Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Omikron in Westaustralien: Die letzte covidsichere Festung Australiens bröckelt

Die Stadt Perth bei Nacht: Australiens größter Bundesstaat Westaustralien ist seit Beginn der Pandemie abgeschottet – und plant es vorerst auch zu bleiben.

Sydney/Perth.Ein wenig erinnert Westaustralien dieser Tage an das kleine Dorf in Gallien aus dem Jahr 50 vor Christus, das in den berühmten Asterix-Comics verewigt wurde. Ganz Australien ist von dem Coronavirus überrannt. Ganz Australien? Nein! Ein von unbeugsamen Australierinnen und Australiern bevölkerter Staat hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. So oder so ähnlich könnte die Geschichte der Westaustralierinnen und Westaustralier erzählt werden. Unbeugsam leisteten sie fast zwei Jahre Widerstand gegen Covid-19.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

So machte Westaustralien gleich zu Beginn der Pandemie dicht – nicht nur zum Rest der Welt, sondern auch zum Rest des Landes. Anfangs fiel dies nicht so sehr ins Gewicht. Bei einer Fläche von 2,6 Millionen Quadratkilometern, mehreren Stunden Zeitunterschied und viel Wüste und Outback zwischen sich und dem Rest der Nation ist der Staat auch zu normalen Zeiten recht isoliert. Bei der Ankündigung der Grenzschließung im April 2020 erklärte Premier Mark McGowan dann auch, dass sich Westaustralien in einer „einzigartigen Position“ befinde. „Wir können eine andere Richtung einschlagen als der Rest des Landes und tatsächlich auch der Rest der Welt“, sagte er. „Unsere Isolation ist jetzt unsere beste Verteidigung.“

Vor allem Bewohnerinnen und Bewohner aus Sydney oder Melbourne – dort, wo Covid inzwischen grassiert und Zehntausende Fälle pro Tag gemeldet werden – werden bis heute aus Westaustralien ferngehalten. Die strenge Abschottung bescherte den Westaustralierinnen und Westaustraliern über zwei Jahre hinweg ein fast normales Leben. Nach dem anfänglichen Lockdown zu Beginn der Pandemie brauchte es nur noch drei kurze Blitzlockdowns – insgesamt zwölf Tage –, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Bald fanden in Perth wieder Großveranstaltungen mit bis zu 60.000 Besuchern statt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Boomzeiten trotz Isolation

Auch wirtschaftlich schadete die Isolation dem Staat nicht. So berichtete der Geschäftsführer der Australian Hotels Association (AHA) WA, Bradley Woods, dem australischen Sender ABC, dass die Gastronomie und Hotellerie im Vergleich zum Osten des Landes recht gut abschneide. „Die Westaustralier konnten den Staat nicht verlassen“, meinte er. „Das bedeutet, dass Gastronomie, Unterkunft und Resorts davon erheblich profitiert haben.“ Auch die Unternehmensinvestitionen in Westaustralien sind in den letzten beiden Geschäftsjahren gewachsen und machten im letzten Geschäftsjahr 2020/2021 19,2 Prozent der Gesamtinvestitionen Australiens aus.

Doch laut Peter Robertson, Wirtschaftsprofessor an der University of Western Australia, kann es so nun nicht „ewig“ weitergehen. Schließlich benötige der Staat ausländische Studentinnen und Studenten und Investitionen für künftiges Wachstum. „Wir hatten Boomzeiten in Westaustralien“, sagte er. „Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand denkt, dass wir einfach so weitermachen können.“ Angesichts der niedrigen Arbeitslosigkeit im Bundesstaat werde es zunehmend zu einem Fachkräftemangel kommen, und dies zeige sich bereits auch schon.

Schlechte Nachrichten am Abend

Während sein Staat so erfolgreich durchhielt, versprach Premier Mark McGowan den 2,6 Millionen Westaustralierinnen und Westaustraliern, dass Reisefreiheiten zurückkehren, lang ersehnte Familientreffen wieder stattfinden und auch internationale Besucherinnen und Besucher wieder Einlass finden würden, sobald der Staat eine 90-prozentige Impfrate erreicht habe. Inzwischen ist das Ziel geschafft, doch trotz des Erfolgs kam Ende Januar der Rückzieher: Anstatt wie geplant Anfang Februar wieder „aufzumachen“, erklärte McGowan den Wiedereröffnungsplan in einer abendlichen Pressekonferenz für nichtig – und das, ohne ein konkretes neues Datum anzuvisieren. „Es wäre rücksichtslos und unverantwortlich, jetzt zu öffnen“, sagte der Premier und argumentierte, die Omikron-Variante habe „alles verändert“. Die Vorstellung von Tausenden Fällen pro Tag, wie es in Sydney und Melbourne inzwischen an der Tagesordnung ist, ist für den Befürworter der No-Covid-Strategie ein Graus.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Reaktion auf die Ankündigung fiel gemischt aus. Während einige Westaustralierinnen und Westaustralier ihrem Premier applaudierten und beispielsweise bei ABC Radio Kommentare hinterließen wie „Wir sollten dankbar sein, dass wir einen Premier haben, der uns alle beschützt“ oder: „Verantwortungsvolle Führung. Gut gemacht, Mark“, schlug dem Politiker auch eine Menge Kritik entgegen. „Weiß Westaustralien, dass sie unter einem Diktator leben, der chinesische Politik kopiert?“, schrieb ein Internetnutzer auf Twitter, während ein anderer sich beschwerte, dass er seine Familie mehr als zwei Jahre nicht gesehen habe, und ein dritter über ABC Radio kommentierte: „Was bringt es, dreifach geimpft zu werden und trotzdem vom Leben weggesperrt zu sein.“ Auch die deutsche Auswanderin Claudia Richards, die in Westaustralien lebt, äußerte sich in einer E-Mail kritisch: „Andere Länder haben gelernt, mit dem Virus zu leben, oder sind zumindest bereit dazu, während hier in Westaustralien die einzige Lösung ein totales Abschotten von der Außenwelt zu sein scheint.“ Man habe nichts dazugelernt und habe nicht genug unternommen, um sich auf die Pandemie vorzubereiten.

Angst vor einer schlimmen Grippesaison

Vor allem seitdem die Omikron-Variante inzwischen auch in Westaustralien angekommen ist, sind nicht mehr viele vom Konzept des No-Covid-Politikers McGowan überzeugt. Manche Expertinnen und Experten fürchten gar, dass der Rattenschwanz erst noch kommen könnte. So schrieb Australiens ehemaliger stellvertretender Chief Medical Officer Nick Coatsworth auf Twitter, dass McGowan mit seiner Entscheidung, die Wiedereröffnung der Grenzen zu verschieben, bis um die 80 Prozent eine Auffrischimpfung erhalten haben, mit Beginn der Wintergrippesaison zusammenfallen könnte. Und diese könne dieses Jahr „aufgrund des Mangels an Immunität gegen die jüngste Infektion möglicherweise noch schlimmer ausfallen als sonst“, warnte er. Die Entscheidung sei also „in der Tat mutig“, so sein süffisanter Kommentar.

Eine Petition westaustralischer Ärztinnen und Ärzte, die fast 6000 Unterschriften gesammelt hat, bläst ins gleiche Horn. „Eine Öffnung näher am oder im Winter, mit einer weniger konformen Bevölkerung, möglicherweise mit einer neuen unbekannten Variante, wird uns kein besseres Ergebnis bringen“, schrieben die Medizinerinnen und Mediziner darin. Sie fordern Premier McGowan deswegen auf, die Pläne für die Wiedereröffnung wiederherzustellen, und warnen vor dem Vertrauensverlust, den der „Verrat“ an der Bevölkerung mit sich bringen könnte.

Mehr aus Gesundheit

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.