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Psychologin im Interview: “Die Menschen wissen, dass die Krise nicht vorbei ist”

  • Die Negativfolgen der Corona-Pandemie auf die menschliche Psyche bekommen auch Therapeuten immer mehr zu spüren.
  • Psychologin Eva Gjoni schildert im RND-Interview, warum Bilder von vollen Urlaubsstrände einen Widerspruch zum aktuellen Krisengeschehen darstellen.
  • Außerdem hat sie einen Tipp parat, wie man die Ferien zu Hause am besten genießen kann.
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In der Corona-Krise hat der Bedarf an seelischer Hilfe zugenommen. Psychologin Eva Gjoni erhält inzwischen deutlich mehr Anfragen nach Betreuungsangeboten als noch zu Beginn der Pandemie. Ende Mai haben wir schon einmal mit ihr gesprochen. Damals rief sie mit rund 20 weiteren Psychotherapeuten, Psychologen und Ärzten eine deutschlandweite Videohotline zur psychologischen Beratung ins Leben. Die Vorteile: Anonymität und Soforthilfe mit körperlichem Abstand.

In diesem Interview erzählt die Berliner Therapeutin, warum der Sommer in der Pandemie als Zeit zum Durchatmen erlebt wird, fordert mehr Angebote für Kinder und Jugendliche und verrät, wie der Urlaub zu Hause gelingen kann.

Frau Gjoni, unser letztes Gespräch ist jetzt knapp drei Monate her. Was hat sich seit Beginn der Krise in der Wahrnehmung der Menschen verändert?

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Zu Beginn der Krise erlebten wir eine Art Schockstarre, verbunden mit großer Verunsicherung. Die psychische Herausforderung war natürlich sehr groß. Andererseits stand plötzlich die Gemeinschaft im Vordergrund, das Gefühl, nicht als Einziger in der Krise zu sein, war einzigartig. Das half, mit den Herausforderungen besser umzugehen.

Mittlerweile geht es nicht mehr nur um das Erstaunen über das Neue, Ungewöhnliche und den akuten Umgang damit. Ich beobachte, dass allmählich auch das Reflektieren über die eigene Betroffenheit einsetzt. Die Menschen kommen ins Nachdenken, sie gehen aus der Schockstarre oder aus dem Erleben, in dem sie nur funktionieren müssen, in die Auswertung über. Sie reflektieren darüber, was die Krise mit einem gemacht hat, und ziehen durchaus auch positive Schlüsse über die eigenen Stärken und Ressourcen. Gleichzeitig berichten mir viele Menschen, auch wenn sie bisher gut durch die Krise gekommen seien, dass sie einen weiteren Lockdown nicht noch mal aushalten.

Welche Sorgen stehen da konkret im Vordergrund?

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Eine große Rolle spielt natürlich die Gefährdung der eigenen Gesundheit, aber auch wirtschaftliche Nöte bis hin zu Existenzängsten. Mögliche regionale Lockdowns lösen zusätzlich Bedenken aus, die Krise nur noch als Einzelperson oder Familie bewältigen zu müssen. Gehen meine Kinder zur Schule? Wie lange muss ich noch in der Isolation leben? Und wie meistere ich meinen Alltag? Das sind Fragen, die sich ganz viele Menschen unterschiedlichster Couleur stellen. Das Problem ist, dass sich die Menschen als handlungsfähig erleben wollen, aber die Rückkehr in die Normalität nicht planbar ist.

Widerspruch zwischen Durchatmen und Ungewissheit

Mit Blick auf volle Strände könnte man meinen, viele Menschen hätten die Corona-Pandemie schon wieder vergessen. Woher kommt dieser Eindruck?

Wir haben es hier mit einem Widerspruch zu tun. Der Sommer wird zwar durchaus als eine Pause und Zeit zum Durchatmen erlebt, aber im Bewusstsein der Menschen besteht die Gewissheit, dass die Krise nicht wirklich vorbei ist. Es herrscht Verunsicherung darüber, wie es weitergehen soll.

Viele haben Sorge, dass nicht alle die Krise ernst nehmen, und befürchten, dass diese Lässigkeit negative Konsequenzen auf sie selbst haben wird. Ein Satz, den ich momentan häufig höre, ist: “Die Leute verhalten sich, als gäbe es kein Virus mehr, ich verstehe das nicht.” Sicherlich verdrängen einige diesen Widerspruch und verhalten sich sorglos. Das wiederum bestärkt die Unsicherheit bei den Menschen, die die Bewältigung der Corona-Krise als gemeinsame Aufgabe ernst nehmen.

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Volle Badestrände wie in Timmendorfer Strand sorgen im Corona-Sommer immer wieder für Verunsicherung. Psychologin Gjoni sagt, die Menschen wüssten genau, dass die Krise nicht vorbei ist. © Quelle: Bodo Marks/dpa

Im RND-Interview Ende Mai rechneten Sie damit, dass therapeutische Anfragen als Spätfolgen der aktuellen Krisensituation zunehmen würden.

Das kann ich inzwischen bestätigen, die psychische Belastung nimmt definitiv zu. Ich habe den Eindruck, dass der kumulierte Stress geballt zum Ausdruck kommt. Die Krise ist nicht vorbei, die unbeantwortete Frage “Wie geht es weiter?” steht im großen Widerspruch zu einem ganz wesentlichen Bedürfnis nach Sicherheit, Kontrolle und Orientierung. Die weiterbestehende Verunsicherung drückt sich in Erschöpfung aus, die bisherigen Ressourcen und Schutzfaktoren halten nicht immer Schritt.

Familien mit Kindern leiden besonders

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Welche Bevölkerungsgruppen betrifft das am meisten?

Menschen mit psychischen Vorbelastungen bekommen die Negativfolgen der sozialen Isolation besonders stark zu spüren. Der Abbruch der gewohnten Tagesstrukturen verstärkt ihre Ängste und Unsicherheiten.

Auch ältere Menschen leiden sehr unter der Einsamkeit. Vor der Sommerpause gab es vielleicht ein kurzfristiges Wiederaufleben der sozialen Beziehungen. Aber im Großen und Ganzen steht auch hier die Sorge vor einem “heißen Herbst” im Mittelpunkt, die Frage, ob es erneut zu einem Anstieg der Infektionszahlen und Lockdown kommt, was die Situation nur noch verschärfen würde.

Eine dritte Gruppe, bei der ich auch in der Praxis einen Nachfrageanstieg nach Psychotherapien beobachte, sind Familien mit Kindern. Oft gibt es hier eine Doppelbelastung, da über die Sorgen der Eltern hinaus auch die des Nachwuchses bestehen. Grundsätzlich stellen wir fest: Die Krise stellt nicht nur einen Auslöser für psychische Belastung dar, sie verstärkt auch schon da gewesene Probleme.

Was ist bei jungen Leuten das Problem? Müsste man in der Krise nicht auch mehr Angebote für Kinder und Jugendliche schaffen?

Wir wissen durch zuverlässige Studien und Umfragen mittlerweile, dass Kinder und Jugendliche sehr unter der Krise und dem Abbruch der sozialen Beziehungen leiden. Wichtig ist, dass junge Menschen das wesentliche Gefühl der sozialen Zugehörigkeit nicht verlieren. Gerade jetzt im Sommer sollte es auf jeden Fall mehr durchdachte Möglichkeiten und Konzepte geben, sie an die neue Situation zu gewöhnen.

Schulen und andere Institutionen sind ja nicht nur ein Ort der Bildung, sondern auch der sozialen Identitätsbildung. Die Gefahr ist, dass die Abwesenheit solcher sinnstiftender Gemeinschaftsaktivitäten mehr Rebellion verursachen kann, wodurch Sicherheitsregeln nicht beachtet werden und damit die Infektionsgefahr steigt. Das haben wir ja auch in Vergangenheit schon gesehen.

Ein willkommener Ausbruch aus dem Alltag ist für viele Menschen auch der Jahresurlaub. Müssen Ferien zu Hause wirklich aufs Gemüt schlagen?

Das kommt ganz auf die eigene Bewertung an. Viele stellen sich das sicher als Herausforderung vor. Wer sich jedoch bewusst für eine Option entscheidet – zum Beispiel seinen Urlaub in den eigenen vier Wänden zu verbringen –, erlebt sich als handlungsfähig und erhält ganz neue Möglichkeiten, sein eigenes Umfeld zu erforschen. Ich zum Beispiel lebe in Berlin, und viele Berliner kennen nicht die ganze Stadt. Fühle ich mich aber zum Dableiben gezwungen, leide ich natürlich darunter.

Das Beratungsangebot Ihrer zu Krisenbeginn gestarteten Videohotline pausiert momentan. Wie wird es weitergehen?

Was uns auffällt: Je länger die Krise anhält, desto mehr nimmt die Notwendigkeit für psychotherapeutische Behandlung zu. Im Winter rechnen wir mit einem weiteren Anstieg des Betreuungsbedarfs, und wir richten auch unser Angebot darauf aus. Die bisherige Hotline wollen wir in den Rahmen des normalen psychotherapeutischen Angebots integrieren, damit den Menschen auch weiterhin umfangreich geholfen wird. Wir wollen unser Angebot erweitern, auch aus der Beobachtung heraus, dass viel mehr Nachfrage an langfristiger Betreuung als nur kurzfristiger Beratung besteht.

Wichtig, die Kontrolle zu behalten

Gibt es etwas, das Sie den Menschen als Handlungsanleitung mit auf den Weg geben wollen?

Es ist wichtig, das Gefühl der Kontrolle zu behalten, wo es noch geht. Aus der Erfahrung der letzten fünf, sechs Monate würde ich sagen: Jeder sollte einmal bei sich selbst schauen, wie gut man bisher mit der Situation klargekommen ist – und darauf aufbauen. Neben dem verstärkten Kontakt zum eigenen sozialen und familiären Netzwerk kann man immer professionelle Hilfe beanspruchen. Das fängt beim Hausarzt an und geht mit einer psychotherapeutischen Sprechstunde weiter.

Mir ist ganz wichtig zu betonen, dass es immer einen Ausweg gibt. Die Menschen sollten die psychotherapeutischen Möglichkeiten in Anspruch nehmen, wenn sie nicht mehr wissen, wohin mit der eigenen Unsicherheit, Angst oder Erschöpfung.

Muss man bei Ihnen in der Praxis eigentlich Maske tragen?

Eine direkte Maskenpflicht besteht nicht, die Entscheidung im Einzelfall liegt beim Therapeuten. Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung steht dem psychotherapeutischen Behandlungsziel aber eigentlich entgegen. Umso mehr achten Therapeuten und Patienten auf die Einhaltung der Abstandsregeln, häufiges Lüften und sämtliche Hygienevorkehrungen. Und wir arbeiten selbstverständlich seit Beginn der Krise viel online. Die Videotherapie durfte und darf zunächst bis Ende September uneingeschränkt in Anspruch genommen werden.


“Staat, Sex, Amen”
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