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Wird Omikron dominant, aber weniger tödlich? Was inzwischen bekannt ist

Welche Folgen eine Omikron-Welle hätte, hängt insbesondere an der Krankheitslast. Und dazu gibt es noch viele offene Fragen.

Man müsse sich jetzt auf Omikron vorbereiten, betonte Anfang dieser Woche der Intensivmediziner und Vorsitzende des Divi-Intensivregisters Christian Karagiannidis. „Die Inzidenzen müssen runter“, schrieb er in seinem Twitter-Account. „Ein Omikron-Plan A, B und C muss jetzt in der Schublade sein mit unterschiedlichen Szenarien je nach Infektiosität und krank machender Wirkung“.

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Mit seiner Sorge ist Karagiannidis nicht allein. „Omikron ist in Sicht und auf dem Vormarsch, und wir sind zu Recht besorgt und vorsichtig“, betonte der europäische WHO-Regionaldirektor Hans Kluge bei einer Konferenz am Dienstag. „Ich denke, ab Januar werden wir mit Omikron in Deutschland ein Problem haben“, sagte der Virologe Christian Drosten in der letzten Folge des NDR-Info-Podcasts. Und RKI-Präsident Lothar Wieler sagte: „Wir haben keine Zeit zu verlieren, keinen einzigen Tag.“ In noch kürzerer Zeit könne es durch Omikron zu noch mehr Fällen kommen als bei Delta.

Ist Omikron ansteckender? Tödlicher? Kann die Variante Genesene und Geimpfte schneller infizieren, und wenn ja, wie? Kann die Mutante die durch Impfung oder Infektion hervorgerufene Immunität umgehen, und wenn ja, wie stark? Forschende weltweit arbeiten gerade auf Hochtouren, um die drängenden Fragen zu klären. Es mehren sich bereits Hinweise, dass Omikron mit hoher Wahrscheinlichkeit die Delta-Variante ablösen wird – und das innerhalb kürzester Zeit Nur: Was bedeutet das für die weitere Entwicklung der Pandemie? Ein Überblick:

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1) Wie stark ist Omikron schon verbreitet?

Omikron verbreitet sich offensichtlich schnell. Der erste bestätigte Omikron-Fall wurde laut eines Artikels in „The Lancet“ am 11. November aus Botswana gemeldet. Einige Tage später ein weiterer aus Hongkong bei einem Reisenden aus Südafrika. Mehrere Sequenzen aus dem Land folgten Ende November. Inzwischen machen bereits 80 Prozent der untersuchten Proben in Südafrika die Omikron-Variante aus. Weltweit bestätigen ebenfalls immer mehr Labore Fälle mit Omikron. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist sie bereits in mindestens 57 Ländern nachgewiesen.

In der EU sind bis zu diesem Montag 432 bestätigte Infektionen in insgesamt 21 Mitgliedstaaten bestätigt - unter anderem in Österreich, Frankreich, den Niederlanden, und Dänemark. Die Mehrzahl der Infektionen sei auf Reiserrückkehrer aus Afrika zurückzuführen. In Belgien und Spanien seien aber auch schon Fälle ohne Verbindung dorthin nachgewiesen. „Dies deutet darauf hin, dass in diesen Ländern bereits eine unentdeckte Übertragung durch die Bevölkerung stattfinden könnte“, heißt es in einem an diesem Sonntag veröffentlichten Bericht der EU-Seuchenbehörde ECDC.

In Deutschland ist die Zahl der bestätigten Omikron-Fälle bislang noch gering. Im Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Donnerstag (2. Dezember) ist von vier Fällen die Rede. Bei acht weiteren bestehe ein zu prüfender Verdacht. Allerdings haben seit Veröffentlichung mehrere Bundesländer über weitere Fälle berichtet. Die ECDC spricht in seinem neuesten Bericht vom Sonntag von bislang 15 bestätigten Omikron-Infektionen hierzulande.

2) Wie schnell könnte Omikron dominant werden?

Sollte es wirklich einen deutlichen Selektionsvorteil im Vergleich zu Delta geben, dauere es aber nur wenige Wochen, bis Omikron dominant ist, erklärte der Virologe und Variantenexperte Jörg Timm vom Universitätsklinikum Düsseldorf dem RND. „Das wäre dann vielleicht Anfang des neuen Jahres.“ Laut der WHO sei es möglich, dass Omikron bereits in wenigen Monaten europaweit die dominierende Variante ist und Delta damit verdrängt.

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Ich denke, wir können jetzt sagen, dass die Variante sich im Vereinigten Königreich schneller ausbreitet als die Delta-Variante.

Jeffrey Barrett,

Genetiker

Ein deutliches Signal, dass Omikron Delta schnell verdrängt, gibt es bereits aus Großbritannien. Der britischen Regierung zufolge wurden dort bereits 336 bestätigte Fälle registriert. Die Mutante könnte innerhalb von Wochen dominant werden, sagte der Genetiker Jeffrey Barrett vom Wellcome-Sanger-Institut im BBC-Radio. „Ich denke, wir können jetzt sagen, dass die Variante sich im Vereinigten Königreich schneller ausbreitet als die Delta-Variante, und das war bis vor sehr kurzer Zeit nicht klar.“ Er sei „ziemlich sicher“, dass sie wahrscheinlich innerhalb von Wochen dominant werde.

Auch der Epidemiologe Tim Spector vom King‘s College in London geht von einer rasanten Ausbreitung der Omikron-Variante in Großbritannien aus. Realistisch sei anzunehmen, dass es schon jetzt 1000 bis 2000 Fälle im Land gebe. „Und wir rechnen damit, dass sich das ungefähr alle zwei Tage verdoppelt im Moment“, sagte Spector im BBC-Frühstücksfernsehen. Man könne ausrechnen, dass dies innerhalb von nur zehn Tagen zu ziemlich hohen Zahlen führe, fuhr Spector fort.

Norwegische Gesundheitsexperten gehen ebenfalls davon aus, dass die Omikron-Variante des Coronavirus schon kurz nach dem Jahreswechsel in ihrem Land vorherrschen wird. „Es ist wahrscheinlich, dass die Omikron-Variante eine größere Ausbreitungsfähigkeit als die Delta-Variante besitzt und spätestens im Januar 2022 in Norwegen dominant geworden ist“, schrieb das staatliche Gesundheitsinstitut FHI in einer aktualisierten Risikobewertung. Bereits jetzt steige die Krankheitslast schnell, Omikron werde diese Entwicklung im Laufe des Dezembers und Januars voraussichtlich verstärken und eine Welle mit einer erheblichen Krankheitslast auslösen. Die Lage sei ernst.

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3) Verursacht Omikron mildere Symptome und ist weniger tödlich?

Welche Folgen so eine Welle hätte, hängt insbesondere an der Krankheitslast. Südafrikanische Forschende haben am Samstag auf erste statistische Hinweise verwiesen, wonach Omikron hochansteckend, aber relativ mild im Verlauf sein könnte. Die veröffentlichten Daten beziehen sich auf einzelne Ausbrüche in der Gauteng Provinz, in der auch die Städte Johannesburg und Pretoria. Seit einigen Wochen baut sich dort erneut eine Infektionswelle auf, mit starkem exponentiellen Wachstum. Die Experten mahnten aber, dass es noch zu früh sei, aus den bisher vorhandenen Daten einiger weniger Krankenhäuser wissenschaftlich fundierte Schlüsse zu ziehen.

In der EU zeichnet sich bislang ein ähnliches Bild ab: Alle bestätigten Omikron-Fälle sind laut der internationalen Seuchenbehörde entweder asymptomatisch oder mild verlaufen. Es seien bisher keine Todesfälle gemeldet worden. Ein Grund zur Entwarnung ist das aber auch den EU-Expertinnen und Experten zufolge noch nicht. „Diese Zahlen sollten mit Vorsicht bewertet werden, da die Zahl der bestätigten Fälle zu gering ist, um zu verstehen, ob sich das klinische Krankheitsspektrum von Omikron von dem früher nachgewiesener Varianten unterscheidet“, betont die ECDC.

Ob die Omikron-Variante tatsächlich mildere Krankheitsverläufe hervorrufe als Delta, könne noch nicht mit Sicherheit gesagt werden, sagt auch Genetikexperte Barrett aus Großbritannien. Die Häufung milder Verläufe bei Omikron-Infektionen könne damit zusammenhängen, dass die Variante in der Lage sei, eine größere Zahl von geimpften oder genesenen Menschen zu infizieren, die bereits über eine gewisse Immunität verfügten. Doch auch wenn nur eine kleine Zahl von Infizierten schwer erkranke, könne das bei einer starken Ausbreitung der Variante zum Problem werden, sagt der Wissenschaftler.

4) Sind Kinder eher von Omikron betroffen?

Es gibt eine Zunahme bei Krankenhauseinlieferungen von Kindern der Altersgruppe bis fünf Jahre.

Michelle Groome,

Wissenschaftlerin aus Südafrika

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Eine weitere Beobachtung aus dem Ausland: Omikron überrascht Forschende in Südafrika durch zunehmend festgestellte Infektionen unter Kindern. „Es gibt eine Zunahme bei Krankenhauseinlieferungen von Kindern der Altersgruppe bis fünf Jahre“, teilte die Wissenschaftlerin Michelle Groome vom Nationalen Institut für übertragbare Krankheiten (NICD) am Freitag mit. Das unterscheide die in Südafrika beginnende vierte Infektionswelle von früheren derartigen Phasen.

Aber auch in diesem Fall ist die Sachlage noch nicht eindeutig: Es sei noch zu früh, aus den bisher vorhandenen Daten wissenschaftlich fundierte Schlüsse zu ziehen, betont die Expertin. Den Anstieg bestätigte auch das südafrikanische Gesundheitsministerium. Bei all diesen jungen Patienten und Patientinnen seien die Eltern nicht geimpft gewesen, sagte die NICD-Medizinerin Waasila Jassat.

5) Kann Omikron den Immunschutz eher umgehen?

Die genetischen Eigenschaften von Omikron sind der Anlass zur Sorge, wenn es um den Immunschutz geht. Einige der festgestellten Mutationen betreffen Positionen, die wichtig für die Bindung von Antikörpern sind. Dass diese relevant sind, haben andere Varianten bereits gezeigt. Die Sorge ist deshalb, dass die körpereigene Immunität das Virus nicht mehr so gut bekämpfen kann – ob nun durch Impfung oder Infektion.

Biontech und Moderna haben erste Experimente auf den Weg gebracht, in denen die Impfimmunität gegen die Omikron-Variante untersucht wird. Vorläufige Laborstudien von Biontech zeigen bereits, dass zwei Dosen deutlich geringere Neutralisierungstiter gegen Omikron aufweisen – und den Impfstoff weniger wirksam machen. Demnach konnten aber drei Dosen des Impfstoffs die Variante neutralisieren. Die Daten zeigten auch, das eine dritte Dosis die neutralisierenden Antikörpertiter im Vergleich zu zwei Dosen um das 25-Fache erhöhe, teilte der Impfstoffhersteller am Mittwoch mit.

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Auch anderswo wurde unter Laborbedingungen geschaut, ob das Serum von Geimpften noch in der Lage ist, die Infektion in einer Zellkultur zu verhindern. Ein Team um die Virologin Sandra Ciesek aus Frankfurt und auch Forschende aus Südafrika konnten nachweisen, dass der Antikörperspiegel im Blut von Geimpften bei einer Omikron-Infektion stark sinken könnte – um das rund 40-Fache.

Das wird aber noch keine Antwort auf die Frage liefern, inwieweit die Impfung noch vor schweren Verläufen und Tod schützt. Expertinnen und Experten zufolge wird das erst klar, wenn mehr Menschen nach einer Infizierung mit der Omikron-Variante an Covid-19 erkranken und in den Kliniken beobachtet werden.

Erste Bevölkerungsdaten aus Südafrika zeigen zudem, dass sich häufiger Menschen erneut infizieren, die bereits eine erste Coronavirus-Infektion durchgemacht haben. Eine neue Datenanalyse aus Südafrika, am vergangenen Donnerstag als noch zu begutachtender Preprint veröffentlicht, deutet an, dass Omikron bei Genesenen stärker als Delta in der Lage sein könnte, sich der Immunität zu entziehen. Seit dem Auftauchen von Omikron seien höhere Reinfektionsraten in Südafrika beobachtet worden, resümieren die Forschenden in ihrem Paper.

Heißt also: Genesene könnten nicht ausreichend oder zumindest weniger als bei der Delta-Variante vor dem Coronavirus geschützt sein – und sich einfacher anstecken. Zu Auswirkungen von Omikron auf den Schutz vor schwerer Krankheit und Tod bei Genesenen gibt diese Studie allerdings ebenfalls keine Hinweise.

Impfung und Booster bleiben aber trotz erster Vermutungen auch bei Omikron das Mittel der Wahl. „Unter Fachleuten glaubt im Moment niemand, dass die Impfung plötzlich komplett nutzlos wird“, erklärte der Virologe Jörg Timm. Ein Basisschutz sei immer gegeben, auch wenn die Impfung weniger wirksam werde. „Man ist wirklich gut beraten, das Immunsystem einmal zu trainieren, bevor man auf das Virus trifft.“

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6) Braucht es bei Omikron einen anderen Impfstoff?

Nach Einschätzung der WHO gibt es bisher keine Hinweise auf eine nötige Anpassung auf die Omikron-Variante. Sollte dann doch noch das Worst-Case-Szenario eintreten, wird schon jetzt an Lösungen gearbeitet. Die Arbeiten der Hersteller seien bereits im Gange, falls omikronspezifische Impfstoffe benötigt würden, sagte WHO-Notfalldirektor Mike Ryan.

Der Biontech-Chef Ugur Sahin sagte am Freitag bei einer Pressekonferenz mit Reuters, dass im Fall der Omikron-Variante noch Daten und Fakten fehlten, ob eine Anpassung des Impfstoffs notwendig sei. „Das werden wir in den nächsten Wochen sehen müssen.“ Für die Entwicklung und Produktion eines angepassten Impfstoffs brauche das Unternehmen rund 100 Tage. „Ich glaube, grundsätzlich werden wir zu einem bestimmten Zeitpunkt einen neuen Impfstoff gegen Covid-19 brauchen“, sagte Sahin. „Die Frage ist noch offen, wann das sein wird.“ Man sehe im Moment, dass sich das Virus schneller verändere.

Der US-Pharmakonzern Moderna untersucht nach eigenen Angaben aktuell ebenfalls seinen Impfstoff in Bezug auf Omikron. Das Unternehmen könnte nach eigenen Angaben eine gezielte Auffrischungsimpfung für Omikron ab März entwickelt und für einen Zulassungsantrag in den USA bereit haben. Moderna-Präsident Stephen Hoge sagt der Nachrichtenagentur Reuters, der ganze Vorgang könne drei bis vier Monate dauern. „Die omikronspezifischen Booster kommen realistischerweise nicht vor März und vielleicht eher im zweiten Quartal.“

Biontech-CEO Özlem Türeci unterstrich währenddessen die Bedeutung der gegenwärtig laufenden Impfungen und Auffrischungen – gerade auch angesichts neuer Virusvarianten. „Je höher die Rate an immunisierten Menschen – natürliche Infektionen und Impfungen inklusive Auffrischung –, desto besser sind wir vor dem Virus geschützt“, sagte die Unternehmerin und Wissenschaftlerin. Eine breite Immunität in der Bevölkerung verhindere eher Replikationen und Mutationen des Erregers.

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Mit Material von dpa

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