So schätzen Wissenschaftler die neuen Corona-Regeln des Bundes ein

  • Eher positiv sehen die Experten in unserem Überblick die Corona-Maßnahmen des Bundes.
  • Bei Schulen und dem Schutz älterer Menschen sehen die Wissenschaftler noch Verbesserungspotenzial.
  • Der größte Kritikpunkt: Die Strategie sei nicht langfristig genug.
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Damit die Zahlen der Corona-Infizierten weiter sinken, haben Bund und Länder sich auf eine Verlängerung des Teil-Lockdowns verständigt. Einige Maßnahmen rund um private Kontakte und Schulen wurden sogar verschärft. Was halten Virologen und andere Wissenschaftler von den neuen Corona-Regeln? Ein Überblick.

Virologe Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut

Insbesondere einen stärkeren Fokus auf den Schutz der Menschen über 70 Jahren und Bewohnern von Pflegeheimen zu legen, diesen Ansatz begrüßt der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. „Ich glaube, man muss beides machen: Daran arbeiten, dass sich das Infektionsgeschehen insgesamt verlangsamt, aber auch die älteren Menschen besser schützen“, sagt der Experte des Bernhard-Nocht-Instituts im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Hilfreich würde er unter anderem Teststrategien finden, bei denen das gesamte Pflegepersonal zweimal wöchentlich getestet wird.

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Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit. © Quelle: imago images/Future Image

Seltsam findet der Wissenschaftler jedoch, dass der Fokus so extrem auf Weihnachten liegt: „Wir brauchen eine langfristige Strategie mindestens bis Sommer 2021. Die Probleme werden uns die nächsten Monate begleiten“, sagt Schmidt-Chanasit. Gleichzeitig zeigt er sich aber verständnisvoll gegenüber Menschen, er nennt als Beispiele Demenz- oder Schwerkranke, die vielleicht dieses Jahr zum letzten Mal Heiligabend erleben. Durch Antigen- oder PCR-Tests könne in solchen Ausnahmefällen ein möglichst sicheres Fest gewährleistet werden. „Ich halte es für berechtigt, dieses technische Mittel, also die Tests, hier einzusetzen“, meint der Experte.

Ein weiterer Punkt des Forschers: Maßnahmen sollten nicht nach ihrer Härte, sondern nach ihrer Wirksamkeit beurteilt werden. „Eine harte Maßnahme hilft nichts, wenn sie nicht in der Bevölkerung umgesetzt wird“, sagt Schmidt-Chanasit. Es solle verstärkt auf Aufklärung und Hilfe, statt Apelle gesetzt werden. Der Wissenschaftler spricht von einer Art Sozialarbeit und erinnert an das Beispiel Thailand. Dort gehen sogenannte Health Volunteers durch die Dörfer und Bezirke und bieten Informationen und Hilfe an.

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Corona-Maßnahmen: Die Dezember-Verordnungen im Überblick
2:53 min
Bund und Länder verschärfen angesichts der anhaltend hohen Corona-Infektionszahlen den Kurs in der Pandemie, mit Ausnahme von Weihnachten.  © Reuters

Virologin Brinkmann vom Helmholtz-Institut

Aus Sicht der Virologin Melanie Brinkmann gehen die am Mittwoch beschlossenen Corona-Regeln nicht weit genug. Sie hätte sich gerade für die älteren Schüler einen Übergang zum Hybridunterricht und klarere Beschlüsse bei der Maskenpflicht gewünscht, sagte die Leiterin der Arbeitsgruppe Virale Immunmodulation am Helmholtz-Institut für Infektionsforschung am späten Mittwochabend im Deutschlandfunk.

Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. © Quelle: Michael Sohn/POOL AP/dpa

Auch die Lockerung der Kontaktbeschränkungen an den Weihnachtstagen finde sie als Virologin nicht nachvollziehbar. „Ich glaube nicht, dass wir die Zahlen bis dahin so weit runtergedrückt haben, dass wir da entspannt sein können.“ Es sei zwar wichtig, dass Menschen an Weihnachten nicht alleine blieben. Man solle aber nur eine begrenzte Zahl von Menschen treffen und aufpassen, dass man keine älteren Menschen anstecke.

Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärztebundes

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Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery ist überzeugt, dass die Pandemie in Deutschland gut ausgebremst wurde – uns aber dennoch bis Ende 2021 omnipräsent sein wird. © Quelle: dpa/RND Montage Behrens

Dass die Corona-Beschränkungen bis kurz vor Weihnachten verlängert werden, begrüßt Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärztebundes. „Ich halte die Maßnahmen im Grundsatz für richtig“, sagte er dem RND. Laxere Sonderregelungen für einzelne Bundesländer sieht er kritisch. Dass die Mindestmaßnahmen deutschlandweit einheitlich sind, hält er für sehr wichtig.

Aus medizinisch-epidemiologischer Sicht müsse man die Einschränkungen eigentlich aufrechterhalten – und zwar bis die Infektionszahlen unter dem Wert von 50 pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen liegen würden. „Aber wir müssen natürlich auch die sozialen Folgen der Einschränkungen sehen. Deshalb werden wir ein leichtes Ansteigen der Zahlen nach Weihnachten in Kauf nehmen müssen. Es geht nicht anders“, meint Montgomery.

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Mathematikerin Schöbel von der Fraunhofer-Gesellschaft

Prof. Anita Schöbel, Leiterin am Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft. © Quelle: Fraunhofer ITWM

Anita Schöbel befürwortet das Beibehalten des Teil-Lockdowns. Die Leiterin am Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft gehört zu einer institutsübergreifenden Gruppe mehrerer Modellierer, die die Bundesregierung zum Infektionsgeschehen beraten. Ein Knackpunkt seien die Schulen, die offen bleiben sollen. Hybrid- und Wechselunterricht hält Schöbel für einen sehr guten Kompromiss. „Unsere Simulationen zeigen, dass Wechselunterricht bezüglich des Infektionsgeschehens fast genauso viel bringt wie Schulschließungen.“

Schöbel prognostiziert mit Blick auf die geplanten Lockerungen an Weihnachten: „Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit – die von der Infektionslage vor Weihnachten abhängt – werden sich über Weihnachten Personen bei ihren Verwandten anstecken.“

Mathematiker Fuhrmann vom Forschungszentrum Jülich

Jan Fuhrmann, Forschungszentrum Jülich. © Quelle: Forschungszentrum Jülich

Die Gefahr vieler kleiner Superspreading-Events sieht auch Jan Fuhrmann, Mathematiker am Forschungszentrum Jülich. Es könne sein, dass es gerade über die Feiertage wieder zu mehr Infektionen kommt. Wenn aber alle freiwillig im Privaten Abstand halten, nur im kleinen Kreis feiern und regelmäßig lüften, könnte der befürchtete Anstieg der Fallzahlen im Januar auch ausbleiben.

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