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Pflegepersonal auf den Intensivstationen: „Selbst gestandene Leute sind nach eineinhalb Jahren Pandemie wirklich fertig“

  • Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis beobachtet einen Abwärtstrend bei den Beatmungsplätzen in Krankenhäusern.
  • Der Grund dafür liege hauptsächlich am fehlenden Personal, so Karagiannidis.
  • Viele Intensivpflegekräfte seien wegen zu hoher Arbeitsbelastung nach der dritten Welle in andere Bereiche gewechselt, berichtet Intensivpfleger Ralf Berning.
Kristina Auer
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Bielefeld/Köln. Die vierte Welle ist da und damit richtet sich auch die öffentliche Aufmerksamkeit wieder auf die Intensivstationen. Die Pflegewissenschaftlerin Uta Gaidys rechnete nach der dritten Welle im April damit, dass viele Pflegende krankheitsbedingt ausfallen, in die Berufsunfähigkeit rutschen oder den Job wechseln würden. Sind die Befürchtungen wahr geworden – und wird das nun zum Problem?

Derzeit sei die Situation auf der Station noch ungefähr so, wie sie vor Corona war, berichtet Intensivpfleger Ralf Berning aus Bielefeld. Über mehrere Wochen seien keine Covid-19-Patienten und -Patientinnen dort behandelt worden. „Nun sind wieder zwei Patienten bei uns, die auch beatmet werden müssen“, sagt Berning. Im Vergleich zur dritten Welle im Frühjahr habe sich der Personalmangel auf der Intensivstation weiter verschärft, berichtet Berning: „Mehrere Intensivbetten auf der Station sind im Moment gesperrt, weil wir nicht genügend Personal haben.“

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Fehlendes Personal ist ein Problem

Der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, verweist auf einen beunruhigenden Abwärtstrend. „Bei den zur Verfügung stehenden Beatmungsplätzen in Kliniken haben wir in der ersten Jahreshälfte deutlich an Kapazität verloren, auch wenn sie im Moment noch ausreichend ist“, betont der Präsident der Deutschen Gesellschaft für internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin. Im Dezember 2020 hätten noch etwa 12.000 Beatmungsplätze zur Verfügung gestanden. Nun seien es nur noch rund 9000 Plätze.

Der Grund dafür liege hauptsächlich am fehlenden Personal, das gehe aus den Daten hervor. „Selbst gestandene Leute sind nach eineinhalb Jahren Pandemie wirklich fertig”, sagt Karagiannidis. In dieser Situation müsse man hellhörig werden. „Wenn wir das so weiterlaufen lassen, haben wir irgendwann ein Problem.“

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Eine „kleine Massenflucht“

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Die Befürchtung, dass nach der akuten Notlage während der dritten Welle weitere Pflegekräfte die Intensivstation wegen der zu hohen Belastung verlassen würden, hat sich aus Sicht von Ralf Berning bestätigt. Der Pfleger nennt es eine „kleine Massenflucht“, die stattgefunden habe. Zwar hätten nicht viele Pflegerinnen und Pfleger gekündigt. „Aber viele Kollegen haben sich umorientiert, sind in andere Bereiche oder auf andere Stationen gewechselt“, berichtet Berning. Zurückgeblieben sei überwiegend der harte Kern.

Während der zweiten und dritten Welle habe er in seiner Klinik gemeinsam mit zwei weiteren Intensivpflegekräften eine zusätzliche Intensivstation betrieben, um die vielen Corona-Erkrankten versorgen zu können. „Das wäre jetzt nicht mal annähernd mehr möglich“, sagt Berning. Er hofft, dass die vierte Welle nicht so heftig werde wie die zweite und dritte.

Impfquote entscheidet über Verlauf der vierten Welle

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Wie werden die Krankenhäuser unter diesen Voraussetzungen durch den Herbst und Winter kommen? „Vieles steht und fällt damit, wie stark die vierte Welle ausfällt“, sagt Karagiannidis. Entscheidend sei dafür vor allem der weitere Verlauf der Impfkampagne. „Wenn wir jetzt noch einmal viele Menschen impfen, können wir die Welle einigermaßen glätten“, betont der Intensivmediziner.

Das Problem beschränke sich aber nicht nur auf die Corona-Pandemie. Einerseits müsse man damit rechnen, dass auch andere Krankheiten wie die Grippe, die während des Lockdowns stark zurückgegangen war, wieder häufiger auftauchten. Andererseits gehe es um eine Perspektive nach Corona. „Wir brauchen auch dann noch Pflegekräfte, die nicht total ausgebrannt sind“, sagt Karagiannidis.

Personaluntergrenzen und bessere Bezahlung gefordert

Hierfür müssten die Personalschlüssel verbessert werden, um die Pflegenden sowie Ärztinnen und Ärzte zu entlasten. Auf die nächste Bundesregierung komme die große Aufgabe zu, eine grundlegende Reform der Krankenhausstrukturen zu schaffen. „Wir müssen die Kapazitäten am Personal ausrichten, das wir haben, und nicht umgekehrt“, sagt Karagiannidis.

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Auch Berning fordert eine Reform des Systems mit Personaluntergrenzen in allen Pflegebereichen. Diese müssten zudem strenger kontrolliert werden. Im Bezahlungssystem mit Fallpauschalen sieht der Intensivpfleger das größte Problem. Es zwinge die Krankenhäuser dazu, nach wirtschaftlichen Kriterien zu handeln. Auch die Bezahlung der Pflegenden müsse sich endlich verbessern. Berning fordert 4000 Euro brutto für Pflegekräfte in Vollzeit. „Das würde dazu führen, dass viele, die im Moment in Teilzeit arbeiten, einen Anreiz haben, wieder mehr Stunden zu arbeiten.“

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