angst- und Stresssymptome zeigen. Oder wenn jemand seinen Beruf nicht mehr ausüben kann oder gar nicht mehr in die Öffentlichkeit gehen kann.

Wie sollten Betroffene denn mit Morddrohungen und dem daraus resultierenden Stress umgehen?

Positiv wäre es, sich selbst zu sagen: „Ich mache hier wichtige Arbeit und habe eine wichtige Funktion, weswegen ich in das Visier geraten bin.“ Damit stärkt man sich innerlich, das auszuhalten. Das sind zwar nicht viele, aber es gibt solche Menschen.

Und was wären große Fehler im Umgang damit?

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Die Morddrohung erschüttert uns. Und wenn man im Zustand dieser Erschütterung bleibt, dann kann es bedeuten, dass man mehr Angst hat, schlechter schläft, sehr verunsichert ist, sich sozial zurückzieht und die Dinge nicht mehr macht, die man sonst machen würde. Fallen im Netz alle andauernd über einen her und beleidigen, dann kann es auch den Selbstwert mindern.

Sie bieten professionelle Hilfe an. Wie lösen Sie die Angst der Betroffenen?

Unser Sanitätskasten heißt Stabilisierung, Stabilisierung, Stabilisierung. Der erste Schritt ist kein psychologisches Thema: die Polizei alarmieren. Erst danach würde man dafür sorgen, dass der Bedrohte im Alltag genug Phasen und Situationen in Sicherheit hat. Das ist bei einem Lokalpolitiker oder einem Rettungssanitäter gar nicht so einfach zu gewährleisten. Sie haben Berufe mit hoher Stressbelastung, sind aber nicht in allen Situationen gleich hoch gefährdet. Es wird auch Situationen geben, in denen ist der Bedrohte nicht so sehr der Öffentlichkeit preisgegeben. Das wäre eine Strategie, für die äußerliche Sicherheit zu sorgen.

Und wie sichern Sie das Innere, die Psyche?

Es ist alles gut, was den Stress runter fährt. Zu einer guten Verarbeitung gehört es, dass jemand damit nicht alleine bleibt. Sondern eine Öffentlichkeit herstellen kann und Dinge tut, die der psychischen Stabilität förderlich sind. Das sind ganz banale Sachen wie Sport machen, gut essen, ausreichend schlafen. Es kann auch sein, dass Arbeit einem das Gefühl von Kontrolle und Normalität zurückgibt.

Aber nicht jeder hat die Möglichkeit, eine Öffentlichkeit herzustellen wie Cem Özdemir und Claudia Roth.

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Es reicht auch schon im kleineren Rahmen, wenn etwa in der Berufsgruppe ein Austausch stattfindet – und dort jemand mitteilen kann, dass er gerade im Fokus ist oder im Einsatz eine Bedrohung erlebt hat, die wirklich schlimm gewesen ist. Das ermöglicht eine innerpsychische Verarbeitung.

Das passiert alles im Privaten und im Beruf. Was passiert in Ihrer Praxis?

Wir sehen die Patienten normalerweise, wenn die Bedrohung schon vorbei ist. Dann unterstützen wir zusätzlich mit Vorstellungsbildern, die wir Safe Place nennen. Wir helfen den Betroffenen, innere Bilder zu entwickeln von Orten, an denen sie sich ganz sicher, wohl und geborgen fühlen. Und immer, wenn es für sie schwierig oder bedrohlich wird, können sie die Vorstellung innerlich wachrufen. Erst in einem zweiten Schritt wenden wir spezielle Techniken der Traumakonfrontation an, um die Patienten bei der Verarbeitung zu unterstützen.

Zur Person: Julia Leithäuser (53) ist Psychologische Psychotherapeutin in Bonn. Sie ist außerdem stellvertretende Vorsitzende der Landesgruppe Nordrhein der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung. Zu ihren Schwerpunkten gehören neben der Behandlung von Traumafolgen auch Essstörungen.

Interview: Jan Russezki/RND