Was wurde aus der No-Covid-Strategie?

  • Einige Länder haben im Kampf gegen das Virus die No-Covid-Strategie verfolgt: Selbst bei geringen Infektionszahlen wurde mit strengen Maßnahmen reagiert.
  • Das Konzept scheint seit der Ausbreitung der Delta-Variante nicht mehr aufzugehen. Neuseeland und Australien verabschieden sich langsam davon.
  • Ein Mitinitiator der No-Covid-Gruppe aus Deutschland sieht den Ansatz aber nicht grundsätzlich als gescheitert an.
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Beim Kampf gegen das Coronavirus gab und gibt es weltweit unterschiedliche Konzepte. Während die meisten Ländern nur versuchten, Infektionswellen einigermaßen einzudämmen, hatten andere darauf gesetzt, ihre Inzidenzen nahezu auf Null zu drücken. Ein Vorgehen, das auch als No-Covid-Strategie bekannt wurde. Nun zeigt sich: Die Variante Delta lässt sich auf diese Weise kaum noch kontrollieren. Ist das Konzept also gescheitert?

Auch eine Gruppe deutscher Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verschiedener Disziplinen hatte im Januar ein Papier vorgelegt, dass einen anderen Umgang mit der Pandemie vorschlug. Anstatt erst bei steigenden Infektionszahlen Maßnahmen zu ergreifen, solle man schon bei niedrigen Inzidenzen reagieren, um Infektionswellen im Keim zu ersticken. Einschränkungen sollten dabei lokal und nicht bundesweit gelten, je nach Inzidenz, so die Idee.

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Das Konzept, das die Forschenden selbst als No Covid bezeichneten, sah unter anderem vor, auf Landkreisebene grüne und rote Zonen auszurufen, beim Wechsel der Zonen waren Tests vorgesehen. Die zentrale Idee war folgende: Es sollten zwar strengere Regeln gelten – aber eben nur lokal und kurzfristig. Weil das schneller zum Erfolg führen würde, müssten Beschränkungen nicht lange aufrechterhalten werden, soweit die Theorie.

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Strengere Maßnahmen, aber nur lokal

In einem Strategiepapier der deutschen No-Covid-Gruppierung vom März diesen Jahres werden einige Staaten als Vorbild genannt, die schon bei niedrigen Fallzahlen einen harten Kurs gefahren waren: Neben China sind das Australien, Neuseeland und Taiwan. Dort habe es nicht nur weitaus weniger Tote und Infizierte oder geringere wirtschaftliche Einbußen gegeben, sondern Beschränkungen hätten auch schneller wieder aufgehoben werden können.

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Richtig ist, dass aus Neuseeland und Australien verhältnismäßig wenig Infektionen und Tote gemeldet wurden. An den offiziell aus China gemeldeten niedrigen Inzidenzen und Sterbefällen gab es hingegen im Rest der Welt immer wieder Zweifel. Vor allem China muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit drakonischen Maßnahmen vorzugehen, die nur in einem autoritären Regime vorstellbar sind. Und: Alle drei Länder hatten sich dauerhaft abgeschottet, was in Europa nur schwer möglich wäre. Seit der Ausbreitung der Delta-Variante scheinen sich Australien und Neuseeland nun außerdem allmählich davon zu verabschieden, die Infektionszahlen um jeden Preis klein halten zu wollen.

Australien und Neuseeland waren bei Alpha-Variante erfolgreich

Matthias Schneider war Mitinitiator der No-Covid-Gruppe, er ist Leiter des Bereichs medizinische und biologische Physik an der TU-Dortmund. Er sieht den No-Covid-Ansatz nicht grundsätzlich als gescheitert an. Richtig sei, dass das Virus nicht mehr verschwinden werde, dass habe man aber auch nie behauptet. Der Ansatz von No Covid bestehe einfach darin, die Gefährdung für die Bevölkerung möglichst gering zu halten, bis genügend Menschen geimpft seien.

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Zumindest bei der Alpha-Variante seien Australien und Neuseeland insgesamt erfolgreich gewesen. „Es sind dort letztendlich deutlich weniger Menschen gestorben, bei verhältnismäßig wenig Einschränkungen öffentlichen Lebens“, sagt der Professor. Er hätte sich gewünscht, die No-Covid-Strategie in Deutschland wenigsten in einem Pilotprojekt auf regionaler Ebene testen zu können.

Von den letzten Entscheidungen der Politik wie der Abkehr von der Inzidenz ist er nicht überzeugt. Wichtig seien zwar tatsächlich nicht die Fallzahlen an sich, sondern die Gefahr, die für die Bevölkerung davon ausgeht. Er befürchtet aber, dass es auf ein „Durchlaufen“ der neuen Variante in der Bevölkerung hinauslaufe. „Dafür ist es zu früh“, sagt Schneider. Hochrechnungen zufolge sollten mindestens 80 Prozent der Bevölkerung und vor allem mindesten 95 Prozent der Menschen über 70 geimpft sein, damit keine große Zahl schwerer Verläufe oder eine Überlastung des Gesundheitssystems drohe. Ziel sei es, dass die Anzahl der Infektionen und eben der schweren Verläufe dann nicht mehr so schnell in die Höhe schnelle und man bei Ausbrüchen notfalls immer noch eingreifen könne.

Tests und Masken auch für Geimpfte

Bis dahin sollten weiter Masken und Tests zum Alltag gehören – auch für Geimpfte, sagt Schneider. Auch Tests seien weiter ein wichtiges Mittel, um den Überblick zu behalten und Ausbrüche schnell eindämmen zu können. Wie das funktionieren könnte, zeigt sich auf dem Campus der TU-Dortmund, wo Schneider tätig ist und im kleinen eine No-Covid-Strategie verfolgt. Dort werden PCR-Tests mit der Lollimethode kostenlos für jeden angeboten. Dabei setzt die Uni auf Freiwilligkeit, dazu aufgerufen werden aber alle, von Studierenden bis zum Kantinenpersonal. Auch Geimpften werde ein Test ein bis zweimal pro Woche empfohlen. Wer sich isolieren muss, wird außerdem unterstützt und von Kommilitonen und Kommilitoninnen mit Einkäufen versorgt. Zusätzlich gelten Hygieneregeln.

Das Konzept soll auch im Wintersemester so beibehalten werden, wenn Tests für Ungeimpfte in anderen Bereichen kostenpflichtig werden. An der TU-Dortmund wird im „Pooling-Modell“ getestet, PCR-Tests können bald zum Preis für einen Euro durchgeführt werden. Die Kosten sollen die Studierenden wohl nicht selbst tragen müssen. „Die Testzelte bleiben auf jeden Fall stehen“, sagt Schneider. Das Modell habe sich jetzt schon ausgezahlt. Die Inzidenz der TU liege bei 1,6: „Auf dem Campus hat es im ganzen letzten Semester nicht eine Ansteckung gegeben.“

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