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Psychologin Ilona Bürgel im Interview: “Es kommt darauf an, das Beste draus zu machen”

  • Die Diplom-Psychologin Dr. Ilona Bürgel, 55, zählt zu den Vertretern der Positiven Psychologie.
  • Die Referentin und Autorin möchte Wege aufzeigen, die es auf Dauer ermöglichen sollen, Leistung und Wohlbefinden zu verbinden.
  • Im RND-Interview plädiert sie für eine positive Sicht auf die Dinge.
Isabella Hafner
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“Don’t Worry, Be Happy”, singt Bobby McFerrin in seinem Hit. Als wär’s das Einfachste der Welt. Warum fällt es manchen Menschen besonders schwer, optimistisch in die Welt zu blicken?

Ilona Bürgel: Die Glücksforschung schaut sich gerade an, wo die Unterschiede beim Menschen hinsichtlich Glücksfaktoren wie Optimismus oder Pessimismus herkommen: 50 Prozent ist wohl Vererbung, 10 Prozent sind die Lebensumstände, zu 40 Prozent hat man es selbst in der Hand. Auf diese 40 Prozent sollten wir mehr achten. Vielen von uns fehlt jedoch das Wissen, dass wir unsere Gefühle und Gedanken mehr beeinflussen können. Es gibt nun erste Versuche, das Schulfach Glück einzuführen, das ist gut. In den Köpfen vieler Menschen haben sich Sätze wie “Ich bin halt so”, “Ich kann das nicht” festgebissen. Sie haben weder zu Hause noch in der Schule gelernt, wie sie Dinge anders sehen können. Man kann das lernen. Dafür muss man aber sagen: Ich möchte das. Wichtig ist auch: Jeder hat das Recht, so zu sein, wie er ist. Vor allem viele Frauen versuchen, andere zum Optimismus hin zu beeinflussen. Das ist unangemessen. Das wäre, als würde ein Pessimist sagen: Sei doch mal pessimistisch!

Gibt es mehr Schwarzmaler unter Männern oder Frauen?

Ilona Bürgel: Ich kenne keine Statistik. Viele Frauen sind aber eher reflektierend und machen sich schneller Sorgen. Das ist ein gesellschaftlich mitgegebenes Phänomen. Mütter tragen meist mehr Verantwortung für den Nachwuchs und fühlen sich daher für vieles verantwortlich. Das kann zu Grübeln und verstärktem Problembewusstsein führen. Frauen beschäftigen sich generell oft eher mit Emotionen, nehmen wahr, wenn sie sich sorgenvoll fühlen. Das Gehirn hat sowieso die Tendenz, sich mehr mit Problemen zu befassen. Die Kombination aus allem könnte es Frauen leichter machen, negativ zu denken.

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Männer sind oft draufgängerischer. Mutiger. Hat das mit einem optimistischeren Glaube an sich selber zu tun? Auch wenn das Motto dahintersteckt: “Fake it, ‘til you make it”?

Ilona Bürgel: Dem Optimismus wird nachgesagt, dass er zu Übermut und dem Unterschätzen von Gefahren führen kann. Dies passt zur Sterblichkeitsstatistik von Männern und Frauen, aus der hervorgeht, dass gerade jüngere Männer eher Opfer von Autounfällen und Drogen werden. Sie leben riskanter. Sich selbst zu überschätzen kann dazu führen, dass man lernt, was fehlt und im Prozess zu wachsen. Das könnten sich Frauen gerade im Job ein bisschen abschauen.

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Ist Pessimismus abhängig von der Tageszeit?

Ilona Bürgel: In der Regel sind wir abends kaputt, überfordern uns teilweise tagsüber, mussten viele Parallelpflichten erledigen. Wir haben weniger mentale Disziplin übrig. Da erwischen einen leichter Negativgefühle. Man sieht im Fernsehen etwas und fragt sich: Wer weiß, wo das nur hinführt? Die Nacht ist dann eh eine Ausnahmesituation. Wir befinden uns in einer Welt zwischen Wachsein und Schlafen. Da sind wir dünnhäutiger. Haben weniger Kontrolle über das, was hochkommt, grübeln. Viele liegen wach und überlegen, ob ihre Kinder die Schule schaffen oder ihr Arbeitsplatz in Gefahr ist. Am Tag sagt man: Ich schaff das schon und mache jetzt einfach weiter!

Zur Person: Diplom-Psychologin Dr. Ilona Bürgel, 55, zählt zu den Vertretern der Positiven Psychologie. Die Referentin und Autorin zeigt Wege, wie es auf Dauer möglich sein soll, Leistung und Wohlbefinden zu verbinden. 15 Jahre lang war sie in Führungspositionen der freien Wirtschaft tätig. Sie wurde vom Ministerium für Wirtschaft und Energie als Vorbildunternehmerin ausgezeichnet. Bürgel liebt Schokolade und Musik. www.ilonabuergel.de. © Quelle: Privat

Corona-Krise, Klimawandel, Kriege – da kann man doch nur zum Pessimisten werden.

Ilona Bürgel: Pessimismus verstehe ich als eine Form des negativen Denkens. Leider verändern sich unsere geistigen Kapazitäten, wenn wir darin stecken bleiben. Dann können wir schlechter Lösungen für Probleme finden. Das aber brauchen wir für den Alltag. Denn es wird immer etwas in der kleinen oder großen Welt geben, das unangenehm ist.

Der Psychotherapeut und Autor Werner Schmidbauer sagte: “Jedem denkenden Menschen ist doch klar, dass das Leben schlecht ausgeht. Erst verlieren wir alle uns lieben Menschen, und am Ende sterben wir selbst. Ich würde sagen, diesen schlechten Ausgang ignorieren zu können – das nennt man Optimismus.” Jemand, der all das nicht verdrängen könne, den erlebten wir als Pessimisten. Optimisten sind also Verdrängungsmeister?

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Ilona Bürgel: Nein. Verdrängen hat etwas Negatives. Der Unterschied aber ist die Perspektive. Optimisten sind besser in der Lage, die Perspektive zu wechseln hin zum Positiven. Immer wieder. Tatsächlich ist das eine Kunst, eine Technik, die man lernen kann. Jede Situation hat ja unterschiedliche Aspekte. Der eine sagt: Wenn wir mit dem Auto fahren, dann passiert bestimmt etwas. Der andere sagt: Auch wenn Autofahren gefährlich sein kann, ist es super, wie schnell wir ankommen!

Haben es Optimisten also einfach besser drauf, Dinge, die passieren – Trennung, Krankheit, Verlust der Arbeit –, nachträglich so in ihre Biografie einzuweben, dass ihre Geschichte so zu erzählen logisch klingt? Sie so zu interpretieren, dass im Nachhinein alles für etwas gut war?

Ilona Bürgel: Niemand hat eine objektive Erinnerung an die Vergangenheit. Wir ordnen sie in Lebenskonzepte, Wünsche und Selbstbilder ein, rechnen unsere Zukunft aus der Vergangenheit hoch. Dabei kommt es auf den Blick auf die Vergangenheit an. Wie ich sie bewerte, beeinflusst, was ich von meiner Zukunft erwarte. Deshalb ist es wichtig, sich auf positive Sachen zu konzentrieren – zumindest Schlechtes zu relativieren. Beim Blick nach vorn kommen wir zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Erwarte ich, dass etwas schiefgeht, verhalte ich mich passend und filtere Infos so, dass sie meine Erwartung bestätigen. Das passiert unbewusst. Bei Bewerbungsgesprächen war ich immer aufgeregt, brachte kaum ein Wort heraus. Das nächste steht bevor, ich spiele in Gedanken die schlechten Erfahrungen durch. Das regt mich so auf, dass ich schlecht schlafe, kaum esse, was dazu führt, dass ich dünnhäutig bin, wenn es so weit ist, mich unsicher fühle und das Gleiche erlebe.

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Betrügen diese Menschen sich nicht selbst? Haben Optimisten Spaß und Pessimisten recht?

Ilona Bürgel: Es geht nicht darum, sich Sachen schönzureden, Realität zu ignorieren. Wenn jemand sehr krank wird, sagt man heute manchmal: Selbst schuld, nicht positiv genug gedacht. Eine Krankheit ist erst einmal schlimm, traurig. Der nächste Schritt ist aber: Wie gehe ich damit um? Wie kann ich aus einer unangenehmen Situation das Beste machen? Ich kann mir Hilfe holen, so reagieren, dass die Situation besser wird, nicht im Pessimismus verharren. Schlimm muss man als schlimm wahrnehmen. Aber eine Krankheit auch als etwas, das man überstehen kann, das einen vielleicht weiterbringt, weil man etwas lernt. Fehlt Optimisten der Realitätsbezug, ist das Träumerei. Der Unterschied: Der Optimist erwartet eine gute Zukunft und dass er selbst etwas dafür tun kann. Das fühlt sich gut an. Die andere Seite wäre Hilflosigkeit, sich ausgeliefert fühlen. Aktiv statt passiv.

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Was würden Sie Deutschlands wohl bekanntestem Pessimisten erzählen, dem 1860 verstorbenen Philosophen Arthur Schopenhauer?

Ilona Bürgel: Ich habe von ihm mal ein Buch über Glück gekauft! (lacht) Jeder hat ja von allem zwei Seiten. Auch Optimist und Pessimist. Was wir häufiger nutzen, prägt sich deutlicher aus und wird dadurch wiederum häufiger genutzt. Viele Philosophen aber besitzen eher eine lebenshinterfragende Haltung. Ich bin Anhängerin der positiven Psychologie, ich will Menschen zeigen, wie man in ein Denken in Möglichkeiten kommt.

Es gab ja Zeiten, in denen es kulturelle Tradition war, dass alle tiefsinnigen, nachdenklichen Menschen etwas depressiv waren – über das Tal der Tränen jammerten. Freude und Lachen galten als oberflächlich …

Ilona Bürgel: In der Geschichte wechselten die Phasen, in denen exzessiv zu feiern das Menschenbild beeinflusste, mit denen, in denen hinterfragt wurde. Bei uns herrscht gerade die Gefahr der totalen Selbstoptimierung, der Übertreibung mit dem Glück. Was? Du bist nicht glücklich? Geht nicht. Kummer und Enttäuschung sind aber Bestandteile des Alltags. Es gibt bei uns eine Tendenz zum Glücksdruck. Alles muss schick und schön sein. Immer muss man gut drauf sein. Ich verstehe, dass manche Menschen sich dieser Theorie verweigern. Es kommt darauf an, authentisch zu sein. Beide Seiten zu sehen und das Beste draus zu machen. Scheitern gehört im Leben dazu, damit ich weiß, wie es ist, etwas geschafft zu haben, das Glück genießen zu können.

Die “German Angst” ist ja ein feststehender Begriff im Ausland … Hat die nicht auch ihr Gutes?

Ilona Bürgel: Emotionen weisen darauf hin, dass eine Situation gefährlich sein kann. Es wäre schlimm, wenn ich am Abgrund stünde, zu fliegen versuche und mir das keine Angst macht. Es ist besser, von einer ungesicherten Leiter zu steigen. Wir würden im Alltag viel Unfug machen, der uns schadet. Deutsche neigen allerdings zum Übertreiben, überall Gefahren zu sehen. Menschen nordeuropäischer Länder gelten in Glücksstudien als sehr glücklich – trotz der Dunkelheit im Winter. Sie “zerdenken” dort nicht so viel. Bei uns haben wohl die deutschen Denker ihre Spuren hinterlassen. Wir sind immerzu am Grübeln. Auch die Südländer feiern viel öfter das Leben. Eigentlich müsste man uns übers Knie legen. Wenn wir in einem guten mentalen Zustand sind, finden wir bessere Lösungen für tägliche Aufgaben. Deshalb sollten wir den Perspektivwechsel trainieren.

Hat nicht gerade das Zusammenspiel der zwei Extreme – Optimist und Pessimist – gesellschaftlichen Fortschritt hervorgebracht?

Ilona Bürgel: Was wir von Pessimisten lernen können: zu überlegen, was schiefgehen könnte. Wo Hindernisse stecken könnten. Das ist etwas Tolles. Menschen, die sich das einmal überlegt haben, kommen besser ans Ziel. Einen Plan B zu haben, sich Situationen durchzuspielen, ist eine wertvolle Technik für Erfolg.

Haben uns die Eltern unsere Haltung anerzogen? Oder schlagen Kinder zweier Pessimisten in die andere Richtung aus: Spielen stets den fröhlichen Animateur, um den Eltern die Schwere abzunehmen?

Ilona Bürgel: Eltern sind immer lebende Modelle. Egal, ob wir so werden wollen wie sie oder gerade nicht, in den ersten Jahren übernehmen wir sie eins zu eins. Später können wir bewusst entscheiden, ob wir so bleiben oder etwas ändern wollen.

Sind Pessimisten weniger erfolgreich, weil sie zögern, passiver, gelähmter sind? Oder mehr, weil sie Risiken bedenken?

Ilona Bürgel: Ich kenne nur Untersuchungen zu Studenten, die bei Prüfungen umso erfolgreicher waren, je optimistischer sie waren. Wenn Menschen merken, dass sie Dinge beeinflussen können, führt das eher zu Erfolg.

Notorische Optimisten können nerven … Manche sind geradezu Zwangsoptimisten!

Ilona Bürgel: Wenn wir von authentischem Optimismus sprechen, nervt der nicht. Sicher gibt es Menschen, die immer nur so tun, als ob. Das wird als unangenehm wahrgenommen. Stört einen das, kann man sich natürlich auch fragen, warum. Wenn wir mit uns selbst in der Balance sind, lassen wir andere Menschen, wie sie sind.

Wie gehe ich mit pessimistischen Kollegen oder Chefs um?

Ilona Bürgel: Suchen Sie nach gleichgesinnten Optimisten. Sie können Menschen nicht ändern, vor allem nicht, wenn Sie nicht darum gebeten wurden. Führen Sie durch Fragen. Sie müssen sich ja nicht endlose Klagen anhören. Sie können feinfühlig zu anderen Themen lenken oder gemeinsam weitere Perspektiven suchen, wie man eine Situation noch sehen könnte außer pessimistisch.

Man kann sich später wirklich noch umbasteln? Vom Trauerkloß zum tanzenden Bären Balu aus dem Dschungelbuch?

Ilona Bürgel: Das menschliche Gehirn ist sehr lernfähig. Allerdings haben wir Gegenspieler. Die Erbanlage, die Gewohnheiten, das Hirn selbst. Es merkt sich Unerledigtes besser, sieht Probleme eher und wiederholt Negatives. Die Gehirnstruktur, die neuronalen Netze, passen sich dem an, was wir regelmäßig denken und tun. Dort liegt die Chance. 30 Tage bis drei Monate brauchen kleine Veränderungen, größere bis zu 10.000 Wiederholungen, wie wir von Musikern und Sportlern wissen. Ein gutes Motiv, warum wir uns ändern wollen, wäre wichtig, um dranzubleiben.

Buchtipps: Ilona Bürgel: “Positives Denken lernen”, Ilona-Bürgel-Verlag, 60 Seiten, 9,80 Euro, 2017. Ilona Bürgel: “Die Kunst, die Arbeit zu genießen”, Herder, 176 Seiten, 12 Euro, 2017. Dale Carnegie: “Sorge Dich nicht, lebe”, Scherz-Verlag, 414 Seiten, 24,90 Euro, 2002.



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