Neue Studie: Coronavirus verbreitete sich etwas eher als bisher angenommen

  • Trat Corona seinen verheerenden Zug um den Globus schon früher an als bisher gedacht?
  • Wissenschaftler der Universität von London sind in einer neuen Studie zu dem Schluss gekommen. Danach tauchte das Virus bereits Ende 2019 auf und breitete sich mit hoher Geschwindigkeit aus.
  • Allerdings schließen die Forscher aus, dass das Virus lange unbemerkt existierte.
|
Anzeige
Anzeige

Die Studie mit dem Namen “Mutations in SARS-CoV-2 offer insights into virus evolution” (Mutationen von Sars-CoV-2 geben Einblicke in die Evolution des Virus) ist das Ergebnis von Tests mit 7500 Covid-19-Patienten weltweit. Dabei entdeckten die Forscher vom University College London (UCL) unterschiedliche Strukturen im Genom des Virus, die unter anderem Aufschluss über die Zusammensetzung künftiger Impfstoffe und Medikamente gegen Covid-19 geben könnten.

Die Studie des UCL-Instituts für Genetik entdeckte insgesamt 198 wiederkehrende Mutationen des Virus, die Rückschlüsse darauf zuließen, so die Forscher, wie sich das Virus seinem menschlichen Wirt anpassen und sich weiterentwickeln kann. Die Ergebnisse, die in dem Fachblatt “Infection, Genetics and Evolution” veröffentlicht wurden, hielten noch eine weitere überraschende Erkenntnis bereit: Das Virus trat bereits Ende 2019 massiv auf.

Ein Großteil der globalen genetischen Unterschiede des Coronavirus kam laut der Studie in den Ländern mit den stärksten Corona-Ausbrüchen vor. Das, so die Wissenschaftler, lasse auf eine große globale Ausbreitung des Virus bereits kurz nach seinem Auftreten Ende 2019 schließen. Einen “Patienten 0” habe es in den meisten Ländern somit nicht gegeben.

“Mutationen per se sind nichts Schlimmes”

Professor François Balloux, Co-Autor der Studie, sagt: “Alle Viren mutieren, das ist ganz natürlich. Mutationen per se sind nichts Schlimmes, und es gibt keinerlei Anlass anzunehmen, dass Sars-CoV-2 schneller oder langsamer mutiere als angenommen. Bisher können wir nicht sagen, ob das Virus tödlicher und ansteckender wird oder nicht.”

Balloux sagte dem Sender CNN, dass viele Ärzte gehofft hätten, dass das Virus schon früher als Ende 2019 aufgetreten sei und es somit schon größere Immunpopulationen gebe. “Alle Ärzte hatten darauf gehofft – ich auch”, sagte Balloux. Deshalb, so Balloux, sei “jegliches Szenario, nach dem das Virus bereits länger unterwegs war, bevor es entdeckt wurde, und so bereits weite Bevölkerungsteile infiziert habe, auszuschließen.”

Anzeige
Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen

Dennoch biete das frühere Auftauchen des Virus Ende 2019 Chancen für die Forschung, auch wenn es nicht wesentlich länger unterwegs war als gedacht. “Eine der größten Herausforderungen bei der Virusbekämpfung ist, dass eine Impfung oder ein Medikament ihre Wirkung verlieren können, wenn das Virus mutiert. Wenn wir unsere Anstrengungen auf die Teile des Virus konzentrieren, bei denen Mutationen weniger wahrscheinlich sind, haben wir bessere Chancen, Mittel zu entwickeln, die langfristig wirksam sind.” Die kleineren genetischen Veränderungen oder Mutationen, die die Wissenschaftler entdeckten, seien nicht gleichmäßig über das Genom des Virus verteilt gewesen. Da einige Teile nur sehr wenig Mutationen aufgewiesen hätten, könnten sie bessere Ziele für die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen sein.

“Wir müssen Medikamente und Impfstoffe entwickeln, denen das Virus nicht ausweichen kann”, sagt Lucy van Dorp, eine weitere Co-Autorin der Studie. “Es gibt nach wie vor nur sehr geringe genetische Unterschiede oder Mutationen zwischen Viren. Wir haben herausgefunden, dass während der Pandemie einige dieser Unterschiede unabhängig voneinander häufiger aufgetreten sind – da jetzt immer mehr Genome zur Verfügung stehen, müssen wir die genau im Blick behalten und sie weiter erforschen, um ihre Funktionen genau zu verstehen.”

Neue interaktive Online-Anwendung für alle Forscher

Dazu haben die Forscher des UCL eine neue interaktive Online-Anwendung entwickelt, die Wissenschaftlern weltweit erlaubt, auf die Virusgenome zuzugreifen und so die Evolution des Virus besser zu verstehen.

Aus all ihren Untersuchungen lasse sich ableiten, dass Sars-CoV-2-Viren einen gemeinsamen Ahnen haben, der Ende 2019 von seinem vormaligen tierischen Wirt auf den Menschen übergesprungen sei. Es sei also höchst unwahrscheinlich, dass der Covid-19-Erreger bereits länger unter Menschen aufgetreten sei, bevor man ihn erstmals entdeckt habe, so die Forscher vom UCL.

Anzeige

Diese Aussage werde auch dadurch gestützt, dass in vielen Ländern – Großbritannien eingeschlossen – die Vielfalt der untersuchten Sars-CoV-2-Viren beinahe der globalen Verschiedenheit entsprochen habe, was bedeutet, dass es mehrfach und unabhängig von anderen Fällen ins Land gekommen sei – auch das ein Beleg für das Fehlen des “Patienten 0”.

Zuvor hatten bereits französische Forscher auf einen wahrscheinlichen Covid-19-Fall aus dem Monat Dezember des Jahres 2019 hingewiesen.

RND

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen