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Angstforscher erklärt: Warum viele Menschen entspannt auf die steigenden Corona-Zahlen reagieren

  • Die Corona-Fallzahlen steigen wieder – und die Menschen reagieren darauf sehr unterschiedlich.
  • Manche sind verunsichert, manche ignorieren die täglichen Meldungen einfach. Unterschätzen wir die Gefahr der steigenden Infektionen?
  • Ja, meint Angstforscher Borwin Bandelow und erläutert im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) die Hintergründe.
Katrin Schreiter
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Göttingen. Die Zahl der Corona-Infizierten steigt, die Hospitalisierungsinzidenz ebenfalls – und dennoch scheint sich bei großen Teilen der Bevölkerung so etwas wie eine Corona-Gelassenheit breitzumachen. Woran das liegen könnte und wie gefährlich das sein kann, erklärt Professor Borwin Bandelow, Arzt für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Göttingen, im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Herr Bandelow, inzwischen entsteht der Eindruck: Viele Menschen verhalten sich so, als sei die Pandemie vorbei. Nach dem Motto: Augen zu, und dann gibt es Corona nicht mehr. Stimmt das?

Ja, vor allem bei vielen Geimpften ist zu beobachten, dass sie sich sehr sicher fühlen. Sie glauben mittlerweile, Corona sei das Problem anderer Leute. Obwohl sie sich natürlich auch anstecken können – denn keiner weiß genau, wie lange der Immunschutz hält. Aber zunehmend gewöhnen wir uns auch an die Gefahr.

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Das klingt gefährlich.

Das ist es zum Teil auch. Aber andererseits ist es auch eine normale Reaktion auf eine Gefahr.

Inwiefern?

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Am Anfang reagieren die Menschen in der Regel sehr ängstlich, weil die Situation neu ist und unbeherrschbar erscheint. Dann haben wir davor mehr Angst als vor bekannten Gefahren, wie Autounfällen oder der Grippewelle. Einige Zeit später schätzt man das Ganze realistischer ein – und irgendwann gewöhnt man sich an die Gefahr. Denken wir nur an die Bewohner beispielsweise in Kabul, wo tagtäglich Anschläge zu erwarten sind. Die Leute gehen trotzdem auf den Markt. Und ja, das kann in der Tat gefährlich werden.

Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen. © Quelle: picture alliance / Eventpress
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Haben Sie den Eindruck, dass man mehr Angst vor dem Virus haben sollte?

Man sollte auf jeden Fall vorsichtig bleiben. Es sterben ja schließlich noch jeden Tag zahlreiche Menschen an Corona.

Diese Zahlen werden ja auch kommuniziert …

… das schon. Aber viele Leute wollen keine Zahlen mehr vergleichen und keine Statistiken anschauen. Sie wollen die positiven Dinge sehen. Und da die Inzidenzzahlen nicht mehr so wichtig genommen werden, glauben sie, die Pandemie sei vorbei.

Oft kann man da auch eine gewisse Hilflosigkeit beobachten.

Hilflosigkeit zum einen, aber auch Wut und Ärger zum anderen, weil viele den Eindruck haben, all die Einschränkungen hätten nichts gebracht. Sie haben das Gefühl, dass es endlos so weitergehen könnte.

Es gibt aber auch die Menschen, die permanent in Panik sind.

Ja, das ist das andere Extrem. Oft steckt dahinter eine generalisierte Angststörung – die Betroffenen haben übertriebene Angst. Mitunter auch, wenn es objektiv gar keinen Grund dafür gibt. Selbst wenn sie geimpft sind, haben sie noch Angst, dass sie an Corona sterben könnten. In solchen Fällen rate ich unbedingt, einen Facharzt aufzusuchen.

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