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„Produzieren die Kranken der Zukunft“: Kinder bewegen sich im Lockdown zu wenig

  • Die meisten Sportvereine haben wegen der Pandemie seit Monaten geschlossen – eine Lockerung ist derzeit bundesweit nicht in Sicht.
  • Unter dem Bewegungsmangel leiden vor allem Kinder und Jugendliche – psychisch, aber auch physisch.
  • Ein Experte spricht von nicht reparierbaren Entwicklungsdefiziten, die sich später in hohen Krankenzahlen zeigen werden.
Katrin Schreiter
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Hannover. Ängste, Depressionen, zum Teil sogar Suizidgedanken: Die psychischen Folgen der Corona-Krise bei Kindern und Jugendlichen wurden in letzter Zeit häufig thematisiert. Doch auch die körperlichen Konsequenzen des Lockdowns sind alarmierend. „Die Spätfolgen werden immens sein”, sagt Prof. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Experte schätzt, dass sich die Kosten für die Krankenkassen im Jahr 2030 allein durch die Pandemie bei der heranwachsenden Generation verdoppeln werden. Schuld daran, so Froböse, sei die Bewegungsmangel-Pandemie.

Bereits vor der Corona-Krise haben sich laut des 4. Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts rund 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend bewegt. Sie unterschreiten allesamt die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene Bewegung pro Tag. Die WHO fordert für Heranwachsende im Alter von fünf bis 17 Jahren pro Tag mindestens 60 Minuten moderate bis intensive körperliche Tätigkeit.

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Bewegung als Motor der gesamten Entwicklung

Die Pandemie habe das Problem noch verschärft, sagt Sportwissenschaftler Froböse. Vor allem der Vereinssport, der seit etwa einem Jahr nicht mehr stattfindet, habe massive Folgen für den jugendlichen Organismus: „Das gesamte Wachstum ist von körperlichen Aktivitäten abhängig: Knochen, Muskeln, Bänder. All diese Systeme benötigen Reize, um sich überhaupt entwicklen zu können. Bewegung funktioniert hierbei wie ein Motor, der über Erfahrungen verschiedene Fähigkeiten ausbildet”, erklärt er. „Verpasste körperliche Lernphasen lassen sich später nicht nachholen.”

Das beziehe sich nicht allein auf die körperliche Entwicklung, betont Froböse. „Durch Bewegung lernt das Gehirn, die verschiedensten Verbindungen herzustellen, Erfahrungen abzuspeichern.” Motorischer Stillstand führe deshalb auch zum Stillstand der kognitiven Entwicklung – also der geistigen Wahrnehmung und Denkprozesse. „Die Muskeln, das gesamte Stütz- und das Bewegungssystem, die Ausbildung des Gehirns – alles hängt miteinander zusammen.”

Grundstein für Krankheiten gelegt

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Froböse warnt: Fehlten die erforderlichen körperlichen Reize, kommt es schnell zu Stoffwechselproblemen. Die Folge sind häufig Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, Gelenkprobleme. „Wir produzieren heute die Kranken der Zukunft”, prognostiziert der Sportwissenschaftler. „Der erste Dominostein ist bereits umgefallen.”

Doch wie kann man dieser Entwicklung entgegensteuern? Froböse erklärt: „Ein bisschen was draußen machen reicht nicht aus. Vor allem die Jugendlichen brauchen Anleitung.” Für die Drei- bis Fünfjährigen könnten Spielplätze mit den unterschiedlichsten Bewegungsmöglichkeiten eine gute Alternative zum Sportverein sein. „Aber die Sechs- bis 14-Jährigen benötigen echtes Training.”

Spielen im Freien ersetzt kein echtes Training

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Das bestätigt auch Professor Alexander Woll, Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft (IfSS) des Karlsruher Instituts für Technologie. Der Wissenschaftler untersucht mit seinem Team seit Jahren im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung die körperliche Fitness aller Kinder und Jugendlichen. Im Kommentar zur jüngsten Motorik-Modul-Studie (MoMo) im Dezember 2020 heißt es: „Spielen im Freien, Fahrradfahren, Garten- oder Hausarbeit haben nicht dieselbe Intensität wie Training und Wettkämpfe im Verein. Außerdem fallen ohne Verein und Schule die sozialen Aspekte weg.”

Vor dem Lockdown habe es so viel Vereinssport wie noch nie gegeben, berichtet MoMo-Studienleiter Woll. Rund 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland seien in Sportvereinen aktiv gewesen. „Die Schließung der Vereine bedeutete laut Studie im Schnitt 28,5 Minuten weniger Sport pro Tag.”

Bewegungskampagne gefordert

Froböse fordert von der Bundesregierung eine Bewegungskampagne, „die umfassend informiert, professionelle Trainingsvideos liefert und über die Kommunen Freiflächen zur Verfügung stellt, auf denen dann angeleiteter Sport angeboten wird”. Das könne zum Beispiel in Zusammenarbeit mit Fitnessstudios passieren.

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Außerdem rät der Experte den jungen Leuten, sich draußen gezielt intensive sportliche Herausforderungen zu suchen: „Zum Beispiel Joggingstrecken oder Treppensprints.”

Bewegungspause beim Homeschooling

Bewegung sei auch in Zeiten von Homeschooling möglich, meint Froböse: „96 Prozent der Kinder haben heute keinen Schulsport. Dabei wäre es doch ganz einfach, in das Homeschooling auch einmal eine Bewegungspause seitens der Lehrerschaft einzubauen.” Schließlich sei seit Langem bewiesen, dass „Bewegung zwischen Unterrichtseinheiten das Lernen und die Lernbereitschaft deutlich verbessert.”

Generell kritisiert Froböse, dass Sport in letzter Zeit einen Imageverlust erlitten habe. „Durch die ganze Diskussion um Abstand und Ansteckung konnte man den Eindruck gewinnen, dass Sport gefährlich sei. Das muss sich schnell wieder ändern.”

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