Unzufriedenes Pflegepersonal: Der Applaus ist verhallt

  • Unter Deutschlands Krankenpflegern wächst drei Monate nach dem großen Corona-Ausbruch der Frust.
  • In der Corona-Krise galten sie als Helden und Heldinnen, bekamen von allen Seiten Zuspruch.
  • Doch davon ist wenig geblieben, nicht einmal den groß angekündigten Pflegebonus bekommen viele.
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Deutschland im März: Das Coronavirus kommt in den hiesigen Krankenhäusern an. Und während die Bundesrepublik runterfährt, laufen Pflegerinnen und Pfleger zur Höchstform auf – angefeuert von Politikern und Bürgern, die auch in Deutschland dem Personal oft genug Beifall geklatscht haben. “Der Applaus hat uns nichts gebracht”, sagt drei Monate später die Intensivpflegerin Kathrin Hüster. Dabei sah es zeitweise so aus, als bekäme das Krankenhauspersonal endlich die Wertschätzung, die es aus Sicht vieler Pflegerinnen und Pfleger verdient.

Für Hüster waren die vergangenen Monate eine anstrengende Zeit. Sie musste Corona-Patienten versorgen, Beatmungsgeräte bedienen, den Arbeitsalltag in Schutzkleidung absolvieren. Doch es gab auch gute Seiten – zum Beispiel die plötzliche Wertschätzung für ihren Beruf. “Wildfremde Nachbarn haben geklingelt und Hilfe im Alltag angeboten”, erinnert sich Hüster. Und während auf deutschen Balkons geklatscht wurde, kündigte die Bundesregierung vollmundig einen Pflegebonus an.

Corona-Pflegebonus kommt nicht überall an

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Aus der Perspektive des Krankenhauspersonals hat sich der jedoch als Rohrkrepierer erwiesen: Die Bundesregierung hat den Pflegebonus verabschiedet, er kommt aber ausschließlich der Altenpflege zugute. Bundesländer wie Bayern und Berlin stocken die Gelder für die Beschäftigten im Krankenhausbereich auf. Anderswo erhält das dortige Personal nach langen Diskussionen keinen Bonus. “Das war ein Gewürge ohne Ende – und es kam nicht gut an”, berichtet ein Berliner Betriebsrat, der anonym bleiben möchte.

Ähnlich sieht es auch Alexander Jorde. Der Pfleger aus Niedersachsen hat schon mehrfach als Kritiker des Gesundheitswesens für Schlagzeilen gesorgt. Die vergangenen Monate seien für ihn und sein Umfeld sehr anstrengend gewesen, erzählt er. Teilweise mussten die Pfleger mit unzureichender Schutzausrüstung arbeiten. “Im Zweifelsfall ist unser Leben weniger wert als das der Patienten”, so Jorde. “Dass wir nun nichts kriegen, versteht niemand.”

Indes ringen die Beschäftigten andernorts mit widersprüchlich anmutenden Folgen der ersten Corona-Welle. Denn tatsächlich blieb die Zahl der Corona-Patienten unter den Befürchtungen. Dass zugleich nicht dringend notwendige Behandlungen abgesagt wurden, hat vielerorts aber dazu geführt, dass das Personal mehr Zeit für die Patienten hatte. “Wir konnten sehr den Menschen zugewandt arbeiten”, berichtet der Berliner Betriebsrat. Das sei beim sonst oft gestressten Personal gut angekommen.

Verdi befürchtet baldige Überlastung

Doch der Boomerang dürfte bald mit Wucht zurückkommen: Zu Beginn der ersten Corona-Welle hatte die Bundesregierung die Personaluntergrenzen in Krankenhäusern aufgehoben. “Nun werden viele Behandlungen nachgeholt, die während der Krise ausgesetzt wurden. Wir befürchten eine große Belastung für die Kolleginnen und Kollegen”, sagt Sylvia Bühler aus dem Verdi-Bundesvorstand dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

“Jetzt müssen ganz schnell die Personaluntergrenzen wieder verbindlich werden. Es gibt keinen Grund für die Aussetzung bis zum Jahresende”, ist die Gewerkschafterin überzeugt. “In Bereichen wie der Geriatrie oder auf Intensivstationen führt das sonst zu einer Gefährdung der Patienten und zu einer Überlastung des Pflegepersonals.”

Mehr Personal für die Krankenhäuser?

Mittelfristig will Verdi die Personaluntergrenzen allerdings abschaffen und durch ein neues System zur Messung des Personalbedarfs ersetzen. Das soll für alle Bereiche der Krankenpflege gelten und sicherstellen, dass überall so viel Personal zur Verfügung steht, wie auch tatsächlich benötigt wird. “Der gemeinsame Vorschlag vom Pflegerat und der Deutschen Krankenhausgesellschaft und Verdi liegt seit Wochen bei Herrn Spahn auf dem Tisch”, sagt Bühler.

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Sie hofft, dass die Politik angesichts des Einsatzes der Pfleger während der Pandemie die Forderungen berücksichtigen. “Ein Dankeschön ist das eine, aber bessere Arbeitsbedingungen und eine Aufwertung der Pflegeberufe sind das andere.”


Bei Protesten von Pflegepersonal in Frankreich kam es am Dienstag zu Ausschreitungen und Verhaftungen. © Quelle: imago images/Hans Lucas

Geht es nach Jorde, werden zusätzliche Stellen dringend gebraucht, um die Arbeitsbelastung zu reduzieren. Er sorgt sich um die Attraktivität des Pflegeberufs, schon jetzt gebe es Personalengpässe. Durch die aktuelle Pandemie sei das nicht besser geworden. “Viele in meinem Umfeld sagen, sie wollen danach ihre Arbeitszeit reduzieren. Oder ganz den Beruf wechseln”, erzählt Jorde. “Unser Beruf blutet aus, viele gute Leute sind schon weg”, erzählt auch Intensivpflegerin Hüster.

Tarifverhandlungen stehen bevor

Zusätzliche Stellen sind für die beiden trotzdem nur eine Seite der Medaille. Wie viele andere Beschäftigte hoffen sie, dass sich die Politik auch bei den anstehenden Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst des Bundes und der Kommunen an die Einsatzbereitschaft der Pfleger erinnert. Bei Verdi gibt man sich schon kämpferisch, nachdem eine Verschiebung der Tarifgespräche jüngst abgelehnt wurde. “Die kommunalen Arbeitgeber streben offenbar eine konfliktorientierte Tarifrunde im Herbst an – Applaus war gestern”, so die Einschätzung von Bühler.

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Wie bei Tarifverhandlungen üblich, sollen nun die Mitglieder über die Forderungen entscheiden. Was davon durchgesetzt werden kann, ist offen. Der Organisationsgrad in der Krankenpflege ist seit jeher niedrig. Die Beschäftigten streiken eher selten, auch weil sie sich in erster Linie dem Wohl der Patienten verpflichtet fühlen. Einen ersten Auftakt für Proteste gab es am Mittwoch, als einige Dutzend Aktivisten in Berlin demonstrierten. In Frankreich sind am Vortag Zehntausende Pfleger und Ärzte für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße gegangen.

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